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Interview

Elke Heidenreich: "Reich-Ranicki war nicht sympathisch"

Elke Heidenreich: „Ich wollte nie einen Chef haben, und ich wollte auch nie Chef sein.“
Elke Heidenreich: „Ich wollte nie einen Chef haben, und ich wollte auch nie Chef sein.“Clemens Fabry
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Mit 15 Jahren entschloss sich Elke Heidenreich, ihre Familie zu verlassen. „Ich wollte nur raus“, sagt sie. Mit ihrer Mutter konnte sie sich auf den letzten Metern versöhnen. Dass sie so viele Jahre versäumt haben, tut der Schriftstellerin und Literaturkritikerin heute noch leid. Ein Gespräch über die „Boshaftigkeit“ von Marcel Reich-Ranicki und die Dankbarkeit, Menschen zu erreichen.

Sie hatten eine schwere Kindheit. Ihr Vater war kaum da. Ihre Mutter hat Sie weder gewollt noch wahrgenommen. Aber sie hat Ihnen immer wieder ein Buch aufs Bett gelegt oder eine Theaterkarte gekauft. Das hat etwas Rührendes.

Elke Heidenreich: Ja, sie hat nur eine Theaterkarte gekauft, weil wir für zwei kein Geld hatten. Nachdem man ein Kind nicht allein lässt, hat sie draußen in der Kälte auf mich gewartet. Sie hat auch die ganze Zeit mein Mäntelchen gehalten, denn die Garderobe konnten wir auch nicht zahlen. In der Pause bin ich rausgekommen und ging mit ihr auf und ab, und auf dem Heimweg habe ich ihr alles erzählt, was passiert war. Aber meine Mutter war auch sehr streng und hat zugeschlagen, wenn ich nicht brav war. Sie hatte nie gelernt, mit einem Kind pädagogisch zu diskutieren. Erst als sie alt war und es ans Sterben ging, haben wir uns ausgesprochen und versöhnt. Ich bin oft traurig, dass wir so viele Jahre verpasst haben mit Streit und Zank.

Immerhin ist es Ihnen beiden gelungen, sich auf den letzten Metern zu versöhnen. Das passiert nicht oft.

Ich hatte eine tolle Freundin, die mir damals sehr half. „Das geht nicht, deine Mutter ist 90, sie stirbt, du musst etwas machen“, sagte sie und kam mit mir ans Krankenbett: „Los, jetzt redet, ihr zwei.“ Dann haben wir geredet, und dann war es gut.

War es Ihrer Mutter auch wichtig, sich mit Ihnen auszusprechen?