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„Wurscht, in welchen Kreisen: Man muss akzeptiert werden“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Für den Uni-Professor ist ein guter Soziologe kein Richter und kein Sozialarbeiter. Und er darf seine Gesprächspartner nicht hineinlegen. Roland Girtler im Interview.

Die Presse: Ein Soziologe, der sich fast ausschließlich bei Außenseitern herumtreibt: Ist das die Aufgabe der Soziologen?

Roland Girtler: Ich glaube, dass unsere Gesellschaft nicht einheitlich ist, sie besteht aus einer Vielzahl von Gruppen. Das heißt: Jeder Mensch, jede Gruppe hat eine eigene Kultur, eine eigene Sprache, eigene Schmähs, eigene Symbole, eigene Rituale. Das alles interessiert mich. Egal, ob das die feinen Leute sind oder Randgruppen oder Ganoven.

 

Der Soziologe Girtler versus einen jener Journalisten, die sich dem investigativen Journalismus, dem Aufdeckerjournalismus, verschrieben haben – wo ist da der Unterschied?

Ein guter Soziologe unterscheidet sich nicht wesentlich von einem guten Journalisten, er wird es meist genauer machen, und er interpretiert besser, vielleicht. Der große amerikanische Soziologe Robert E. Park, der in den 1920er-Jahren berühmt wurde, der auch mein Vorbild ist, sagte: Ein Soziologe muss ein guter Journalist sein. Park ist extra nach Deutschland gegangen, um die deutsche geisteswissenschaftliche Tradition zu lernen, etwa Max Weber.

 

Sie schließen mit der Darstellung unterbelichteter, oft auch trister Verhältnisse an die Wiener Schule nach der Wende zum 20. Jahrhundert an, an Max Winter, Emil Kläger, Adelheid Popp, Alfons Petzold.

Durchaus, das sind gute Leute. Vor allem interessieren mich Kläger und Winter, das sind Leute, die sich Missstände angeschaut und aufgezeigt haben. Vor allem Kläger interessiert mich, weil er nicht als Verbesserer hingegangen ist, sondern, weil er festgehalten hat. Ein guter Soziologe ist kein Richter und kein Sozialarbeiter.

Am Beispiel Popp und Petzold, die persönlich von ihrer Lebensgeschichte her betroffen waren – bei Ihnen bricht hingegen so etwas wie eine romantische Sicht durch.

Die haben diese Sicht auch gehabt. Petzold kommt aus einer guten Schicht, die sind verarmt. Er war auch gut gebildet. Ein bisschen Romantik hat auch Kläger gehabt, der die Typen aufgezeichnet hat. Er hat sie nicht als arme Hunde hingestellt, sondern sehr wohl als Menschen, die mit ihrer Situation fertig werden, die auch ihren Schmäh haben.

Gibt es bei den Berichten, bei der Forschung Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen?

Ja schon, ich darf den nicht hineinlegen, den Betreffenden. Ich muss einen gewissen Respekt haben. Das ist sicher ein Problem: Wenn ich schreibe, dann will ich nicht unbedingt, dass er schlecht dasteht. Sonst würde er mir nicht alles erzählen. Da muss ich schauen, dass ich das schlau bringe.

Wie kommt man eigentlich zu einem vertraulichen Gesprächsverhältnis mit einem Ganoven oder einer Prostituierten?

Dann, wenn man als Mensch akzeptiert wird. Da ist es wurscht, in welchen Kreisen. Ich habe bei Aristokraten, beim Liechtenstein, geforscht und bin akzeptiert worden als Mensch. Wenn ich mich blöd aufgeführt habe, dann haben sie mich nicht mehr eingeladen. Ich habe einmal den Fehler beim Liechtenstein gemacht, da habe ich geschrieben, dass zwischen Aristokraten und Ganoven kein wesentlicher Unterschied besteht. Dass es überall Hierarchien gibt und überall auch eine noble Distanz zu körperlicher Arbeit. Das hat dem Liechtenstein nicht gefallen.

Nach Landbevölkerung, Wilderern, Prostituierten, dann aber auch dem Adel – was ist das nächste Thema?

Jetzt schreibe ich über Typen, über eigenwillige Karrieren. Das sind viele Themen, da hab ich den Totengräber drinnen, der stolz von sich sagt, er hat ein paar hundert Leute unter sich; dann eine Puppenspielerin drinnen, einen Urenkel von Kaiser Franz Joseph, auch einen Vernisagengeher, der ein Enkel von Julius Raab ist.

Es gehen den Soziologengenerationen wohl nie die Themen aus.

Nein, eigentlich nicht. Weil die Welt ja bunt ist. Wenn ich aus der Haustüre rausgehe, sehe ich immer wieder etwas Neues. Ich versuche, das an die Studenten weiterzugeben. Ich sage zu ihnen: Geht's einmal zu Fuß durch Wien. Für mich ist das Wichtige, an der Uni noch zu lehren, solange ich akzeptiert werde. Vielleicht bin ich für die Studenten ein komischer Vogel. Ich habe auch Ärger mit Studenten, wenn sie Sachen erschwindeln wollen und nichts tun.

Was war das skurrilste Erlebnis, das Sie einmal hatten?

Da habe ich viele. Weil wir gerade vom Liechtenstein gesprochen haben: Ich habe die Prinzessin von Liechtenstein kennengelernt, sie war Studentin, sie hat mir geholfen und Kontakte verschafft. Und sie wollte einmal dabei sein bei Typen in der Wiener Unterwelt. Da habe ich sie mitgenommen. Ich kannte diese Leute. Sie wollte sich das Stoßspiel, das Glücksspiel in der Unterwelt, anschauen. Die Betroffenen haben gesagt, sie haben nichts dagegen, obwohl: Frauen dürfen nicht dabei sein beim Glücksspiel, damals vor 25 Jahren. Dann habe ich gesagt: „Die ist eine Prinzessin“, und jetzt haben sie geantwortet, sie machen eine Ausnahme, weil sie eine Prinzessin ist.

Gibt es eine Konkurrenzsituation zwischen dem vielschreibenden Soziologen und dem nachforschenden Journalisten?

Eigentlich nicht. Nur: Der Journalist hat es schwerer, er muss in kurzer Zeit, in einer Woche, irgendetwas zusammenbasteln. Der Soziologe hat aber Zeit. Ich bewundere gute Journalisten.

Zur Person

Roland Girtler wuchs in Spital am Pyhrn auf, er habilitierte sich 1979 an der Universität Wien. Der ao. Univ.-Prof. am Institut für Soziologie hat sich der Feldforschung verschrieben und publiziert geradezu rastlos über die unterschiedlichsten (Rand-)Gruppierungen der Gesellschaft. In diesem Monat, im Mai 2011, begeht er seinen 70. Geburtstag. Girtler übt weiterhin seine Lehrtätigkeit aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2011)