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Auswege

TCM-Arzt: "Angst ist der größte Hemmer unseres Immunsystems"

(c) Mirjam Reither, Presse
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Osten und Westen gehen mit Angst anders um, sagt Georg Weidinger, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Traditionelle Chinesische Medizin. Das Coronavirus beflügle das Entstehen irrationaler Ängste.

Die Presse: Angst, was ist das eigentlich?

Georg Weidinger: Das kommt darauf an, wen Sie fragen: Jemanden aus dem Westen, also grob gesagt aus den USA oder Europa, oder jemanden aus dem Osten, dem asiatischen Raum.

Das klingt, als wäre Angst ortsabhängig.

Ja und nein. Es stimmt, das Gefühl der Angst teilen wir alle. Der Umgang damit unterscheidet sich aber. Im Westen wird Angst als eine sehr alte Emotion verstanden, die im limbischen System, einem sehr alten Teil unseres Gehirns, sitzt. Sie schützt uns davor, lebensbedrohlichen Blödsinn zu tun – von einem Tiger gefressen zu werden oder aus Frust über das Schlechtwetter aus dem Fenster zu springen. Im Osten wird traditionell den fünf großen Organen je ein Gefühl zugeordnet. Sind diese in Balance, ist man ausgeglichen, ist ein Organ geschwächt, kommt das Gefühl als Symptom auf – danach sitzt die Angst in der Niere, die Wut in der Leber, die Freude im Herzen.

Wenn jemand Panik vor Hunden hat, liegt das folglich an einer geschwächten Niere?

Sie wird dadurch jedenfalls verstärkt. Eine Frau ist, sobald sie Mutter wird, von Natur aus ängstlicher – ihre Niere ist von der Geburt geschwächt. Dazu kommen die Psyche und der Instinkt: Sie tut nichts, was ihr Kind gefährdet – meidet Hunde und Höhen. Hat sie sich erholt, fallen die Ängste wieder ab. Ich stelle mir das so vor: In jedem Organ – das ich mir als Badewanne vorstelle – sitzt ein Geist. Ist die Wanne voll, ist er entspannt und bleibt darin liegen. Ist sie leer, wird er ungehalten, steigt heraus und macht Unruhe. So entstehen die körperlichen Beschwerden.

Und wer länger an Ängsten oder Panikattacken leidet, hat eben jahrelang körperliche Defizite, von denen er nichts ahnt?

Ja. So interpretiert man das in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Jede traumatische Erfahrung, kann sich körperlich festsetzen. Nicht nur in Angst, sondern auch in Form von Anspannung oder Aggression: Dahinter steckt dann der Geist der Leber.

Was lässt sich dagegen tun?

Im Westen konzentrieren wir uns auf das Gefühl der Angst und machen alles, damit es verschwindet. Wir nehmen Medikamente, wir konfrontieren uns damit – lassen uns im Tierheim von Hunden umringen oder zwingen uns immer wieder über eine Brücke. Wir gehen in Therapie, um die Angst rational aufzulösen, schlechte Erlebnisse aus der Kindheit neu zu bewerten, sodass sie ihren Schrecken verlieren. Das unterscheidet uns vom Tier: Erlebt ein Tier einmal Angst, hat es diese immer und versucht, angstauslösende Situationen zu vermeiden. Nur der Mensch hat die Riesenchance, seine Angst mit Gedanken zu beeinflussen.

Und wie reagiert man im asiatischen Raum?

In China und Indien konzentriert man sich nicht auf das Schwächegefühl, sondern darauf, Körper und Geist zu stärken. Vertrauen ist der Feind der Angst, also übt man sich in Vertrauen in sich selbst und die Welt. Man bemüht sich um wenig Stress, einen guten Schlaf, ausreichend Sport, eine ausgewogene Ernährung, einen regelmäßigen Tagesablauf. Wer ausgeglichen ist, hat weniger Angst. Die TCM besteht zu 80 Prozent aus einer bewussten Lebensführung und zu je zehn Prozent aus Akupunktur und der Einnahme von Kräutern.

Sie sind seit 2015 Präsident der Österreichischen Gesellschaft für TCM, halten seit 2016 entsprechende Lehrgänge ab, schreiben Bücher, empfehlen Granulate von chinesischen Kräutern. Werden Sie von Schulmedizinern deswegen belächelt?

Ich beobachte, dass es vielen leichter fällt, etwas lächerlich zu machen, als zuzugeben, dass man keine Ahnung hat. Tatsache ist: Viele Studien belegen die positive Wirkung von Kräutern bei einer Krebserkrankung – zum Missfallen der Pharmaindustrie. Die WHO aber hat die TCM mittlerweile als Heilmethode anerkannt, nun fehlt noch die Synthese von West- und Ost-Medizin in der Praxis. Ich bin auch Notarzt – liegt jemand bewusstlos am Boden, greife ich manchmal auch zur Akupunkturnadel als zur Tablette, um ihn wieder wach zu bekommen.

Welche Kräuter helfen bei Angstzuständen?

Westliche haben wir zum Beispiel Johanniskraut und Rosenwurz. Diese lösen Ängste und wirken gegen Stress und Depressionen, ähnlich wie die Rehmannia-Mischung in der TCM. Auch Hanf, Hopfen und Lavendel lösen Spannungen. Es sind aber nicht die Kräuter allein, die helfen: Schon alleine das Ritual, mehrmals täglich Tee zuzubereiten, bringt Ruhe und Struktur.

Im Buch »Frei von Angst durch die Heilung aus der Mitte« versuchen Sie, die zwei Welten zusammenzuführen. Gelingt es?

Ich habe es so konzipiert, dass man es von beiden Seiten lesen kann, die sich in der Mitte treffen. Außerdem gibt es einen Notfallkoffer – Kontakte zu Menschen. Sie sind – mehr als jede Medizin – letztlich der Schlüssel, den es braucht, um uns aus der Angst zu holen, wenn wir stecken bleiben.

Wann hatten Sie Angst und wer half Ihnen?

Als Kind war ich schwerster Asthmatiker. Das hat mir große Angst gemacht – sicher ein Grund, warum es stärker wurde. Mit 13 war es so extrem, dass ich beinahe erstickt wäre. Also entschied ich, Arzt zu werden. Ich las Fachbücher, probierte jedes Medikament an mir aus – da mein Vater Chefarzt war, hatten wir so gut wie alles im Arzneimittelschrank. Nichts half. Während des Studiums stieß ich zufällig auf die TCM und begann, mich selbst zu akupunktieren – seither ist das Asthma weg. Ich machte weiter – und ergänzte mein Schulmedizinwissen um Atemübungen und Yoga.

Ängstigt Sie heute noch etwas?

Derzeit entstehen viele Ängste, die wir als real erleben, die aber nicht real sind. 9/11 hat die Angst vor dem Terror ins Wohnzimmer gebracht, das Coronavirus die Angst, jeden anstecken und damit töten zu können. Das ist kontraproduktiv: Wir sollten die Pandemie als Chance sehen, unseren Körper zu stärken. Angst ist der größte Hemmer unseres Immunsystems und der Türöffner für Depression und Krankheit.

Steckbrief

Georg Weidinger, geboren im Dezember 1968 in Wien, studierte Medizin und Psychologie an der Universität Wien sowie Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) an der Medchin bei François Ramakers und Gertrude Kubiena. Seit 2015 ist Weidinger Präsident der Österreichischen Gesellschaft für TCM und Lehrender für TCM. Er lebt als Arzt, Autor, Yoga-Lehrer und Musiker mit seiner Frau und drei Kindern im Burgenland.

„Die Heilung der Mitte. Die Kraft der Traditionellen Chinesischen Medizin“, lautet der Titel seines Debütbuchs als Autos aus dem Jahr 2011.

„Frei von Angst durch die Heilung der Mitte“ lautet der Titel seines aktuellen Buches, das 2021 im Kneipp-Verlag erschienen ist.