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Arbeit

Führungskräfte, seid kreativ!

Neue Rahmenbedingungen
Neue RahmenbedingungenMarin Goleminov
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Angesichts der (demografischen) Veränderungen müssen die Rahmenbedingungen in der Arbeitswelt neu gestaltet werden, sagt Martina Kohlberger von der Universität Innsbruck.

Aktuell ist das Bild so einheitlich wie eindeutig: Den Unternehmen gehen die Mitarbeitenden aus. Daran wird sich, solange es so viel Arbeit gibt wie derzeit, nichts ändern. Denn die Zahl der Personen im Erwerbsalter bleibt (auch dank des Zuzugs) konstant bei rund fünf Millionen Personen. Nur die Zahl derer, die 65 Jahre oder älter sind, wird steigen. Ist das Verhältnis der Erwerbsbevölkerung zu Personen 65+ derzeit 100:31, wird es 2040 100:46 betragen, sagt Martina Kohlberger von der Universität Innsbruck, die auch als Unternehmensberaterin tätig ist. Sie wird am Mittwoch im Rahmen des Europäischen Forum Alpbach beim „Talk auf der Alm“ mit Ralf-Wolfgang Lothert (JTI Austria) und Oliver Suchocki (EY Österreich) „Lösungen in Echtzeit“ diskutieren.

 

Kohlberger ist es angesichts der (demografischen) Veränderungen ein Anliegen, darüber nachzudenken, wie sich die Rahmenbedingungen für Arbeit verändern lassen. Die Anpassung der Systeme aber fordere jedenfalls jede Menge Kreativität von den Führungskräften – und auch Mut.

„Doch Unternehmen sehen dieses Potenzial nicht“, sagt sie. Ältere Mitarbeitende sind nicht nur eine „stille Reserve“: Sie tragen Wissen und Erfahrung. „Unternehmen müssen ein Umfeld schaffen, in dem Wissen weitergegeben wird.“ Ein Schatz, der bislang nicht gehoben werde, sagt Kohlberger. Zudem müssen Unternehmen in Re- und Up-Skilling investieren und ihre Mitarbeitenden weiterentwickeln. Daneben müsse man über eine Ziel- bzw. Ergebnis- anstatt der Präsenzkultur nachdenken. Flexible Arbeits(zeit)modelle und (Alters-)Teilzeit weiter forcieren und auch Führungskräften Jobsharing ermöglichen. Und, speziell in der Produktion über das Gehalt nachdenken: Zu sehr hänge die Bezahlung nach wie vor an Stückzahlleistung. Indirekte Führungsaufgaben und Wissen werden nicht abgebildet und abgegolten.

Eine wesentliche Rolle komme HR zu: „Sie muss Führungskräfte stärken, damit sie gut führen können.“ Gleichzeitig müsse HR „ein Pendant zu den Führungskräften sein“. Etwa, wenn es um das Jobdesign geht, also darum, wie Jobs aufgesetzt werden. „Denn häufig ist ein Overload zu beobachten“, sagt Kohlberger. Einzelnen werden zu viele Aufgaben anvertraut, sodass sie keine Kapazitäten mehr haben, ihr Wissen weiterzugeben und generell, das Engagement der Mitarbeitenden wegen Überlastung sinkt. „Speziell, wenn viel Arbeit anfällt, ist das ein Problem. HR muss hier den langfristigen Blick haben: Wie können Arbeitsbedingungen geschaffen werden, damit Mitarbeitende langfristig gute Arbeit leisten können?“

Zudem würden Mitarbeitende, die ständig am Limit arbeiten, das Unternehmen eher verlassen. „Aus dem Marketing weiß man: Kunden, die weg sind, lassen sich nur schwer zurückholen. Bei Mitarbeitenden, die eventuell schon innerlich gekündigt haben, ist es ähnlich.“ Was umgekehrt bedeute: Bei den Rahmenbedingungen nicht nur an die potenziellen Mitarbeitenden denken, sondern auch an das bestehende Team.

Martina Kohlberger
Martina KohlbergerKohlberger

Zur Person

Martina Kohlberger forscht an der Universität Innsbruck im Bereich Human Resource Management zu Fragen der demografischen Entwicklung und der Diversität im Unternehmenskontext. Sie arbeitet außerdem als Unternehmensberaterin und war davor u. a. für BMW, IBM und GE tätig.

Noch etwas: In vielen Unternehmen orientieren sich die Verantwortlichen primär an traditionellen Arbeitskräften und Arbeitsformen und haben die fluide Arbeitswelt nicht im Blick: Gigworker, Freelancer, Leute, die „nur“ nebenbei beschäftigt sind. Sie einzubetten – ohne dabei Scheinselbstständigkeiten bzw. prekäre Verhältnisse zu provozieren – kann ebenfalls eine Möglichkeit sein, zusätzliche Mitarbeitende ins eigene Unternehmen zu lotsen.

Nicht nur die Unternehmen sieht Kohlberger bei dieser Transformation in der Pflicht: Was kann ich beitragen, dass Arbeit für mich und andere sinnvoller wird? Gerade beim Thema sinnerfüllte Arbeit würden sich ältere und jüngere Mitarbeitende treffen – beiden Gruppen ist der Sinn wichtig.

Veranstaltungstipp

„Talk auf der Alm“: Lösungen in Echtzeit
„Die Presse“ lädt im Rahmen des Europäischen Forum Alpbach zu Wanderung, Diskussion und Get-together. Martina Kohlberger (Uni Innsbruck), Ralf-Wolfgang Lothert (JTI) und Oliver Suchocki (EY) antworten auf die dramatischen Veränderungen rund um das Thema Arbeit. Mittwoch, 13.30 Uhr, Treffpunkt beim Congress Centrum Alpbach. Anmeldung: veranstaltungen@diepresse.com
diepresse.com/talkaufderalm


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