Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Losgelöst: Die Einsamkeit des Helden im Himmel

(c) AP (Balazs Gardi)
  • Drucken

Das „Stratos“-Projekt knüpfte geschickt an die Pionierzeit der Weltraumfahrt an. Warum ist eine solche Inszenierung von Gefahren so wirksam? Und warum finden sich Menschen, die solche Risken auf sich nehmen?

Ein Held ist, wer sich mutig gegen seinen Vater erhoben hat und ihn am Ende siegreich überwunden hat.“ Nein, diese Definition eines Helden, die Sigmund Freud in „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ gegeben hat, passt nicht auf Felix Baumgartner. Dieser hat sich nicht gegen seinen Vater erhoben, weder im konkreten noch im übertragenen Sinn, und wenn er etwas überwunden hat, dann seine Angst und seine Grenzen. Seine Natur, könnte man sagen, und die hat in unserem Sprachgebrauch mütterlichen, nicht väterlichen Charakter.

Wesentlich für unser Bild von einem Helden ist, dass er allein handelt, ob er nun einer Hydra die Köpfe abschlägt oder 39 Kilometer in die Tiefe springt. Zumindest in dem Moment, in dem er die Tat begeht. Dann ist er mutterseelenallein: Das ist zwar eine volksetymologische Bildung aus dem französischen „moi tout seul“, es wirkt aber so eindringlich durch die paradoxe Kombination der Wörter „Mutter“ und „allein“: Wer bei der Mutter ist, ist nicht allein. Der Astronaut entfernt sich erst von seiner Mutter, dann von Mutter Erde, dann vom „Mutterschiff“; dann ist er, wie's im Schlager von Peter Schilling heißt, „völlig losgelöst“. Doch niemand hat das Bild des völlig abgekoppelten, abgenabelten Astronauten so intensiv beschworen wie David Bowie in „Space Oddity“: „Here I am sitting in my tin can; planet earth is blue and there's nothing I can do.“ Das war 1969, im Jahr der ersten Mondlandung. Die Faszination der „Stratos“-Mission liegt auch darin, dass sie dieses Gefühl in unsere Köpfe zurückgeholt hat: Hier ist einer von uns, er entfernt sich unglaublich weit von uns weg, wird er zu uns zurückkehren?

„I am coming home now“: Die letzten Worte Baumgartners vor dem Absprung (siehe Artikel unten) waren deshalb so treffsicher, weil sie genau das sagten: Der Fall ist eine Heimkehr. Heim auf die Erde, heim auch ins Team, von dem der Held sich isoliert hat: Das Team war es auch, das ihn zuerst begrüßte, vor der Familie. „Mission accomplished“, sagt man und reiht sich wieder ein in die Gemeinschaft der Techniker, der Wissenschaftler. Und des Vorgängers. Joe Kittinger, der vor 52 Jahren fast genauso tief gefallen war, wurde als Vaterfigur und Kommandant inszeniert: Auch so knüpfte „Stratos“ geschickt an die Pionier-Ära der „Eroberung“ des Weltraums an.

Dass die Mission der Wissenschaft galt, das wurde den TV-Zusehern wieder und wieder versichert – fast als müsse man Bedenken zerstreuen, es handle sich um eine gemeine Mutprobe. Oder ums schiere Ausreizen der Extreme, wie es der französische Schriftsteller Jules Verne literarisch vorgab („20.000 Meilen unter dem Meer“, „Reise um die Erde in 80 Tagen“, „Von der Erde zum Mond“) und die Schweizer Familie Picard verkörperte: Auguste Piccard stieg 1932 am höchsten (auf 16940 Meter), sein Sohn Jacques Piccard tauchte 1960 am tiefsten (10916 Meter unter den Meeresspiegel), Enkel Bertrand Piccard schaffte 1999 als Erster eine Ballonfahrt um die Welt – und widmete sich der Psychologie von Extremsituationen.

Eine Frage stellt sich wohl vielen Zeugen des Baumgartner'schen Falles: Warum suchen manche Menschen so beharrlich die Extreme, während andere vor Gefahren zurückweichen? Warum ertragen manche angstbesetzte Situationen wie jene des Losgelöstseins von der Erde, während andere schon bei der Vorstellung zittern? Bewundernd schilderten die TV-Kommentatoren, dass Baumgartner noch knapp vor dem Absprung nicht merklich schwitzte, nicht schneller blinzelte, nicht heftiger atmete. Geschweige denn... „Helden tragen keine Windel“, erklärte Baumgartner selbst. „Kaltblütig“ nennt man das – wohl wissend, dass man hier nicht Seele, Geist und Körper, Physiologie und Psychologie trennen kann.

 

Genvarianten für Pioniere und Vorsichtige

Auch wenn man Neigung zu riskantem Verhalten gewiss nicht nur genetisch erklären kann – man kennt bei Säugetieren und auch bei Menschen Gene, die in zwei Varianten existieren: einer, die Furchtsamkeit begünstigt, und einer, deren Träger häufiger zur Unerschrockenheit, zum Verlassen heimischer Gefilde neigen. (Ein Beispiel bei Menschen ist ein „Transporter“ für das Hormon Serotonin, der die Angstreaktion im für Gefahren zuständigen Zentrum des Hirns, der Amygdala, beeinflusst.) Wie können sich zwei Varianten eines Gens in einer Population halten? Nun, Neigung zu riskantem Verhalten führt zwar häufiger zu vorzeitigem Tod, dafür wird sie in der sexuellen Selektion bevorzugt. Und in einer Gesellschaft haben beide Charaktere ihre Berechtigung: Die Mutigen erschließen als Pioniere neue Terrains, von der Savanne bis ins All; die Vorsichtigen sichern Kontinuität und Stabilität. Und die TV-Quoten.

Der Sprung vor 52 Jahren

Joe Kittingers Sprung am 16.August 1960 – immerhin aus 31,3 Kilometer Höhe! – war kein Medienereignis: „Die Presse“ etwa berichtete am 17.8. zwar über einen „astronautischen Kongress“ in Stockholm, bei dem Wernher von Braun erklärte, „eines Tages werde es möglich sein, einen Menschen auf den Mond oder auf den Mars zu schicken“; aber nichts über Kittinger.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2012)