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Wie nach Österreich geschleppt wird

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nach oesterreich geschleppt wird(c) Reuters
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Kaum ein Asylwerber kommt ohne Schlepper nach Österreich. Meist agieren diese Menschen in losen Netzwerken – und auch Asylwerber selbst arbeiten manchmal mit.

[Wien] Sie drängen Flüchtlinge zu gefährlichen Überfahrten in kleinen Booten, zu Busfahrten, in doppelte Böden gepfercht, oder zu Grenzüberfahrten eingehängt an der Unterseite eines Lkw. Und – sie kassieren dafür das letzte Geld der Asylwerber. So sieht das Bild vom organisierten Schlepper aus, über das nun, nachdem am Dienstag drei Asylwerber aus dem Servitenkloster wegen des Verdachts auf Schlepperei verhaftet wurden, wieder debattiert wird.
Tatsächlich kommt kaum ein Asylwerber auf eigene Faust illegal nach Österreich. Und eine legale Einreise von Asylwerbern mithilfe eines Visums, ausgestellt für Künstler oder für einen Familienbesuch, gebe es nach Darstellung von NGOs äußerst selten. „Praktisch jeder, der nicht über die Familienzusammenführung nach Österreich kommt, ist auf Schlepper angewiesen“, sagt Heinz Fronek von der „Asylkoordination Österreich“. Die meisten würden aber von ihren Schleppern – oder „Fluchthelfern“, wie er sagt – gedrängt, deren Existenz zu verschweigen. Das dürfte mit ein Grund sein, warum nur knapp die Hälfte jener Menschen, die als rechtswidrig eingereist aufgegriffen werden, nachweislich „Geschleppte“ sind.

9812 offiziell „Geschleppte“

2011 wurden 21.232 Menschen im Zusammenhang mit „organisierter Schlepperkriminalität“ aufgegriffen, so steht es im jüngsten entsprechenden Bericht des Bundeskriminalamtes. Davon gelten 11.132 als rechtswidrig eingereist, 9812 als Geschleppte und 288 als Schlepper. Die führenden Nationalitäten bei Geschleppten waren 2011 Afghanen, Menschen aus Russland und Pakistani. Dabei dürfte es seither geblieben sein. Als Schlepper waren 2011 Griechen und Türken führend – gefolgt von Österreichern und Serben.

Das entspricht den Routen: Selten bringt ein Schlepper Menschen aus ihrer Heimat in die EU. Vielmehr dürften es lose Netzwerke, Kooperationen oder mündlich vermittelte Einzelne sein, die diese Organisationen ausmachen. Oft zeigen Schlepper nur, wo ein Lkw oder Boot steht, wie man sich verstecken kann, wo man den nächsten Schlepper trifft – beim Grenzübertritt sind sie meist nicht dabei.
Eine „typische“ Route von Afghanen oder Pakistani nach Österreich, so die Darstellung des BK, verläuft erst in die iranische Stadt Urumieh nahe der türkischen Grenze. Sie gilt als Sammelplatz, von dem aus Flüchtlinge zu Fuß in die türkische Stadt Van und dann per Lkw, Bus oder Lieferwagen nach Istanbul gebracht werden. Istanbul gilt als Sammelstelle für Iraker, Afghanen, Syrer, Algerier oder Somalier, die in die EU wollen. Dort halten sich Geschleppte oft Monate auf, bevor es in Kleingruppen meist in Lkw über Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich oder in Autos und Lieferwagen zum türkisch-griechischen Grenzfluss Evros gehe. Meist spricht sich herum, wo sich Schlepper aufhalten. So gilt zum Beispiel der Omonia-Platz in Athen als Anlaufstelle für Menschen, die nach Mitteleuropa wollen. „Je nachdem, wie viel Geld jemand aufwenden kann, gibt es Schlepper, die sehr gut aufpassen, die als Vertrauenspersonen gelten“, sagt Fronek. „Durch andere kommt es zu massiven Verletzungen, zu Vergewaltigungen oder zu Todesfällen auf der Flucht.“

Die Angaben über Kosten variieren auch nach Region. In einer Studie des UNHCR über afghanische Flüchtlinge aus 2010 ist von etwa 11.500 Euro „all inclusive“ nach Mitteleuropa die Rede. Können Geschleppte oder ihre Familien das Geld nicht aufbringen, kommt es zu Fällen, in denen Asylwerber Schulden abarbeiten müssen. Etwa, indem sie Ansprechpartner für Neuankömmlinge sind – und damit auch selbst in den Verdacht der Schlepperei geraten können.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2013)