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Angelina Jolie: "Ich lese nie Kritiken über mich"

Angelina Jolie lese Kritiken
Angelina Jolie(c) AP (Thibault Camus)
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Angelina Jolie brachte den Glamour zur Berlinale und begeisterte mit ihrem Regiedebüt "In The Land of Blood and Honey". Im Interview spricht sie über die Herausforderungen ihres Projekts und ihre Erkenntnisse daraus.

Schauspielerin Angelina Jolie (36) präsentierte auf der Berlinale ihr Regiedebüt „In The Land of Blood and Honey“ – ein Drama über ein serbisch-kroatisches Liebespaar zur Zeit des Bosnien-Krieges. Kinostart in Österreich ist der 23. Februar.

 

Was haben Sie bei diesem Film als die größte Herausforderung empfunden?

Angelina Jolie: Die richtige Balance zwischen Politik, der Komplexität des Konflikts und der Befindlichkeiten von damals zu finden – und es mit Sensibilität zu behandeln. Ich war 17, als dieser Krieg begann, und wie viele Leute in Amerika wusste ich nur wenig darüber. Ich fühlte mich verpflichtet, mehr über diesen Krieg zu erfahren.

Wie ist Ihnen das Kunststück gelungen, den Zuschauer trotz des Horrors eines Krieges nicht allzu sehr zu strapazieren?

Dieses Kompliment freut mich, ich habe hart daran gearbeitet, um diese Balance hinzubekommen. Vielleicht lag es daran, dass jeder im Team diese Geschichte aus demselben Grund erzählen wollte. Uns ging es darum zu verstehen, was mit der Gesellschaft passiert, und wie sich Menschen verändern, wenn sie jahrelang Krieg erlebt haben.

 

Sie waren von diesem Krieg nicht betroffen. Warum wollten Sie einen Film über einen Konflikt drehen, der mit Ihnen so wenig zu tun hat?

Ich habe viel darüber gelesen, meine Story basiert auf Fakten. Ich überließ das Skript den Schauspielern und Betroffenen, die aber nicht wussten, von wem es stammt. Sie kamen von allen Seiten des Konflikts und brachten Ideen ein. Und sie hatten das letzte Wort.

 

Was ist das Wichtigste, das Sie aus dieser Arbeit gelernt haben?

Dass wir – Serben, Bosnier, Amerikaner – zusammengerückt sind, um diese Geschichte zu erzählen. Durch den Dreh sind Freundschaften entstanden. Wir haben viel voneinander gelernt.

 

Wie versuchen Sie, als Hollywoodstar Ihrer Vorbildfunktion gerecht werden?

Indem ich mein Bestes gebe. Je älter ich werde, desto mehr lerne ich über die Welt und desto mehr wird mir bewusst, wie wenig ich weiß. Ich habe daher versucht, mich fortzubilden, wollte viel über die größten Konfliktherde der Welt wissen. Daher bin ich dankbar, dass es Momente wie diese in Berlin gibt, in denen ich mich mitteilen kann.

In Ihrem Film sieht man, wie wegen des Rassenhasses Kinder getötet werden. Warum fanden Sie – auch als Mutter von sechs Kindern –, dass das notwendig ist?

Genau das ist der Grund. Die Szene mit dem Kind war mein schlimmster Albtraum, gerade als Mutter. Aber wenn man genau hinschaut, sieht man nie das Kind. Man meint es nur zu sehen.

Nach welchen Kriterien haben Sie entschieden, wie grausam Ihre Bilder sein sollen?

In der Filmkunst gibt es immer die Frage, wie viel man zeigt. Aber jeder, der den Bosnien-Krieg erlebt hat, weiß, dass dieser Film nur einen kleinen Ausschnitt davon zeigt, wie grausam er in Wahrheit war. Es gibt keinen Film, der den Gräuel des Krieges darstellen könnte. Aber dennoch haben wir die Verantwortung zu zeigen, wie grausam er ist. Ja, der Film sollte für den Zuschauer schwierig sein. Aber ich habe nicht alles gezeigt, was ich hätte zeigen können.

 

Am Ende des Films heißt es, dass während dieses brutalen Krieges etwa 50.000 Frauen vergewaltigt worden seien...

Diese Zahlen sind Schätzungen der EU und der Vereinten Nationen. Die Gewalt gegen Frauen war in Kriegen immer besonders groß.

 

Haben Sie keine Angst, dass man diesen Film positiv wie negativ vorverurteilt, weil Sie eine Frau sind?

Darüber habe ich nie nachgedacht. Ich stehe voll und ganz zu diesem Film – selbst, wenn ihn alle hassen sollten. Nur so kann Kunst funktionieren. Ich habe noch nie eine Kritik über mich gelesen. Selbst wenn sie positiv wäre, ist es doch nicht gesund.

 

Wird es nach diesem Projekt für Sie schwieriger, weniger relevante Filme zu machen?

Sie meinen Actionfilme? (lacht) Man findet Wege, um Dinge relevant werden zu lassen. Gute Actionfilme können für meine Töchter etwas Stärkendes sein. Als Nächstes drehe ich einen Disney-Film. Etwas für Kinder zu machen ist das Beste, um mein Gleichgewicht wiederzufinden. Dennoch war diese Arbeit wunderbar. Von all meinen Filmen zählt dieser am meisten für mich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2012)