Mut im Krieg ist eine Frage der Abstumpfung

Krieg eine Frage Abstumpfung
Krieg eine Frage Abstumpfung(c) REUTERS (CARLO ALLEGRI)

Mit lebensnahen Übungen senken die US-Streitkräfte die Angst ihrer Soldaten vor dem Gefecht.

Wenn ein Vollmantelgeschoss, zum Beispiel aus einer „Kalaschnikow“ in der Hand eines Taliban-Kämpfers, einen menschlichen Körper trifft, sorgt es im Glücksfall für einen glatten Durchschuss. Im ungünstigeren Fall allerdings überschlägt sich die Patrone, zerreißt innere Organe, zertrümmert Knochen, zerfleischt Muskeln. Wie bringt man geistig gesunde, lebensfrohe junge Männer und Frauen dazu, sich dieser Lebensgefahr freiwillig auszusetzen?

Durch Automatisierung: Das ist die Quintessenz der Ausbildung, die jeder Soldat der amerikanischen Streitkräfte durchläuft. Das zehnwöchige „Basic Combat Training“ der Army – sie stellt die größte Menge an Infanterietruppen – teilt sich in drei Abschnitte. In der zweiten Phase lernen die Rekruten, wie man im Zweikampf Gegner mit dem Gewehrkolben erschlägt. Das geschieht auf spielerische Weise: Die Kämpfer sind in Vollvisierhelme und Schutzkleidung verpackt, statt mit Gewehren dreschen sie mit gepolsterten Prügeln unter den Anfeuerungsrufen ihrer Kameraden aufeinander ein. „Das war eine großartige Erfahrung, sich so richtig auszutoben“, frohlockt ein Rekrut im Werbevideo der Army.

In dieser Phase der Ausbildung beginnen auch die Schießübungen. Bis 1946 visierten amerikanische Soldaten am Schießstand neutrale Zielscheiben an. Doch viele Soldaten brachten es im Kampfeinsatz nicht über sich, auf den Feind zu schießen. Die Einführung von Zielscheiben, die menschlichen Silhouetten gleichen und umklappen, wenn sie getroffen werden, hat die Hemmung vor dem Kampf nachweislich gesenkt.


Militärische Tieropfer. In der dritten Phase der Grundausbildung werden die Army-Rekruten schließlich Gefechtsstress ausgesetzt. Sie müssen nachts rund 150 Meter unter Nato-Draht (der mit den rasiermesserscharfen Klingen) robben und andere Hindernisse überwinden, während über ihnen scharf geschossen wird. Doch all dieses Training nimmt den meisten Soldaten nicht die Angst vor Blut, Verstümmelung und Tod im Gefecht. Zwei Drittel aller Empfänger des Silver Star, einer Auszeichnung für Tapferkeit im Angesicht des Feindes, bekennen erhöhte Angst vor Kampfeinsätzen. Eine Methode, den Schock angesichts grauenhafter Verwundungen zu minimieren, ist das „Live Tissue“-Training. Dabei werden betäubte Schweine gezielt verstümmelt, um Schusswunden und Verletzungen durch Bombensplitter zu simulieren.

Und wenn im Gefecht der Puls hormonbedingt doch über 145 Schläge pro Minute steigt und die Wahrnehmungsfähigkeit stark sinkt, hat der frühere Army-Ranger Dave Grossman in seinem Buch „On Combat“ einen simplen Trick parat: durch die Nase ein-, bis vier zählen, durch den Mund ausatmen, bis vier zählen. Das Ganze dreimal wiederholen. Losstürmen.

FAKTEN

Angst ist normal
Zwei Drittel aller US-Soldaten, die mit dem Silver Star für ihre Tapferkeit im Angesicht des Feindes ausgezeichnet wurden, bekannten in einer Umfrage, erhöhte Angst vor dem Kampfeinsatz haben.

Gefechtsausbildung
Amerikanische Rekruten werden daher schon früh in Übungen mit scharfer Munition auf den Stress von Gefechten vorbereitet. Gezielt verstümmelte betäubte Schweine sollen den Schrecken vor schweren Verletzungen dämpfen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2013)