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Morgenglosse

Den Wandel werden die iranischen Frauen herbeiführen

Die Iranerin Elnaz Rekabi kletterte in Seoul ohne Kopftuch.
Die Iranerin Elnaz Rekabi kletterte in Seoul ohne Kopftuch.APA/AFP/INTERNATIONAL FEDERATION
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Trotz massiver Polizeigewalt, und trotz der Gefahr für Leib und Leben gehen die Proteste im Iran weiter. Die Wut der (jungen) Menschen entlädt sich mit jedem Tag mehr.

Die Proteste gingen auch am Dienstag weiter. Auf dem Campus der Mazandaran Universität im Norden des Landes versammelten sich Studierende, sie riefen: „Für jeden Toten werden Tausende diesen Weg weitergehen!“ Vor der Teheraner Kunstuniversität hielten junge Menschen ihre Hände hoch, teilweise die abgelegten Kopftücher in den Fäusten, während die iranische Nationalhymne spielte.

Von einer Brücke in der Hauptstadt baumelte eine menschengroße Puppe am Strick, sie trug die Kleidung eines Geistlichen. Einzelne Momente, die es in Form von Videos oder Bildern aus der Islamischen Republik hinaus geschafft haben; das Regime drosselt seit einem Monat den Internetzugang.

Aus Seoul flog indessen die Kletterin Elnaz Rekabi frühzeitig nach Teheran zurück, nicht aus freien Stücken, und wohl in Begleitung von Behördenvertretern, die ihr zuvor Handy und Reisepass abgenommen hatten. Bei der Asienmeisterschaft war Rekabi ohne Kopftuch aufgetreten, obwohl iranische Sportlerinnen auch im Ausland bei Wettbewerben Hijab tragen müssen. Rekabi gab später zu Protokoll, es sei alles ein Missverständnis gewesen, sie sei zu früh aufgerufen worden, habe sich das Kopftuch nicht rechtzeitig binden können. Die Freiwilligkeit dieses Statements darf bezweifelt werden. Die Sicherheit von Rekabi ist in Gefahr.

Auf der Straße erschossen

Seit einem Monat, seit dem gewaltsamen Tod der 22-jährigen iranischen Kurdin Jina Mahsa Amini, gehen Frauen wie Männer auf die Straße, um gegen das korrupte und oppressive Regime im Allgemeinen und die Kopftuchpflicht im Speziellen zu demonstrieren. Trotz massiver Polizeigewalt gelingt es den Machthabern nicht, die Demonstranten zum Verstummen zu bringen. Die Beharrlichkeit und auch der Mut der Bevölkerung können nicht oft genug hervorgehoben werden, denn die Sicherheitskräfte schrecken nicht einmal davor zurück, Schulkinder brutal zu malträtieren. Bei Protesten in Belutschistan, im Osten des Landes, starben der 12-jährige Mohammad Rakhshani, der 13-jährige Omid Sarani, der 14-jährige Sodeys Keshani.

In Teheran starben Nika Shakarami und Sarina Esmailzadeh qualvoll in den Händen der Polizei, beide waren gerade einmal 16 Jahre alt. Minoo Majadi, 62 und dreifache Mutter, wurde in Kermanshah auf der Straße erschossen. Die grausame Liste ließe sich noch lang fortsetzen. Mittlerweile hat die BBC 45 getötete Kinder, Frauen und Männer identifizieren können, insgesamt gehen Menschenrechtsorganisationen von mehr als 200 Toten aus.

Jede Teilnahme an den Protesten stellt eine Gefahr für Leib und Leben dar. Dass die Bevölkerung weiterhin die Straßen bevölkert, ist eine sehr schlechte Nachricht für die Machthaber; die Wut der (jungen) Menschen entlädt sich mit jedem Tag mehr. Es ist der Anfang vom Ende der Islamischen Republik, wagen viele Beobachter die Prognose, auch wenn dieses Ende bisweilen nicht absehbar sei. In jedem Fall gilt jedoch: Der Damm ist längst gebrochen, und einen Wandel werden die Frauen herbeiführen.