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Der lange Schatten des Regimes von Assad reicht bis London

(c) Reuters (LUKE MACGREGOR)
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Rund 25.000 Syrer leben in Großbritannien, die meisten in der Hauptstadt. Viele haben Angst vor dem langen Arm des syrischen Regimes.

London. Rami (Name auf Wunsch geändert) ist schon vor über 25 Jahren aus Syrien geflohen – doch noch immer hat sie das Gefühl, dem langen Schatten des Assad-Regimes nicht entkommen zu sein. „Schreib nicht, aus welcher Stadt ich komme, nichts über meine Religion, meine Familie und meinen Job“, bittet die 42-Jährige. „Sonst wissen sie, dass ich das bin. Das Regime ist böse. Ich würde meine Verwandten zu Hause in Gefahr bringen. Ich habe nicht das Recht, sie in dieser Situation zu gefährden.“

Rami ist eine von rund 25.000 Syrern, die derzeit in Großbritannien leben, die meisten von ihnen in London. Nicht alle sind Regime-Gegner: Der Diktator selbst hat hier seine Ausbildung zum Augenarzt gemacht und seine syrisch-stämmige Frau kennengelernt. Deren Vater, ein angesehener Kardiologe mit Praxis auf der noblen Mediziner-Meile Harley Street, ist im Vorstand der Britisch-Syrischen Gesellschaft.

Mit 13 Jahren, erzählt Rami, sei sie wegen einer Lappalie fast verhaftet worden: „Ich hatte mich geweigert, bei einem offiziellen Marsch mitzulaufen. Dann haben sie mich gefragt: Bist du für die Partei? Ich habe Nein gesagt. Es ist ein Wunder, dass sie mich nicht gleich mitgenommen haben.“ Zwei Jahre später verließ die Familie das Land. Ihre Verwandten und Freunde in Syrien sind „okay“, sagt Rami. In ihrer Heimatstadt sei es bisher weitgehend ruhig geblieben. „Viele meiner Freunde tun so, als ob nichts wäre. Sie stecken den Kopf in den Sand.“

Die Familie von Mohamed Mahameed kann das nicht: „Wenn ich mit ihnen telefoniere, höre ich nicht nur ihre Stimmen, sondern im Hintergrund auch die Stimmen der Waffen, die Schüsse, die Granateinschläge“, erzählt der Student, der in Bristol gerade seinen Master in Finanzmanagement macht. Mohamed (29) stammt aus Daraa im Süden Syriens, wo die Revolution vor einem knappen Jahr begann.

„Drei meiner Cousins sind ums Leben gekommen. Einer von ihnen war Chirurg, er hat geholfen die Leute zu versorgen. Ein Major der syrischen Armee hat ihn im Krankenwagen erschossen.“

 

Schuldgefühle in der Sicherheit

Er fühle sich oft „schuldig, weil ich hier in Sicherheit bin, während meine Familien und meine Freunde dort den Kopf hinhalten“. Wut und Angst versucht er anders zu kanalisieren: „Ich bin Aktivist. Meine Freunde und ich sammeln Geld für Hilfskonvois, wir demonstrieren, ich schreibe auf Facebook über die Situation.“ Seine Landsleute, da ist sich Mohamed sicher, würden nicht aufgeben, bis das Regime gestürzt ist. „Aber wir brauchen internationale Hilfe. Keine Truppen, aber Unterstützung.“

Auch Ghassan Ibrahim ist sicher, dass die Tage der Assad-Diktatur gezählt sind. Der 35-Jährige ist Chef des Londoner Global Arab Network, einer Onlineplattform für Informationen aus dem arabischen Raum. „Das Regime wird stürzen. Die Frage ist nur, ob der Rest der Welt danach ein einigermaßen stabiles Syrien oder Chaos will. Je länger die Revolution dauert, desto größer ist die Gefahr eines Bürgerkrieges.“

Wie viele Syrer habe er bei Bashar al-Assads Amtsantritt 2000 noch gehofft, der Sohn, der so modern und westlich wirkte, werde das Land reformieren. „Sein Vater hat immer darauf geachtet, dass die Korruption, die Armut, die Aktionen der Geheimpolizei ein bestimmtes Maß nicht überschreiten. Doch er ist dümmer als sein Vater, er hat das Land im Chaos versinken lassen.“ Nun versuche der Diktator verzweifelt „einen religiösen Krieg anzuzetteln, um so die Krise zu überleben“, so Ibrahim, der sich selbst als „liberalen Moslem“ bezeichnet.

 

„Mit einem Mörder reden?“

Auch Nadim Nassar fürchtet, dass religiöse Konflikte von den eigentlichen Problemen ablenken könnten. „Das Hauptproblem ist die Korruption. Die Leute haben das so satt. Genau wie die Herrschaft der Baath-Partei und der Geheimpolizei.“ Der Christ aus der Küstenstadt Latakia lebt seit 1997 in London und ist, wie er stolz erklärt, „der einzig syrischstämmige Priester in der Anglikanischen Kirche“.

Nasser gehört zu den wenigen Auslands-Syrern die glauben, dass der Konflikt sich noch friedlich lösen lässt. „Wir brauchen einen Dialog zwischen dem Regime und den Rebellen. Es ist nie zu spät, miteinander zu reden.“

Doch Student Mohamed, dessen bester Freund erst kürzlich von einem Heckenschützen der syrischen Armee erschossen wurde, hält das für naiv: „Was will man mit einem Mörder über Reformen reden?“

Auf einen Blick

Außerhalb Syriens leben 15 bis 18 Millionen Menschen syrischen Ursprungs. Ungefähr eine Million Syrer lebt in den USA, aber da ist die vierte Generation auch miteinberechnet. Zudem wanderten viele Syrer nach Australien und Südamerika aus, vor allem nach Brasilien, Venezuela, Kolumbien und Chile. In Europa gelten Schweden und Frankreich als Brennpunkte der Immigration.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2012)