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Tirol: Ehrenamtliche Mitarbeiter frustriert

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Freiwillige Sanitäter beklagen eine Zentralisierung des Rettungswesens und zu geringe Wertschätzung für ihre Tätigkeit. Die Identifikation mit den einzelnen Ortsstellen gehe verloren.

. . Sie opfern ihre Nächte, ihre Wochenenden und Feiertage – die knapp 4000 ehrenamtlichen Mitarbeiter des Roten Kreuzes in Tirol. Außer einem Drei-Euro-Gutschein pro Dienst, den sie im McDonald's oder Bäcker Ruetz einlösen können, bekommen sie keinen Cent. Ihre Triebfeder ist nicht das Geld, sondern ein soziales Bewusstsein, eine Lebenseinstellung. Zusammen mit den 500 Angestellten rücken sie 83.000-mal im Jahr zu Rettungseinsätzen aus, hinzu kommen 217.000 Krankentransporte. Thomas ist einer von ihnen. Der 27-jährige Arzt versieht seit neun Jahren seinen Freiwilligendienst als Rettungssanitäter im Tiroler Unterland. Seit der Vergabe des Rettungswesens an das Bieterkonsortium rund um das Rote Kreuz und den damit verbundenen Umstrukturierungen ist ihm die Lust an seinem ehrenamtlichen Engagement fast vergangen – seiner Meinung nach geht die Identifikation mit den Ortsstellen nach und nach verloren. Warum er sich das trotzdem noch antut? „Ich weiß es nicht, ich kann einfach nicht anders.“

 

„Informationsfluss wird immer schlechter“

Die Zentralisierung des Rettungswesens habe dazu geführt, dass die Kameradschaft, das Zusammengehörigkeitsgefühl in den Bezirken, auf der Strecke bleibt, glaubt Thomas. „Fortbildungen beispielsweise finden zumeist in der Akademie des Roten Kreuzes in Innsbruck statt, anstatt wie früher in den einzelnen Ortsstellen. Durch die landesweite Rettungsleitstelle wird man nicht mehr von einem bekannten Kollegen disponiert, sondern bekommt die Codes zum Ausrücken von jemandem, mit dem man möglicherweise noch nie etwas zu tun hatte.“

Auch der Informationsfluss innerhalb des Roten Kreuzes sei in den vergangenen zwei Jahren immer schlechter geworden. Die meisten Veränderungen erfahre er aus der Zeitung, nicht mehr von seinen Vorgesetzten. „Als Freiwilliger hat man schon das Gefühl, dass die Wertschätzung nachgelassen hat. Man opfert seine Freizeit und schlägt sich für den sozialen Dienst die Nächte um die Ohren, um beinahe täglich in der Zeitung zu lesen, dass das Rettungswesen immer teurer und bald unfinanzierbar sein wird. Wie ist denn das möglich?“

Bisher haben sich die Freiwilligen immer auf die Unterstützung der Politik verlassen können. Landeshauptleute und Bürgermeister streuten den Helfern von Feuerwehr und Rettung in der Öffentlichkeit Rosen, geht es doch um hunderttausende Wählerstimmen. Auch bei der Volksabstimmung über die Wehrpflicht setzt die ÖVP auf die Unterstützung des Freiwilligenheeres. Dass ausgerechnet im ÖVP-Land Tirol das Freiwilligensystem infrage gestellt wird, passt der Parteispitze gar nicht ins Konzept. Dementsprechend kleinlaut rudert Landeshauptmann Platter zurück.

Trotz aller Turbulenzen: „Am Arbeitsalltag hat sich bei uns nicht viel geändert“, erzählen die Rotkreuzler in Tirol. Dienste von Freiwilligen bestünden wie eh und je zumeist aus Kranken- und Behindertentransporten und langen Wartezeiten.

 

Enttäuschte Zivildiener

Sehr wohl Veränderungen habe es für Zivildiener gegeben. „Durch die vor allem im vergangenen halben Jahr immer strikter eingehaltene Trennung von Rettungs- und Krankentransporten werden Zivildiener zunehmend vergrämt“, sagt Martin aus Innsbruck. Der 50-Jährige ist seit sechs Jahren als Rettungssanitäter und Einsatzleiter im Freiwilligendienst. „Sie werden zumeist für Labor-, Proben- und Krankentransporte eingeteilt, dürfen nur ganz selten bei Rettungseinsätzen mitfahren, weil in den Rettungsfahrzeugen vermehrt die hauptamtlichen Sanitäter eingesetzt werden.“ Viele Zivildiener seien frustriert, würden beklagen, dass sie nicht zur Rettung gegangen sind, um ältere Menschen spazieren zu fahren.

Durch die Zerschlagung gewachsener Strukturen gibt es in Tirol schon jetzt Entwicklungen mit ungeheuren Folgen. Eine externe Leitzentrale ist nicht dafür da, Freiwillige und Zivildiener bei Laune zu halten, sondern die Versorgung so kostengünstig wie möglich zu gestalten. Die Rechnung bezahlt das Rote Kreuz. Denn der Zivildienst bringt nicht nur billige, junge Arbeitskräfte. 60 Prozent der Zivildiener wechseln nahtlos in den Freiwilligendienst. Wer Zivildiener zu Lückenbüßern degradiert und Lückenbüßer zu einem Freiwilligen Sozialjahr verdonnert, gefährde das Freiwilligensystem, heißt es beim Roten Kreuz.

Der Vorgabe, wonach in Tirol Rettungsfahrzeuge keine Krankentransporte mehr durchführen sollen, um Kosten zu sparen, kann Martin nur wenig abgewinnen. „Ich verstehe natürlich, dass man es vermeiden will, mit drei gut ausgebildeten Sanitätern an Bord Dialysepatienten in die Klinik und zurück zu fahren“, sagt er. „Aber in manchen Orten stehen Rettungswagen stundenlang herum, weil sie keine Krankentransporte fahren dürfen.“ Man dürfe sich nicht wundern, wenn in ein paar Monaten die ersten Ortsstellen zusammengelegt würden, meint Martin. So würden ein paar tausend Euro gespart und ein paar hundert Freiwillige vergrault.

Auf einen Blick

Keine Zugehörigkeit. Seit der Vergabe des Rettungswesens in Tirol an ein Bieterkonsortium rund um das Rote Kreuz beschweren sich viele ehrenamtliche Mitarbeiter über die zunehmende Auflösung der Bezirksstrukturen. Fortbildungen etwa würden zumeist in der Akademie des Roten Kreuzes in Innsbruck stattfinden, anstatt wie bisher in den jeweiligen Ortsstellen.

Geringe Wertschätzung. Auch die Wertschätzung gegenüber freiwilliger Tätigkeit habe nachgelassen. Besonders hart seien Zivildiener betroffen, die kaum Rettungseinsätze, sondern fast ausschließlich Krankentransporte fahren dürften.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2012)