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Reportage

Halbzeit bei der ÖH-Wahl: "Wie soll uns jemand ernst nehmen?"

Am Tag Zwei der ÖH-Wahl hofft man noch auf eine steigende Wahlbeteiligung. An der Wiener TU waren bisher nicht einmal fünf Prozent wählen.
Am Tag Zwei der ÖH-Wahl hofft man noch auf eine steigende Wahlbeteiligung. An der Wiener TU waren bisher nicht einmal fünf Prozent wählen.(c) Wenzel
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Am Tag der Öffnungen hoffte man auch bei der ÖH-Wahlbeteiligung auf einen Schub. Die Befürchtungen im Vorfeld könnten aber noch übertroffen werden: An der Uni Wien lag sie nach Dienstagabend bei nicht einmal drei Prozent.

„Barbra Streisand“ von Duck Sauce ertönt aus den portablen Lautsprechern, die die Blüten der roten Kastanien von weitem hörbar beschallen. „Eat the rich!“ ist auf schwarzen Jutebeuteln zu lesen, die auf den Lautsprechern drapiert wurden. „Das Leben ist zu kurz für ein Scheiß Studium“, steht auf einem Plakat daneben. Aus der Ferne könnte man an diesem Mittwoch fast den Eindruck gewinnen, die ÖH-Wahl laufe ab wie immer.

Eine Traube Studierender hat sich am zweiten Tag der Wahl vor dem Eingang des Hauptgebäudes der Technischen Uni (TU) am Karlsplatz formiert. Sie verteilen, gekleidet in grellem Pink, Orange oder Grün, Flyer an Passanten. Auf den Tischen unter den Pavillons ihrer wahlwerbenden Fraktionen tummeln sich Makava-Eisteeflaschen, Webcam-Abkleber und selbstgemachte Brownies. Ein Karton Wieselburger-Bier beschwert einen der Ständer, der immer wieder droht, vom Wind verweht zu werden.

An der Wiener TU herrscht am Mittwoch Wahlkampfstimmung - nur ohne Wähler.
An der Wiener TU herrscht am Mittwoch Wahlkampfstimmung - nur ohne Wähler.(c) Wenzel

Abgesehen von den gratis Werbegeschenken, der lauten Musik und der pointierten Aufschriften ist im Studentenwahlkampf 2021 aber so gut wie nichts wie immer. Seit mehr als einem Jahr verbringen die Studierenden die meiste Zeit zu Hause im Distance Learning. Käsekrainer und Freibier, die sonst den einen oder anderen Studenten zur ÖH-Wahl locken, fallen heuer gänzlich aus. So war schon im Vorhinein klar gewesen, dass die Wahlbeteiligung, die schon in den Vorjahren am unteren Ende der Skala grundelte, wohl weitersinken wird. 2019 war sie mit 25,8 Prozent bereits historisch niedrig. 2021 erwarten viele einen neuen Negativrekord.

Weniger als drei Prozent an Österreichs größter Uni

Bis Mittwochfrüh vermeldete die ÖH-Zentrale einen düsteren Zwischenstand. Am höchsten lag die Beteiligung an der Montanuniversität Leoben mit 19 Prozent (578 Stimmen). An der Uni Innsbruck waren es hingegen nur 6,4 Prozent (1629). An Österreichs größter Uni, der Universität Wien, waren es gar nur 2,9 Prozent (2277). „Gestern war erschreckend wenig los, trotz Corona“, sagt Patrick Schieber, der dort in der Hauptwahlkommission sitzt über den Dienstag. „Als größte Uni Österreichs hatte ich erwartet, dass die Wahlbeteiligung höher sein wird.“

Zwar hatten vom aktuellen bis zum ehemaligen Bundespräsidenten viele politische Persönlichkeiten im Vorfeld für die Teilnahme geworben, die österreichischen Studenten aber dürfte das nicht beeindruckt haben. An der Wiener TU, deren technische Fächer verhältnismäßig viel Präsenz erfordern, waren es am Dienstagabend auch nicht mehr als fünf Prozent, hieß es beim Lokalaugenschein. „Tut mir leid, dass wir euch belagern, aber die Wahlbeteiligung ist zu wichtig“, meinte dabei ein TU-Vertreter der Jungen Liberalen (Junos) an zwei junge Männer.

Sabine Hanger, die aktuelle bundesweite ÖH-Vorsitzende von der Aktionsgemeinschaft (AG), appellierte unterdessen an die Studierenden, noch wählen zu gehen. Die Wahllokale an den Unis schließen am Donnerstag um 14 Uhr. Sie gab sich am Mittwoch optimistisch: „Momentan steht die bundesweite Wahlbeteiligung nicht so viel schlechter da als 2019. Aber wie bei allen ÖH-Wahlen der vergangenen Jahre gibt es noch ordentlich Platz nach oben“.

Victoria Haider, stellvertretende Vorsitzende der Fakultätsvertretung am Wiener Juridicum, zeigte sich unterdessen besorgt: „Wie soll uns jemand als Interessensvertretung noch ernst nehmen, wenn das nicht mal bei unserer Zielgruppe der Fall ist?“