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Buch

Eine Familie als Forschungsgegenstand

(c) imago images/Insidefoto (Samantha Zucchi Insidefoto via www.imago-images.de)
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In seinem Buch „Hidden Valley Road“ erzählt Robert Kolker die Geschichte der US-Familie Galvin, in der sechs von zwölf Kindern an Schizophrenie erkrankt waren.

„Wenn Mary nach der Schule nach Hause kommt, ist ihr Bruder manchmal mit etwas beschäftigt, das nur er allein versteht – etwa, wenn er das gesamte Mobiliar des Hauses in den Hinterhof verlagert oder Salz ins Aquarium kippt und dadurch alle Fische vergiftet. Oder er ist im Bad und erbricht seine Medikamente: Stelazine und Thorazine und Haldol und Prolixine und Artane.“ In seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch „Hidden Valley Road − Im Kopf einer amerikanischen Familie“ beschreibt Robert Kolker mit so nüchterner wie erschreckender Präzision das Leben der Großfamilie Galvin, in der sechs von zwölf Kindern an Schizophrenie erkrankt waren. Und mit ihrer bereitwilligen Teilnahme an medizinischen Studien in den 1970er-Jahren entscheidend dazu beigetragen haben, die Hintergründe der Krankheit besser zu verstehen und den Weg für therapeutische Maßnahmen zu ebnen.

Wilde Theorien.
Wobei der US-Reporter einerseits medizinisch-pharmakologisch-psychologische Bewegungen und Entwicklungen zu diesem Thema in den Jahren zwischen 1945 und 1965, in denen die Galvin-Kinder geboren wurden, aufzeigt. Aber auf den knapp 500 Seiten auch respektvoll eindringliche Lebensgeschichten erzählt, allen voran die der gesunden Schwester Mary, später Lindsay, die sich bis heute um ihre erkrankten Familien-Mitglieder kümmert − obwohl sie als Kind neben anderem Leid auch von einem ihrer erkrankten Brüder missbraucht wurde. Sorgfältig zeichnet Kolker dabei den Background der Eltern, besonders der Matriarchin Mimi, nach. Die mit beeindruckender Stärke selbst dann noch für ihre Familie sorgte, als ihre erwachsenen, erkrankten Söhne mehr oder weniger regelmäßig zwischen ihrem Elternhaus und einer psychiatrischen Einrichtung, dem „Pueblo“, in der Nähe pendelten. Und als gebildete Frau dabei zeitweise auch noch die Theorie der „dominanten Mutter, die übermächtig ihre Kinder in den Wahn treibt,“ ertragen musste. Eine Facette im ständig schwelenden „Umwelt oder Anlage“-Streit, der seit Jahrzehnten die wissenschaftliche Debatte bei psychischen oder kognitiven Störungen oder Glanzleistungen dominiert. Ihr hält Kolker das Zitat eines Psychiaters entgegen, der sagt: „Wenn schlechte Erziehung irgendeine dieser Erkrankungen auslösen würden, wären wir in sehr, sehr großen Schwierigkeiten.“