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Politik im TV: "Viel zu geschwollen"

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Junge Zuschauer interessieren sich nicht besonders für Politik im Fernsehen. Wenn, dann bei Themen, die sie direkt betreffen und die verständlich aufbereitet sind. Eine Herausforderung für Politik und Medien.

Voll wurscht ist es mir nicht, aber da gibt's viel Aufstand um nichts.“ Den „Aufstand“ machen nach Ansicht dieses jugendlichen Wieners die Politiker. Und „um nichts“ geht es in der Politik, „weil die sowieso machen, was sie wollen“ und „eh nichts ändern“, wie eine Innsbruckerin meint. Doch nicht nur die Politik, auch die Medien schaffen es mit ihren Informations-, Diskussions- und News-Formaten kaum, die Generation „Politik? Nein, danke!“ anzusprechen, die sich „lieber Dingen zuwendet, die mehr Spaß machen, weniger langweilig sind und mehr persönlichen Nutzen bieten“, wie Beate Großegger vom Institut für Jugendkulturforschung konstatiert.


Politikverdrossen sind Jung wie Alt.
Die promovierte Kommunikationswissenschaftlerin hat im Auftrag des ORF hundert 14- bis 29-Jährige in Gruppengesprächen, Intensivinterviews und Online-Diskussionen befragt (dabei auch genannte Zitate gesammelt), um deren Einstellung zur Politik und deren Medienverhalten zu erforschen. „Nicht nur die Jugendlichen sind politik- und politikerverdrossen. Man bemerkt eine Entfremdung der Bürger von der politischen Klasse“, sagt Großegger. „Jugendliche, die mit 16 wählen können, sind umso irritierter, wenn sie feststellen, dass sie in dieser Politik mit ihren Anliegen und Interessen nicht wirklich vertreten sind. Sie haben das Gefühl, dass sich die Debatte in politischen Kreisen um sich selbst dreht und mit dem Alltag der Menschen, vor allem der jungen, nichts zu tun hat.“ Und: Sie verstehen vieles nicht, was von Politikern oder in den Medien gesagt wird: „Es wird meistens viel zu geschwollen über Politik geredet“, beschwert sich etwa ein Vorarlberger Forenmitglied.

Gleichzeitig gilt es auch in gebildeten Schichten offenbar nicht mehr als Muss, politisch informiert zu sein. Es habe sich „etwas überraschend“ gezeigt, dass es Politikinteresse wie -desinteresse in allen Bildungsniveaus gibt und dass Jugendliche – quer durch alle Niveaus – „sehr selbstbewusst“ zugeben, wenn sie „nicht zu viel Energie“ in politische Information investieren, sagt Großegger. Der schnelle, kurzfristige Input ist gefragt. Und Themen, die junge Leute generell oder persönlich betreffen. „Junge Mediennutzer sind in einer sehr informationsdynamischen Welt aufgewachsen: Das Neueste zählt. Die wollen Breaking News, deswegen greifen sie gern auf Onlineportale zu.“ Auch, um – wenn ihr Interesse geweckt ist – Hintergründe zu recherchieren oder sich über Twitter und Facebook auszutauschen.

Es gebe unter den jungen Zuschauern drei unterschiedliche Typen, weiß ORF-Chefredakteur Fritz Dittlbacher aus der Studie „Jugend und Gesellschaftspolitik“, die vom Public-Value-Kompetenzzentrum des ORF veröffentlicht wurde: „Die Info-Seeker, die selbst aktiv sind, sich für Politik und die Nachrichten interessieren und die auch in ORF2 zu finden sind. Die Info-Avoider, die man auch mit dem besten Angebot nicht erreicht. Und die größte Gruppe: die Info-Scanner. Die wollen mitreden können und sich informieren, dafür aber keine halbe Stunde Nachrichten schauen.“ Der ORF bietet dieser Zielgruppe auf ORF eins Kurzformate wie den „ZiB Flash“ oder die „ZiB20“. Doch nicht nur die Kürze entscheidet. Auch die Themenauswahl: „Wir hatten nach der Song-Contest-Ausscheidung die Trackshittaz in der ,ZiB24‘ am Einser. Die würden auf ORF2 nur Befremdung bewirken.“

Der Versuch, auf ORF eins mit „Contra – der Talk“ eine junge Diskussionssendung zu etablieren, ist gescheitet. „Den wirklich jungen Talk hat im deutschsprachigen Raum noch keiner erfunden“, meint Dittlbacher. Am ehesten funktioniere das auf ZDFneo, bei dem oft das Internet mit eingebunden sei oder man auf lustige Moderatoren setzt (z. B. Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf in „neoParadise“). ZDFKultur habe es mit „(Charlotte) Roche & (Jan) Böhmermann“ versucht – aber „den Talk auch nicht neu erfunden“. Warum es so schwer ist, erklärt er unter anderem so: „Junge Leute schauen sich dann Talk im Fernsehen an, wenn sie sich selbst dort wiederfinden. Die wollen keine alten Leute anschauen, die auf jung geschminkt sind.“


Politiker bringen keine Zuschauer.
ATV-Nachrichtenchef Alexander Millecker kann „das berühmte Vorurteil von der politikverdrossenen Jugend nicht nachvollziehen“. ATV habe z.B. mit „ATV Meine Wahl“ 2008 einen Marktanteil von 13,9Prozent bei den Zwölf- bis 29-Jährigen gehabt. „Es ist die Frage, wie man politische Berichterstattung präsentiert“, meint er. „Und da geht es nicht nur darum, wie das Format aussieht, wie schnell es ist, ob Social Media eingebunden sind, sondern auch um die Inhalte und wie sie präsentiert werden. Man muss versuchen, einen Zugang zu Themen zu finden, der für junge Zuseher relevant ist.“

ATV habe außerdem die Probe aufs Exempel gemacht: „Es gibt keine Korrelation zwischen der Prominenz der Teilnehmer einer Sendung und der Quote. Der Erfolg ist also nicht davon abhängig, ob der Minister oder ein Klubobmann diskutiert, sondern, ob es eine spannende Diskussion ist – die kann genauso gut von Experten oder Betroffenen geführt werden.“ Bei manchen Themen hilft aber alles nichts: Sie werden von Jungen verweigert. Millecker nennt EU-Fragen und Wirtschaftspolitik. Und natürlich hat auch er seine Erfahrungen mit Politikern, die lieber Stehsätze anbringen als Antworten zu geben: „Ich halte das für kontraproduktiv, wenn Rhetorikschulungen dazu beitragen, dass Zuschauer nur die Ohren anlegen und sagen, das schaue ich mir nicht an, weil ich kriege sowieso keine konkrete Antwort. Da tun sich die Politiker selbst keinen Gefallen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2012)