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Grass-Debatte: Ein Gedicht ist, was der Dichter dichtet

(c) Dapd (Thomas Lohnes)

Der umstrittene Text „Was gesagt werden muss“ sei kein Gedicht, sagt US-Autor Begley. Aber wer kann das bestimmen? Und wie wird Lyrik aus Prosa? Nur durch Zeilenumbrüche? Ein poetologischer Versuch.

Die Debatte über das am 4.April in Zeitungen erschienene Gedicht „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass hat einerseits die Ebene des garstigen Revanchefouls erreicht: So nannten rechts stehende israelische Autoren Grass u.a. „rassistisch“ und „wahnsinnig“.

Andererseits die Ebene des Grundsätzlichen. Das Feuilleton fragt sich, was sich der Stammtisch schon lange fragt: Ja, ist denn das überhaupt ein Gedicht?

Viele Kommentatoren setzten das Wort Gedicht unter Anführungszeichen oder schrieben von einem „sogenannten Gedicht“. So auch Louis Begley, US-amerikanischer Rechtsanwalt und erfolgreicher Romanautor. In einem nun in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (in reiner Prosa) erschienenen Kommentar behauptet er: „Grass' Gedicht ist so wenig ein Poem, wie ein Porzellan-Urinal zum Kunstwerk wurde, nur weil Marcel Duchamp beschloss, es als Wasserspiel auszustellen.“

 

Auch ein Text kann Objet trouvé sein

Das rührt an die Grundlagen der Kunstkritik. Ist ein Gegenstand ein Kunstwerk, weil ein Künstler ihn als solches ausstellt? Ist ein beliebiger Text ein Gedicht, weil ihn ein Dichter als solches publiziert? Wenn ja, dann heißt das, dass der Künstler respektive Dichter die Gabe und/oder Autorität hat, einen nicht künstlerischen Gegenstand in ein Kunstwerk zu verwandeln, indem er ihn aussucht. Das nennt man seit fast 100 Jahren – Duchamp prägte den Begriff zirka 1914 – ein „Readymade“ oder, wenn der Künstler das Objekt doch ein wenig bearbeitet, ein „Objet trouvé“. Mit solchen Objekten bereicherte etwa Andy Warhol 50 Jahre später das Alltagsleben der westlichen Welt: Wenn Suppendosen auch Kunstwerke sind, heißt das auch, dass ein Einkaufsausflug ein wenig von einer Kunstaktion hat.

Schon 14 Jahre nach Duchamps schuf Magritte das Kunstwerk „La trahison des images“: das realistische Bild einer Pfeife, unter dem steht „Ceci n'est pas une pipe“. Eine ähnliche Verwandlung: Aus einem Gegenstand (respektive dem Bild eines Gegenstandes) wird etwas Neues, hier ein Nichtgegenstand. Transformation durch Deklaration.

Wenn Peter Handke in „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ die „Aufstellung des 1.FC Nürnberg vom 27.1.1968“ abdruckte, als wäre es ein Gedicht (freilich nicht als Gedicht ausgeschildert), war das sozusagen das literarische Pendant dazu: Ein fertiger Text, vom Dichter gefunden, publiziert und dadurch in ein Gedicht verwandelt. Hätte Grass einen politischen Essay zum Thema gefunden und durch Zeilenumbrüche verändert, wäre das ein Gedicht in diesem Sinn. Fragt sich: Gilt das auch, wenn man einen Essay aus eigener Hand so behandelt? Auf Duchamp übersetzt: Wenn dieser hauptberuflich Fabrikant von Pissoirmuscheln gewesen wäre und eines seiner eigenen Produkte aus dem Verkauf genommen und zum Kunstwerk erklärt hätte, würde die Kunstwelt das genauso akzeptieren?

Zumindest in demokratischen Ländern gibt es keine Behörde, die bestimmt, wer sich als Dichter und Künstler sehen darf, und das ist wohl gut so. So ist der erste „poetische act“ (um einen Begriff von H.C.Artmann zu verwenden) wohl eine Selbsteinsetzung. Etwa in der Form, die Bob Dylan in „I Shall Be Free No.10“ wählte: „Yippee! I'm a poet, and I know it.“

Dass Günter Grass ein Dichter ist, darüber herrscht wohl Übereinkunft. Nicht bekannt ist, ob er seinen umstrittenen Text zuerst in Prosaform – also ohne Zeilenumbrüche – geschrieben hat oder gleich als Gedicht. Die Debatte, ob ein Text, der inhaltlich ein Essay ist, zum Gedicht wird, wenn man Zeilenumbrüche einfügt, blühte in den Sechzigerjahren, sie betraf damals etwa Werke von Erich Fried, dessen Gedichte freilich immer etwas besonders Sentenziöses hatten. Einen betont konservativen Standpunkt nahm damals Friedrich Torberg ein, der 1969 seine „Einsichten“ als Gedicht publizierte. Die erste Strophe geht so:


Seit ich
In einem literaturkritischen Aufsatz
Ein Zitat von Peter Weiss gelesen habe
Welches besagt
„...dass in einem zurückgebliebenen
Kolonialland
das Proletariat eher die Macht ergreift
als in den entwickelten
westlichen Ländern“
Und seit ich
Demselben Aufsatz entnommen habe
Dass es sich hier um Verse handelt
Schreibe ich nur noch
Verse.


Der Rückzug auf die Annahme, ein Gedicht müsse sich durch Versmaß oder Rhythmus auszeichnen, funktioniert nicht, spätestens seit man von „freien Rhythmen“ spricht. Ein Ausweg wäre die Forderung, dass bei Poesie Form und Inhalt in besonderer Weise korrespondieren, aber das ist schwer fassbar, am ehesten in poetischer Form: „A poem should be palpable and mute / As a globed fruit“, schrieb Archibald MacLeish in seiner „Ars Poetica“ (1926) und schloss seine Verse so: „A poem should not mean / But be.“

Als Definition ist das unbrauchbar, da es nicht nur das jüngste Grass-Gedicht, sondern so gut wie alle politischen Gedichte ausschließen würde. Vielleicht mit Ausnahme reiner Slogans – und mit dem Kunstgriff, zu erklären, dass diese nichts bedeuten, sondern nur sind. Das würde freilich alle Debatten über den Text quasi per Dekret beenden. Und das wäre doch schade.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2012)