Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Zuwanderung steigt: 114.000 kamen 2010

Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz
(c) APA/ROLAND SCHLAGER (Roland Schlager)
  • Drucken

Schlechte Schulbildung, hohe Kriminalität, Arbeitslosigkeit und enge Wohnverhältnisse als Problemzonen: Staatssekretär Sebastian Kurz präsentiert den Integrationsbericht 2010 und zieht erste Konsequenzen daraus.

Wien. Staatssekretär Sebastian Kurz will Strafen für Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken, und ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr für jene, die besonderen Förderungsbedarf haben: Das sind erste Konsequenzen aus dem Integrationsbericht, der am Mittwoch in Wien präsentiert wird. Doch weitere Konsequenzen müssen folgen, denn nicht nur die Bestandsaufnahme zum Thema Bildung, sondern auch andere Kapitel des Berichts weisen auf Problemzonen im Bereich der Migration hin.

 

1 Zuwanderung: 2010 kamen wieder mehr Menschen nach Österreich

Der oftmals plakativ verkündete Zuwanderungsstopp funktioniert offensichtlich nicht: 2010 stieg die Zuwanderung wieder an. Der Grund: Die Konjunktur sprang an, die Nachfrage nach Arbeitskräften wuchs. 114.000 Personen kamen im Vorjahr nach Österreich, das sind um 7000 mehr als im Jahr davor. Die Abwanderung blieb mit 87.000 Personen im Wesentlichen gleich. Daraus ergibt sich eine Nettozuwanderung von 28.000 Menschen (die Zahlen sind gerundet).

Die Regulierung versagte, weil Quoten nur für Länder außerhalb der EU verordnet werden können. Die meisten Zuwanderer sind aber EU-Bürger (59.000) und Österreicher, die aus dem Ausland heimkehren (16.000). Aus der Türkei kamen nur 4000 Migranten – ein vergleichsweise geringer Wert. Und auch die Zahl der Asylwerber (von denen rund ein Drittel anerkannt wird) ging auf 11.000 zurück. Insgesamt lebten 2010 in Österreich 1,543 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund – das sind 18,6 Prozent der Bevölkerung. Davon gehören 1,139 Millionen der „ersten Generation“ an, die noch im Ausland geboren wurde.

 

2 Sicherheit: Ausländer sindgleichermaßen Täter und Opfer

Die oft behauptete höhere Kriminalitätsrate von Ausländern gibt es tatsächlich. 29 Prozent aller Tatverdächtigen und 31 Prozent aller Verurteilten sind ausländische Staatsbürger. Und zwar zum Großteil solche, die auch in Österreich leben: Von den Tatverdächtigen haben nämlich 24 Prozent einen Wohnsitz in Österreich, nur fünf Prozent sind Touristen oder Illegale. 1,6 Prozent aller ausländischen Staatsbürger wurden im Vorjahr gerichtlich verurteilt – die Rate ist damit viermal so hoch wie bei Österreichern (0,4 Prozent). Die Statistik verzerrt allerdings ein wenig: Das höchste Risiko, mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen, haben 15- bis 40-jährige Männer – und in dieser Gruppe sind Ausländer überproportional vertreten. Bereinigt man die Statistik um diesen Faktor, haben Ausländer aber immer noch die 2,8-fache Kriminalitätsrate im Vergleich zu Österreichern.

Doch Migranten sind nicht nur Täter: 20 Prozent aller Opfer von Straftaten waren im Vorjahr Bürger aus dem Ausland, die damit fast doppelt so oft zu Opfern werden wie Österreicher.

 

3 Bildung und Sprache: Aufstieg erst in der zweiten Generation

Ausländische Schüler besuchen selten höhere Schulen und sind in der Sonderschule überproportional vertreten. 14 Prozent der nicht deutschsprachigen Schüler schaffen nicht einmal den Pflichtschulabschluss. Das gilt für allem für Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien und noch viel mehr für jene aus der Türkei. Anzusetzen wäre da schon im Kindergarten: 58 Prozent der nicht deutschsprachigen Kinder haben sprachlichen Förderbedarf, bei den deutschsprachigen trifft das nur auf zehn Prozent zu. Bei der sogenannten zweiten Generation (schon in Österreich geboren) ist aber Besserung in Sicht: Deren Schulkarrieren unterscheiden sich nur wenig von jenen der Österreicher.

 

4 Beruf: Mehr Arbeitslose, aber weniger Langzeitarbeitslose

Das Bildungsniveau schlägt sich auch im Erwerbsleben nieder: Türken und Zuwanderer aus anderen Drittstaaten wiesen 2010 eine Arbeitslosenquote von 13,1 Prozent auf – diese ist damit doppelt so hoch wie bei Österreichern (6,4). Insgesamt belief sich die Ausländerarbeitslosigkeit auf 9,7 Prozent. Bemerkenswert ist, dass die Langzeitarbeitslosenquote bei Migranten (nämlich 1,6 Prozent) geringer war als bei Österreichern (2,9 Prozent).

Niedriger fiel auch die Erwerbsquote von Zuwanderern aus (65 zu 73 Prozent), was an den Frauen liegt – vor allem an den Türkinnen, die 2010 nur zu 41 Prozent einer Arbeit nachgingen. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen aus der EU, dem EWR, der Schweiz und Ex-Jugoslawien unterschied sich nur unwesentlich von jener der Österreicherinnen (68 Prozent). Bei den Türkinnen der zweiten Generation sind ebenso kaum noch Unterschiede zu erkennen.

5 Wohnen: Engere Verhältnisse und höhere Kostenbelastung

Die Einkommenssituation von Migranten schlägt sich auch in den Wohnverhältnissen nieder. 2010 lag die Wohnfläche pro Kopf im Schnitt bei rund 43 Quadratmetern. Ausländischen Staatsangehörigen standen nur 31 Quadratmeter, Türken gar nur 21 Quadratmeter pro Kopf zur Verfügung. Außerdem ist die Wohnkostenbelastung bei Zuwanderern deutlich höher. 16 Prozent der Österreicher, aber 35 Prozent der Ausländer wenden mehr als ein Viertel ihres Haushaltseinkommens für die Wohnkosten auf.

 

6 Mehr Kinder: Ausländer retten die Geburtenrate

Bei österreichischen Staatsbürgern gibt es bereits einen negativen Geburtensaldo (Geburten minus Sterbefälle) von 7374 Personen. Dank des Geburtenüberschusses bei Ausländern dreht sich der Saldo knapp ins Positive.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2011)