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Der ökonomische Blick

Progressive Konsumsteuer: Ein alternativer Weg aus der Krise?

Es klingt intuitiv fairer, den Konsum direkt zu besteuern als unterschiedliche Steuerraten auf Arbeits- und Kapitaleinkommen zu zahlen. Eine progressive Konsumsteuer hat aber noch weitere Vorteile.APA/ERWIN SCHERIAU
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Die progressive Konsumsteuer würde die klassische Einkommensteuer ersetzen, funktioniert im Grunde aber ähnlich. Ein Überblick.

Der aktuelle Wirtschaftsausblick zeigt ein düsteres Bild. Während sich die Inflation in Rekordhöhe befindet, ist gleichzeitig mit einer Rezession zu rechnen. Wie in jeder Krise gibt es auch jetzt wieder Debatten über die Funktion von Steuern bei deren Bewältigung. Dabei werden verschiedene Maßnahmen in Erwägung gezogen, während ein vielversprechender Ansatz aus der ökonomischen Theorie kaum diskutiert wird: die progressive Konsumsteuer.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Der bekannteste Vorschlag zur Gestaltung eben dieser stammt vom US-Ökonom Robert Frank. Die progressive Konsumsteuer ersetzt die klassische Einkommen- bzw. Lohnsteuer, funktioniert im Grunde aber ähnlich. Einziger Unterschied ist, dass neben dem Jahreseinkommen auch die jährlichen Ersparnisse dem Finanzamt gemeldet werden. Als Ersparnis gilt alles was keinen direkten Konsum darstellt, also z.B. Einzahlungen in alle gängigen Anlageformen, Versicherungen oder auch das Geld am Girokonto. Des Weiteren wird nicht zwischen Einkommensarten differenziert, d.h. Gehälter, Dividenden, Zinserträge usw. gelten pauschal als Einkommen. Der zu versteuernde Konsum (Bemessungsgrundlage) wird dann als Differenz zwischen dem Jahreseinkommen minus der Erhöhung der Ersparnisse und einem standardmäßigen Absetzbetrag errechnet.

Analog zur Einkommensteuer steigt mit der Höhe der Konsumausgaben der Steuersatz, wodurch die namensgebende Progression zustande kommt. Im Gegensatz zur Einkommensteuer führen höhere Steuersätze jedoch nicht zu negativen Anreizen zum Sparen. Ganz im Gegenteil, da die zu zahlenden Steuern mit den jährlichen Ersparnissen abnehmen, erhöht die Konsumsteuer sogar die Sparanreize mit der Progression. Damit erlaubt die Konsumsteuer stärkere Progression bei den Tarifstufen. Während der Konsum, der die täglichen Ausgaben des Lebens deckt, fast gänzlich steuerfrei wäre, würde der Tarif bei überdurchschnittlichem Konsum (z. B. Kauf von Luxusgütern) stark ansteigen.

Auswirkungen

Aus diesem Effekt ergeben sich Anreizwirkungen. Für viele Menschen klingt es intuitiv ungerecht, Arbeitseinkommen höher zu besteuern als Kapitalerträge. Bei einer klassischen Einkommensteuer kann dies aber durchaus ökonomisch gerechtfertigt sein. Angenommen zwei Personen beziehen das gleiche Gehalt, haben jedoch unterschiedliche Sparquoten. Im Laufe ihres Lebens wird die Person mit der höheren Sparquote zwar aufgrund der Kapitalerträge absolut mehr Steuern zahlen, dank des begünstigten Steuersatzes darauf jedoch im Durchschnitt mit einem geringeren Steuersatz belastet. Gesamtwirtschaftlich betrachtet hat das Verhalten der Person mit der höheren Sparquote eindeutige Vorteile, denn eine höhere Sparquote senkt die Kapitalkosten, wodurch höhere Investitionen möglich sind.

Eine unterschiedliche Besteuerung von Arbeits- und Kapitaleinkommen kann also durchaus gerechtfertigt sein, denn dadurch steigt das langfristige Wirtschaftswachstum und davon profitieren – ceteris paribus – wiederum alle. Eine progressive Konsumsteuer führt letztlich zum selben Ergebnis. Dabei wird evident, dass “Steuern steuern”. Es soll durchaus belohnt werden, wenn Personen ihr Geld in produktives Kapital investieren, Investitionen also gegenüber Konsum begünstig werden. Letztlich klingt es aber intuitiv fairer, den Konsum direkt zu besteuern als unterschiedliche Steuerraten auf Arbeits- und Kapitaleinkommen zu zahlen. 

Die Besteuerung von Konsum erreicht man auch mit einer Umsatzsteuer, diese wirkt jedoch degressiv, weil Personen mit niedrigem Einkommen im Verhältnis mehr ausgeben. Die Umsetzung der progressiven Konsumsteuer ist dabei klar von der uns bekannten Umsatzsteuer abzugrenzen und würde diese sogar redundant machen. Erstens stellt die Konsumsteuer keine Ergänzung zur Einkommensteuer dar, sondern ersetzt diese gänzlich und zweitens erlaubt sie eine progressive Staffelung.

Weitere ökonomische Vorteile

Neben ihrem wünschenswerten Anreizeffekt hat die Steuer auch andere makroökonomische Vorteile zu bieten. Im Falle einer Rezession würde eine temporäre Senkung der Steuer einen stärker stimulierenden Effekt erzeugen als eine äquivalente Senkung der herkömmlichen Einkommensteuer. Gleichzeitig könnte ein temporäres Anheben der Steuersätze (vor allem für die oberen Steuerklassen) ein Mittel zur Bekämpfung der Inflation sein, ohne dadurch den Investitionen zu schaden. Automatisiert man diese Anpassungen zusätzlich, könnte die Steuer als mächtiger keynesianischer Stabilisator fungieren.

Gerade im aktuellen Inflationsumfeld könnte die Steuer sehr zielgerichtet wirken, da die unteren Einkommensdezile (relativ zu ihrem Einkommen) stärker durch die Inflation belastet werden als die oberen. Darüber hinaus sind es gerade Besserverdiener, die in der aktuellen Situation ihren Konsum reduzieren und infolgedessen den Preisdruck dämpfen könnten. Zudem wird von Verfechtern einer „vorübergehenden“ Inflation die Gefahr rückläufiger Investitionen oft als Argument gegen zu starke Zinserhöhungen verwendet, da dies die Angebotsengpässe noch verschärfen würde. Wenn der Versuch, die Nachfrage zu schwächen, gleichzeitig dem Angebot schadet, sinken die Preise weniger stark. Analog dazu schadet eine Erhöhung der Einkommensteuer über ihren Effekt auf die Sparquote ebenso dem Investitionsniveau. Mit einer progressiven Konsumsteuer ist das nicht der Fall. Damit wäre das Modell ein Instrument, um aus der angebotsseitig verursachten Teuerung herauszukommen.

Letzten Endes wäre die Umsetzung einer solchen Steuer natürlich auch mit neuen administrativen und steuerrechtlichen Herausforderungen verbunden. So müssten Themen wie die steuerliche Behandlung von Mischgütern (z.B. die Finanzierung des Eigenheims oder die monatliche Miete), der Umgang mit internationalen Sachverhalten, die Anreizwirkung des Systems, Steuerarbitrage- bzw. Hinterziehungsmöglichkeiten und auch der Datenschutz vorab untersucht werden. Dennoch könnten die potenziellen Vorteile mitunter so groß sein, dass zumindest eine ernsthafte Diskussion über Vor- und Nachteile sowie die Auswirkungen einer Ersetzung der Einkommenssteuer durch die progressiven Konsumsteuer geführt werden sollte.

Die Autoren

Michael Langer (geboren 1995) ist Steuerberater-Anwärter bei EY Wien. Nach dem Abschluss des Studiums der Volkswirtschaftslehre sammelte er Erfahrung bei Statistik Austria, der OeNB und im IHS.

Robert Zimmermann (Pseudonym) arbeitet seit dem Abschluss des Studiums der Volkswirtschaftslehre als Ökonom in Österreich.

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