Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Drug Overdose Deaths Skyrocket In 2020 Fueled By Coronavirus Pandemic
USA

Überdosis Fentanyl: Die Epidemie in der Pandemie

Seit den 1990er-Jahren kämpfen die USA mit der Opioid-Krise. Die Pandemie hat die Situation weiter verschärft - innerhalb eines Jahres sind 100.000 Menschen gestorben. Die Verursacher werden nun zur Rechenschaft gezogen, doch die Krise läuft aus dem Ruder.

Die Opioid-Krise in den USA nimmt kein Ende - im Gegenteil. Die Coronapandemie dürfte das Problem weiter verschärft haben. Noch nie sind in den USA so viele Menschen an einer Überdosis verstorben wie zwischen April 2020 und April 2021. 100.000 Drogentote waren es in diesem Zeitraum, meldete die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC kürzlich. Demnach starben mehr Menschen an einer Überdosis als durch Schusswaffen und Autounfälle zusammen.

Zum Vergleich: 2019 starben laut der CDC 70.630 Menschen an einer Überdosis, fast 30 Prozent weniger. Die Gründe für den starken Anstieg dürften fehlende Behandlung und zunehmende psychische Probleme sein, die zu Rückfällen bzw. erhöhtem Drogenkonsum führten. Aber auch die verstärkte Verfügbarkeit von hochpotenten Drogen dürfte eine Rolle spielen.

100 mal stärker als Morphin

Mehr als 70 Prozent der Todesfälle standen in Zusammenhang mit verschreibungspflichtigen Opioiden, Heroin oder synthetischen Opioiden wie Fentanyl. In Zeiten der Pandemie hat die Mehrheit der Drogentoten ihr Leben aufgrund einer Überdosis Fentanyl verloren. Fentanyl ist günstiger als andere Opioide und etwa 100 mal stärker als beispielsweise Morphin. Schon eine kleine Dosis kann tödlich sein.

Zwar ist während der Pandemie auch die Zahl der Toten in Zusammenhang mit Methamphetamin, Kokain und anderen Opioiden gestiegen, doch nicht annähernd so stark wie Überdosierungen mit Fentanyl. Denn immer öfter werden Kokain, Methamphetamin oder Cannabis damit gestreckt, um die Wirkung zu verstärken. Fentanyl wird auch in Form von falschen verschreibungspflichtige Tabletten angeboten, die wie echte Markenmedikamente aussehen. Mitunter wird Fentanyl dann unwissentlich konsumiert, was es besonders gefährlich macht.

“Wie ein Wolf im Schafspelz”

Personen, die etwa gelegentlich Kokain konsumieren, hätten keine entsprechende Toleranz für Fentanyl, sagt Dr. Chinazo Cunningham, Vertreter der New Yorker Gesundheitsbehörde, gegenüber der „New York Times". Im September warnte die US-Drogenvollzugsbehörde, dass mehr als 40 Prozent der Tabletten auf dem Schwarzmarkt tödliche Mengen an Fentanyl enthalten. In einem Statement sagte Ray Donovan, Sonderbeauftragter der Behörde, diese Pillen seien so tödlich “wie ein Wolf im Schafspelz”.

Auch immer mehr Minderjährige sollen Fentanyl einnehmen, in der Annahme, dass es sich um ein Schmerzmittel handelt. Man würde den Pillen nicht ansehen, dass sie nicht echt sind, erzählt David Ciccarone, Professor für Suchtmedizin an der University of California dem “Guardian”. Fentanyl hat sich schleichend aber stetig ausgebreitet. Ein Großteil soll auf New Yorker Straßen verkauft werden - von dort landet es dann immer weiter im Westen. Viele, besonders im Westen des Landes, seien Fentanyl nicht gewohnt und wüssten auch nicht wie man es einnehmen soll, berichtet Ciccarone.

Aggressives Marketing

Die Opioid-Krise selbst nahm ihren Anfang in den 1990er-Jahren. Angetrieben wurde sie von der Pharmaindustrie. Opioidhaltige Schmerzmittel wie “Oxycontin”, das 1996 auf den Markt kam, wurden aggressiv beworben. Große Marketingkampagnen inklusive Merchandising-Artikeln, darunter sogar Stofftiere, wurden dem schnell abhängig machenden Medikament gewidmet. Das berichtete John Oliver 2016 in einer von mittlerweile drei Folgen zur Opioid-Krise in der satirischen Nachrichtensendung “Last Week Tonight”. Opioide wurden seit damals nicht mehr nur für Krebs- oder Palliativpatienten verschrieben, sondern für alle möglichen Beschwerden eingesetzt wie etwa Rückenschmerzen. Die entsprechenden Medikamente waren in normalen Apotheken erhältlich.

Das synthetische Opioid Fentanyl wird häufig als verschreibungspflichtige Tabletten getarnt am Schwarzmarkt verkauft.
Das synthetische Opioid Fentanyl wird häufig als verschreibungspflichtige Tabletten getarnt am Schwarzmarkt verkauft.APA/AFP/PATRICK T. FALLON

Heute noch bekommen sogar Teenager, deren Weisheitszähne wachsen, routinemäßig Opioide verschrieben, erzählt Opioid-Experte Dr. Andrew Kolodny den „New York Times". Genau so beginnt die Abhängigkeit in vielen Fällen: Mit einem Rezept für verschreibungspflichtige Opioide. Auch aufgrund des Gesundheitssystems greifen viele Menschen eher auf Schmerzmittel zurück, als sich eine teure Behandlung zu leisten. Wenn das Rezept ausläuft oder eine höhere Dosis für die gleiche Wirkung benötigt wird, suchen viele Opioid-Süchtige ihr nächstes High mit illegalen Drogen.

Das tödliche Geschäft der Sackler Familie

Es war ein lukratives Geschäft für die Pharmaunternehmen, das seit Beginn der Krise in den 1990er-Jahren tödliche Folgen für mehr als 500.000 Menschen hatte. In den letzten Jahren werden immer mehr dieser Unternehmen nun zur Rechenschaft gezogen. Purdue Pharma, die Firma hinter “Oxycontin”, und die Sackler Familie, der das Unternehmen bis 2018 gehörte, war 2019 mit rund 3000 Klagen konfrontiert. Sie werden beschuldigt, zur Opioid-Krise beigetragen zu haben. Im September 2019 beantragte Purdue Insolvenz. Im November 2020 plädierte das Unternehmen in drei Anklagepunkten schuldig: Verstoß gegen das bundesstaatliche Anti-Kickback-Gesetz, Betrug an den Vereinigten Staaten und Verstoß gegen den “Federal Food, Drug and Cosmetic Act”.

Der Insolvenzantrag des Unternehmens wurde im September diesen Jahres angenommen. Er soll laut Purdue 10 Milliarden Dollar einbringen, um die Vorwürfe beizulegen. Die Sackler Familie will weitere 4,5 Milliarden Dollar beisteuern. Im Gegenzug sollen sie vor weiteren Rechtsstreitigkeiten um die Opioid-Krise geschützt sein. Dieser Insolvenzantrag wird im laufenden Verfahren gegen Purdue und die Sacklers heftig kritisiert. Die zuständige Richterin fragte am Dienstag ob die Sackler Familie das Insolvenzsystem ausnutze, um sich und ihr Vermögen zu schützen. Die Anwälte der Sacklers dementieren das.

Späte Konsequenzen

Vor kurzem wurden drei Apotheken wegen ihrer Rolle in der Opioid-Krise in Ohio schuldig gesprochen, darunter Walmart und CVS. Das Verfahren gilt als wegweisend, da viele weitere Unternehmen mit ähnlichen Anklagen konfrontiert sind. Erst im Juli endete eine jahrelanger Rechtsstreit mit mehreren Pharmaunternehmen, darunter Johnson & Johnson. Sie verpflichteten sich 26 Milliarden Dollar zu zahlen, im Gegenzug wurden Schadenersatzforderungen fallengelassen.

Diese Konsequenzen kommen für viele Betroffenen Jahre bis Jahrzehnte zu spät. Auch in der Bewältigung der dritten Opioid-Welle helfen diese Verurteilungen nur bedingt. Denn die beschuldigten Unternehmen ziehen sich schon seit Jahren aus dem Verkauf von Opioiden zurück. Dadurch sind verschreibungspflichtige Opioide nicht mehr so flächendeckend verfügbar wie noch vor zehn Jahren. Ein weiterer Grund, wieso Süchtige immer häufiger auf das günstige und leicht erhältliche Fentanyl zurückgreifen.

Zugang zur Behandlung erleichtern

Was es wirklich bräuchte? Direkte Unterstützung für Menschen mit einer Suchtkrankheit müsste leicht zugänglich werden, sagt Kolodny. Insbesondere während der Pandemie hat fehlende oder verzögerte Behandlung die Krise verstärkt. Viele Suchtkranke haben während Lockdowns und sozialer Isolation zudem ihre Drogen alleine konsumiert, sodass niemand zur Stelle war, um bei einer möglichen Überdosis zu helfen.

Laut Experten sind die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichend, um dem gegenwärtigen Ausmaß des Problems gerecht zu werden. Zwar wurden im Frühling ein Paket zur Prävention von Suchterkrankungen in der Höhe von 1,5 Milliarden sowie 30 Milliarden für die Einrichtung von lokalen Hilfszentren verabschiedet, doch es brauche noch mehr Gelder, um Behandlungen flächendeckend anbieten zu können. Auch der Zugang zu wichtigen Medikamenten müsse erleichtert werden. Etwa für die Ersatzdroge Buprenorphin brauchen Ärzte eine staatliche Erlaubnis.

Ebenfalls schwer erhältlich ist der Nasenspray Naloxon, mit dem eine Opioid-Überdosis rückgängig gemacht werden kann. Der Zugang zu diesem und ähnlichen Medikamenten soll nun erleichtert werden, gaben Vertreter der Gesundheitsbehörde kürzlich bekannt. Zudem sollen Teststreifen, mit denen Fentanyl erkannt werden kann, leichter erhältlich werden. Kolodny bringt es auf den Punkt: “Es muss einfacher sein, eine Behandlung zu bekommen als Drogen zu kaufen.”

>>> Hier geht's zum Artikel im „Guardian"
>>> Hier geht's zum Artikel in der „New York Times"
>>> Hier geht's zur Folge von „Last Week Tonight with John Oliver"

(red./APA/Reuters)