Sumpf nur mehr dem Namen nach

Zu Victor Hugos Zeiten war das Marais verrufen. Heute ist es ein Anziehungspunkt für Touristen.

Es gilt als sehr chic, im Marais zu wohnen. Nur der Name dieses Pariser Viertels erinnert noch daran, wie übel beleumdet die Gegend auf dem rechten Seine-Ufer war. „Marais“ heißt Sumpf. Aus Furcht vor Malaria wollte hier lange niemand wohnen. Das Gelände ist längst trockengelegt, der Name blieb. Als zu Beginn des 17.Jahrhunderts Heinrich IV. hier einen Palast bauen ließ, wurde es für die Noblesse plötzlich attraktiv, in königlicher Nachbarschaft zu logieren. Nach der Revolution 1789 versank das Marais wieder in Bedeutungslosigkeit. In „Der Glöckner von Notre-Dame“ beschrieb Victor Hugo seine Nachbarn als „Zigeuner, entlaufene Mönche, versumpfte Studenten, Schurken aller Nationen und Religionen.“

Heute ist das Marais ein Anziehungspunkt für Touristen. Sie besuchen neben den renovierten Palästen rund um die Place des Vosges auch das Viertel, in dem sich ab dem 19. Jahrhundert viele Juden aus Osteuropa auf der Flucht vor Pogromen angesiedelt hatten.

Das Straßenbild ist ein buntes Gemisch aus Fremden in Shorts und Kamera vor dem Bauch, schwulen Pärchen und jungen „Fashion Victims“, die die neueste Mode suchen. Eine Straße weiter blicken schwarz gekleidete orthodoxe Juden missbilligend auf Touristen, die am Sabbat ihr Falafel verdrücken. Und ein paar Häuserblocks nördlich, wo es für Familien längst zu teuer ist, entsteht ein kleines Chinatown mit asiatischen Grossisten für Kleider, Lederwaren und Schmuck. Dank der Zuzügler zieht sich das Quartier einmal mehr wie am eigenen Schopf aus dem Sumpf. r. b.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2013)