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Der ökonomische Blick

Sexuelle Belästigung auf dem Arbeitsmarkt und die Folgen

imago images/Panthermedia
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Frauen sind häufiger von sexueller Belästigung im Job betroffen als Männer. Welche ökonomischen Folgen das haben kann, zeigt eine Studie aus Schweden.

Am vergangenen Dienstag wurde der Internationale Frauentag gefeiert, um die Leistungen von Frauen zu würdigen. Die Gleichstellung der Geschlechter hat in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte gemacht. Dennoch können die Ergebnisse auf dem Arbeitsmarkt klar verbessert werden. Frauen sind im Schnitt immer noch in schlechter bezahlten Berufen tätig. Selbst wenn sie die gleichen Positionen wie Männer besetzen, verdienen sie weniger. Sie stoßen weiterhin an die gläserne Decke, die ihren Aufstieg in Führungspositionen beschränkt.

Die Erklärungen für diese anhaltenden Unterschiede lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen. Zum einen treffen Männer und Frauen unterschiedliche Entscheidungen, die unter anderem auf diverse Präferenzen zurückzuführen sind. Diese Erklärung umfasst sowohl geschlechtsspezifische Unterschiede in Persönlichkeitsmerkmalen als auch die Tatsache, dass Frauen ihre Familie oft an erste Stelle setzen. Ein zweiter, neuerer Erklärungsansatz geht davon aus, dass Männer und Frauen mit einem anderen Umfeld konfrontiert sind, was zu unterschiedlichen Karriereverläufen führt.  Dieser Ansatz gewinnt immer mehr an Popularität, da selbst hochqualifizierte Frauen, die in prestigeträchtigen Berufen arbeiten und keine Kinder haben, geringere Gehälter beziehen als ihre männlichen Kollegen.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Erfahrungen mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz können einen Teil dieser Diskrepanz erklären. Sexuelle Belästigung umfasst sexistische sowie geschlechtsspezifische unangemessene Bemerkungen und kann Männer und Frauen betreffen. So würde beispielsweise eine weibliche Führungskraft, die über sexuelle Ausschweifungen spricht, bei denen sich ihr männlicher Mitarbeiter unwohl fühlt, sexuelle Belästigung ausüben. Die Bemerkung in einem Ingenieurbüro, dass Frauen nicht gut in Mathe sind, fällt ebenso unter diesen Begriff. Solche Kommentare sind zwar rechtswidrig, aber in der Praxis schwierig zu unterbinden.

Forschung in Schweden

Um zu beurteilen, ob Männer und Frauen im Beruf Unterschiedliches erleben, muss man ihre Erfahrungen am Arbeitsplatz vergleichen. Folke und Rincke 2022 haben dazu in Schweden  geforscht; einem Land das weltweit in der Gleichstellung der Geschlechter führend ist. Dort ist die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen am Arbeitsplatz sexuell belästigt werden, dreimal so hoch wie bei Männern. Allerdings gibt es Unterschiede: Je höher der Männeranteil, desto wahrscheinlicher ist es, dass Frauen sexuell belästigt werden. In den am stärksten von Männern dominierten Berufen berichtet ein Viertel der Frauen von sexueller Belästigung. In frauendominierten Berufen hingegen werden Männer häufiger belästigt als Frauen: Dort berichten 15 Prozent der Männer von sexueller Belästigung.

Diese negativen Erfahrungen wirken sich auf den Arbeitsplatzwechsel aus: Ein Arbeitnehmer, der sexuell belästigt wurde, sucht sich meist eine neue Stelle. Das bedeutet für schwedische Frauen im Schnitt Lohneinbußen. Männer die sexuelle Belästigung erlebt haben wechseln zwar auch den Arbeitsplatz, haben aber keine Gehaltsreduktion zu verzeichnen.

Sexuelle Belästigung reduziert die Würde am Arbeitsplatz - einem Grundrecht für alle und schränkt die Berufswahl ein. Wenn Frauen aufgrund illegalen Verhaltens aus gut bezahlten Jobs verdrängt werden, wirft dies eine Reihe von Fragen auf.

Vom Arbeitgeber ignoriert

Zum einen ist es überraschend, dass Unternehmen nicht entschlossener gegen sexuelle Belästigung vorgehen. Seit den Anfängen der Me Too-Bewegung sind Berichte von Frauen, die ihre Arbeitgeber wegen Belästigung verklagen, in der internationalen Presse an der Tagesordnung. Bezeichnend in all diesen Fällen ist, dass die Opfer der sexuellen Belästigung versuchen ihre Anliegen intern anzusprechen und von ihrem Arbeitgeber ignoriert und abgewiesen werden. Unternehmen, deren Ziel eine möglichst hohe Gewinnspanne ist, demoralisieren und verlieren durch ihre Strategie wertvolle Mitarbeiter. Kann das optimal sein? Überraschenderweise könnte die Antwort ja lauten (Prummer Nava 2022). Manche Arbeitnehmer verhalten sich am Arbeitsplatz wie in ihrem eigenen Wohnzimmer, in dem sie nach Belieben agieren. Dies kann mit einer hervorragenden Arbeitsleistung einhergehen, die die Verluste durch die Demotivation anderer Arbeitnehmer aufwiegen kann. Um gegen Belästigung vorzugehen, ist es daher wichtig, nicht nur deren Auswirkungen auf Opfer, sondern auch auf Täter und andere Mitarbeiter zu verstehen.

Außerdem ist sexuelle Belästigung nicht geschlechtsspezifisch. Die Antwort auf dieses Problem kann daher nicht einfach darin bestehen, den Frauenanteil zu erhöhen. Vielmehr muss die Umsetzung zielführender Maßnahmen am Arbeitsplatz, die Belästigungen verhindert und den Opfern sinnvolle Instrumente zur Bekämpfung sichert, eine Priorität sein.

Wenn die Auswahl von Arbeitsplätzen auf sexuelle Belästigung zurückzuführen ist, dann folgt, dass Gehälter nicht leistungsgerecht sind. Frauen, die weniger verdienen, sind mitunter das Ergebnis eines Systems, das gegen sie gerichtet ist.

Zur Autorin:

Anja Prummer ist Universitätsassistentin am Institut der JKU Linz und Senior Lecturer an der QMUL. Sie beschäftigt sich mit dem Einfluss gesellschaftlicher Strukturen auf ökonomische und politische Entscheidungen.

Anja Prummer
Anja Prummer

Quellen:

Folke Rincke 2022, Sexual Harassment and Gender Inequality in the Labor Market, QJE

Prummer Nava 2022, Profitable Inequality, Working Paper

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