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Randerscheinung

So war das damals mit den Russen . . .

Carolina Frank
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Finster, grob, grausam und jederzeit angriffsbereit waren die Russen in den James-Bond-Filmen, in den Abendnachrichten und sogar in Elton-John-Videos.

„Schau“, sage ich zu einem der vor mir sitzenden Buben, und dann kommt etwas ziemlich Langes, viel zu Fathersplainiges, sehr So-war-das- Damalsiges. Ja, den Irrsinn in der Ukraine zu erklären ist nicht möglich, weil man es selbst nicht begreifen kann. Aber noch schwieriger ist es, wenn man noch nie von der Sowjetunion gehört hat, vom Ostblock und vom Kalten Krieg. Und während man vom Vater zum Zeitzeugen mutiert, während man beim Erzählen (ja, zu lang, ich weiß, ich weiß) selbst erstaunt ist, was man als Kind und Jugendlicher normal ge- und womit man sich damit als Realität abgefunden hat, aber was jetzt aus der Distanz erinnert nur unwirklich, längst vergangen, komplett abstrus klingt.

Dazu kommen die Stereotype, Klischees und Vorurteile über „die Russen“. Finster, grob, grausam und jederzeit angriffsbereit waren sie in den James-Bond-Filmen, in den Abendnachrichten und sogar in Elton-John-Videos. Im Kreml saßen graue, alte Männer, die kein Lebenszeichen von sich gaben, außer hie und da ein behandschuhtes Winken von einer Balustrade auf ­vorbeimarschierende Truppen herab.

Dass Leonid Breschnew auch eine Art Lebemann gewesen sein soll, habe ich erst vor Kurzem in einem „Spiegel“-Artikel samt Farbfoto des lachenden Leonid gelesen. Michail Gorbatschow hat dann unser Russland-Bild auf den Kopf gestellt. Seit damals ein Land unter vielen, riesig zwar und seit der Machtübernahme von Wladimir Putin immer mehr in Richtung Diktatur unterwegs, aber weit weg von der dunklen Macht im Kalten Krieg. ­Wladimir Putin erweckt diese ­Klischees zu neuem Leben. Und macht die Buben zu Zeitzeugen. Hoffentlich von etwas, das nur ein – grauenvolles – Strohfeuer gewesen sein wird. Wenn sie einmal davon erzählen werden.

("Die Presse Schaufenster" vom 11.3.2022)