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Forschungsdaten

„Niemand will wissen, was Herr Müller macht“

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Das Austria Micro Data Center (AMDC) soll mit Jahresbeginn starten. Datenschützer haben zuletzt gewarnt, Forscher sehen vor allem die Chancen. Sie könnten auch Entscheidungsgrundlagen für die Politik liefern.

Wer weiß, wie viele Patienten in Intensivbetten gegen Covid-19 geimpft und wie viele ungeimpft sind und aus welchen Berufsgruppen sie kommen, kann gezielter gegen die Pandemie ankämpfen. Derzeit gibt es dazu aber nur anekdotisches Wissen. Denn die dazu nötige Verknüpfung der Daten war bisher nicht möglich. Das soll sich nun mit dem Austria Micro Data Center ändern. Die Begutachtungsphase für die dazu notwendigen Gesetzesänderungen wurde kürzlich abgeschlossen.

Eigentlich war die Öffnung sogenannter Registerdaten, also Informationen, die bei der Statistik Austria liegen und allerlei Merkmale der österreichischen Bevölkerung abbilden, als Projekt für die Forschung gedacht. Die möglichen Anwendungsfelder sind breit, sie reichen von Analysen, wie sich die Ausbildung auf das künftige Einkommen auswirkt, bis zur Innovationsforschung. Von einem „Meilenstein“ für die heimische Forschung“ spricht daher Komplexitätsforscher Stefan Thurner, Chef des Complexity Science Hub (CSH) Vienna. Dieser sei bisher bei vielen Fragen auf Daten aus dem Ausland angewiesen gewesen.

Virtuelles Arbeitszimmer

Naturgemäß kaum euphorisch hatten zuletzt Datenschützer auf den Vorstoß reagiert, von einer Datenschutzkatastrophe war da gar die Rede. Man nehme diese Bedenken ernst, heißt es dazu aus dem Wissenschaftsministerium. Am Rand der Alpbacher Technologiegespräche präsentierte man, wie die geplanten Regelungen aussehen – und wie die Daten geschützt werden sollen.

So erfolgt der Zugriff etwa nicht auf die Registerdaten selbst, sondern lediglich auf konkrete Dateninhalte, die für ein Forschungsprojekt gebraucht werden. Die Nutzung ist nur für wissenschaftliche Einrichtungen möglich und muss vorab beantragt werden. Die Daten verlassen den Server der Statistik Austria nicht, sie verbleiben in einem virtuellen, speziell gesicherten Raum und können nicht lokal abgespeichert werden. Wissenschaftler laden lediglich Ergebnistabellen herunter, zuvor wird kontrolliert, dass keine Rückschlüsse auf einzelne Personen möglich sind. Es gehe der Wissenschaft aber ohnehin um Erkenntnisse im größeren Rahmen, sagt Tobias Thomas, Generaldirektor der Statistik Austria: Kein Forscher wolle wissen, was Herr Müller oder Frau Mayer macht. Bei Verstößen drohen strenge Konsequenzen. Mit einem Missbrauch breche man das Amtsgeheimnis, und das könne auch strafrechtliche Konsequenzen haben, erklärte Thomas.

Sind die erforderlichen Änderungen im Bundesstatistikgesetz und Forschungsorganisationsgesetz erfolgt, soll das Mikrodatenzentrum ab 1. Jänner 2022 bei der Statistik Austria aufgebaut werden, Mitte 2022 könnten erste Forschungsfragen beantwortet werden. Rückschlüsse von mit Covid-19-Patienten besetzten Intensivbetten auf bestimmte Bevölkerungsgruppen dürften dann aber auch nicht ohne Weiteres möglich sein. „Gesundheitsdaten liegen nicht bei uns“, sagt Thomas. Sollen etwa Daten aus der Elektronischen Gesundheitsakte einfließen, wäre dafür noch eine eigene Verordnung des zuständigen Ministers nötig. Komplexitätsforscher Thurner wünscht sich daher eine unabhängige „Medizindatenstelle“ als mögliche künftige Ergänzung des AMDC: Dort könne man auch Fragen zu Nebenwirkungen von Medikamenten oder den Erfolgschancen von Therapien beantworten.