Schnellauswahl

Verbrechen Cybercrime: Freund – oder doch Feind?

(c) REUTERS (THOMAS PETER)

Anzeigen wegen Verbrechen, die im Internet begangen werden, nehmen sprunghaft zu. Sperre von Internet- seiten kann aber als Einschränkung der Freiheit gesehen werden. Gesellschaft müsse helfen das Problem lösen.

Es sei unpopulär, das auszusprechen, aber: „Es gibt kein Cybercrime.“ Mit dieser Aussage konfrontierte Daniel-Domscheit-Berg seinen Mitreferenten und das Auditorium, denn in der Plenumsdiskussion bei den Alpbacher Technologiegesprächen ging es ja um Cybercrime. Und Domscheit-Berg ist ein Experte auf dem Internetgebiet, ist der deutsche Informatiker doch einer der Mitbegründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks, von der er sich vor eineinhalb Jahren getrennt hat. Aber vielleicht wollte der Referent, der seit Jänner 2011 seine eigene Plattform OpenLeaks in Berlin betreibt, auch nur kundtun, dass er keine Fragen nach Julian Assange beantworten will.

Schuld sind die Menschen.
Verbrechen begehen Menschen und nicht Maschinen, und es sei normal, dass ein Teil der Verbrechen im Internet begangen wird. „Kinderpornografie ist ein schlimmes Thema, aber es findet nicht im Internet, sondern meist im Umfeld einer Familie oder im Bekanntenkreis statt.“ Auch Kreditkartenbetrug gebe es ohne Internet. „Es gibt Verbrechen auf vielen Gebieten, nicht nur im Internet.“ Er rechtfertige jedenfalls auf keinem Gebiet kriminelle Handlungen.
Freilich weiß Domscheit-Berg um Vorbehalte gegen Datennetzwerke: „Das Internet ist ein Feind, der immer da ist, der uns bedroht, und es gibt viele Menschen, die ständig Angst haben, dass da irgendetwas passieren kann“, laute eine, oft im Unterbewusstsein verankerte Meinung. Wie groß das Feld ist, wo etwas passieren kann, skizzierte sogleich Hans-Peter Stückler, der Leiter der Kriminalstrategie im österreichischen Bundeskriminalamt: In Österreich gebe es 2,57 Millionen Facebook-Nutzer, 6,1 Millionen Internet-Nutzer, 50.000 seien auf Twitter unterwegs, 2010 wurden 6,4 Milliarden SMS versendet, 91 Prozent besitzen ein oder mehrere Mobiltelefone, es gibt 1.069.771 at-Domains und 42 Prozent nutzen das Internet über mobile Geräte. Stückler: „Cybercrime ist ein Problem mit vielen Gesichtern.“
Zu diesen „Gesichtern“ würden Hacker zählen, weiters Happy Slapping, Industriespionage, Onlinesucht und Cybermobbing. Wobei die Polizei gerade bei der Industriespionage via Internet ein riesiges Dunkelfeld konstatiere. Hier werde äußerst intelligent vorgegangen, es gebe auch kaum Anzeigen, denn die Unternehmen wollen das Vorhandensein von Schwachstellen nicht zugeben. Laut der offiziellen Kriminalstatistik sind Verbrechen in den vergangenen Jahren insgesamt zurückgegangen, die Sparte Cyberkriminalität hat indes zugelegt. Im ersten Halbjahr 2011 wurden in Österreich 2229 Delikte zur Anzeige gebracht, im Vergleichszeitraum 2010 waren es 2020, 2008 nur 1188. Die Anzeigen werden in der Dienststelle „C4“, dem Cybercrime-Competence-Center im Bundeskriminalamt, behandelt.

Machtlose Polizei? „Das derhebt die Polizei heute nicht, nicht in zehn, nicht in hundert Jahren.“ Deshalb appelliert Stückler auch an die Wissenschaft, in Kooperation mit der Polizei Gegenstrategien zu entwickeln. Das löste bei Domscheit-Berg freilich nur ein Achselzucken aus: „Die technische Sicherheit ist eine Illusion, es gibt immer einen Weg herum.“ Und es gebe – gerade im Zuge der weltweiten Vernetzung – unterschiedliche Einstellungen. So hätten Asiaten kein Unrechtsbewusstsein, etwas zu „klauen“, denn da werde das Kopieren von europäischen oder amerikanischen Produkten als besondere Leistung anerkannt.
In Deutschland und Österreich müsse laut Domscheit-Berg bei Verbrechen, die im Internet begangen werden, „die Gesellschaft das Problem lösen“. Wird Cybermobbing gegen einen Schüler bekannt, dann müsse eben ein Internetexperte an die Schule kommen und dort die diesbezügliche Aufklärung betreiben. Es sei auch von Vorteil, wenn mehr Leute auf fragwürdige Internetseiten Zugriff haben, dann könnten sie Verfehlungen der Polizei melden. Gesperrte Internetseiten kämen einer Einschränkung der Freiheit gleich. Domscheit-Berg: „Wir brauchen mehr denn je mündige Bürger.“
Mit diesem Bekenntnis trifft der deutsche Informatik-Profi fast deckungsgleich auf den österreichischen Kriminalisten. „Wir brauchen ihre Mithilfe“, so lautet der Appell Stücklers an das Alpbacher Publikum.