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Runde durch den Festivalzirkus: Wo steht die Viennale?

In der Eventkultur-Ära sind auch Filmfestspiele ein Markt. Qualität ist möglich. Ein Streifzug durch die Szene von Cannes bis Wien.

1955 schrieb der große französische Kritiker André Bazin in den „Cahiers du cinéma“ einen amüsanten Text, in dem er das Filmfestival als „religiösen Orden“ betrachtete: Der Ablauf von Cannes seien „17 Tage frommen Rückzugs und völlig ,regulierten‘ Lebens“. Die tägliche Morgenmesse (erste Pressevorführung) um 10.30 Uhr und die erste Pressekonferenz um 12.30 Uhr vor der Essenspause, um 15 Uhr Rückkehr in die „Basilika“ des Palais des Festivals, nach der Vesper innere Sammlung zum Diktieren des Texts für die Morgenausgabe, dann die „wichtigste Zeremonie des Tages: Wahl der Ordenstracht“. Denn bei der Nachtmette herrsche strengste Kleiderordnung.

Bei aller Ironie entspricht Bazins Beschreibung des Festivals als feierlicher Ort einem vorherrschenden Bild, dabei hat Cannes heute nichts mehr mit dem damaligen Festival zu tun, als sich die Teilnehmer kannten und der Zugang zu den Künstlern und Stars leicht war. Die Zahl der Filme ist explodiert, ebenso die der Akkreditierten, ganz zu schweigen von den Teilnehmern am riesigen Filmmarkt, der neben dem Festival abgewickelt wird: Wie Venedig, Berlin oder Toronto ist Cannes eben kein Publikums-, sondern ein Geschäftsfestival. Und damit von bestimmten Interessengruppen abhängig: Kompromisse gibt es nicht nur für Hollywood-Starglamour, sondern auch mit den mächtigen Weltvertrieben, die den Kunstfilmsektor beherrschen – auch der ist längst ein Markt. Qualität schließt das nicht aus (gerade Venedig bewährt sich mit bemerkenswerter Selektion), zumal die vier genannten Festivals auch als Einzige fast alle Filme bekommen, die sie wollen: Sie sind auch die besten Orte, um einen Film zu lancieren. Trotzdem lässt sich der Wandel der Kultur ablesen: Die wird zusehends vom Event-Charakter getrieben, nicht von Qualitätsüberlegungen. Das ist auch journalistisch zu spüren: Massenabfertigung in Gruppen regiert bei „Exklusivinterviews“ mit großen Namen, statt wirklich analytischer Kritik gibt es mediengerechte Trendgeschichten – auch wenn die Festivals längst so groß geworden sind, dass es unmöglich ist, annähernd alle Filme zu sehen (und ein letztgültiges Urteil zu fällen).


Publikumsfestivals. Ebenso unüberschaubar ist die Anzahl der Filmfestivals weltweit, die wohl – samt zahlloser Festivals für spezialisierte Nischen – schon die 2000er-Grenze überschritten hat: Jeden Tag werden also drei eröffnet. Die meisten sind Publikumsfestivals: Die Ticketeinnahmen sind wichtig für das Budget, es geht nicht zuletzt darum, Filme zu zeigen, die sonst nicht zu sehen wären, das Programm speist sich vor allem aus Premieren der großen Wettbewerbsfestivals. Nur eine Handvoll hat sich dabei global als cinephile Qualitätsveranstaltung etabliert: Zum exklusiven Kreis gehören Rotterdam, Buenos Aires, Vancouver, San Francisco, Lissabon – und die Wiener Viennale. Manche davon haben einen kleineren Wettbewerb, mit dem auch eine bestimmte Marke besetzt wird (etwa junges asiatisches Kino in Vancouver), alle haben ihre Stärken und Schwächen.

Je weniger Premierendruck etwa, desto vorteilhafter ist das für die Qualität der Auswahl: Schon die zweite Liga der Wettbewerbsfestivals wie Locarno hat gegenüber den ganz Großen das Nachsehen beim Ringen um Uraufführungen. Es ist zugleich ein Beispiel dafür, dass fast alle Festivals in gewissen Abstufungen zwischen den Endpunkten des Geschäfts- und Publikumsmodells liegen. So schrauben neuere Veranstaltungen wie in Rom und Zürich mit Geld und Stars ihren Event-Faktor hoch, was aber die Auswahl selbst nicht verbessert. Dabei geht es weniger um einzelne Filme, sondern um ein Gesamtkonzept: Statt also Erbsenzählerei zu betreiben und sich wegen ein paar Dutzend neuer Filme zu beklagen, die auf der Viennale sein sollten, es aber nicht sind (wobei die Gründe da auch nur geschäftlicher Natur sein können: Weltvertriebe verfolgen territoriale Strategien und verlangen öfters Wucherpreise), sollte man sich lieber über ein paar Dutzend freuen, die Wiens Kinolandschaft bereichern, zumal im heurigen Viennale-Programm eine Öffnung Richtung Vielfalt besonders positiv auffällt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2010)