Landwirtschaft: Die größte Milchfarm der Welt

30 Millionen Schafe bilden das Rückgrat der neuseeländischen Wirtschaft. Sie haben inzwischen „Konkurrenz“ von Kühen und Rindern bekommen.
Landwirtschaft: Die größte Milchfarm der Welt(c) EPA (ARNO BALZARINI)

Neuseeland ist ganz ohne Agrarsubventionen zum weltgrößten Exporteur von Molkereiprodukten und Schaffleisch aufgestiegen.

Wien. Ein Skandal hat nicht immer nur Negatives, vor allem, wenn sich herausstellt, dass die Aufregung grundlos war. Neuseelands Molkereigenossenschaft Fronterra, die eher ein Großkonzern als eine gemütliche Bauerngemeinschaft ist, hat, wie sich nach umfangreichen Prüfungen herausstellte, nicht wie vermutet bakteriell verseuchte Milchprodukte exportiert. Das Positive: Die Aufregung um Fronterra hat die Aufmerksamkeit auf ein Land gelenkt, das ganz ohne Subventionen zum weltgrößten Exporteur von Molkereiprodukten und Schaffleisch aufgestiegen ist, wie die OECD in ihrer neuen Studie zur Agrarpolitik bescheinigt.

Der Inselstaat im Südpazifik, der als Paradefall wirtschaftsliberaler Politik gilt, hat eine harte Wandlung hinter sich. Vier Millionen Einwohner, 40 Millionen Schafe: Diese Formel bestimmte lange die Wirtschaft. Neuseeland lebte von den Vierbeinern, die zuerst nur Wolle, dann, als Transporte mit Kühlschiffen möglich wurden, auch Fleisch lieferten.

Alles war fest reguliert

Der mit Abstand wichtigste Abnehmer war Großbritannien, mit dem die Kiwis (bis heute) im Commonwealth verbunden sind. Das Wohlstandsparadies begründete sich aber nicht nur auf den guten Geschäftsbeziehungen zur Insel am anderen Ende der Welt. Auch Subventionen flossen reichlich, der Staat regulierte alles – von den Löhnen über Preise bis zum Wechselkurs – und erzielte mit (wenig effektiven) Staatsbetrieben eine Nullquote bei der Arbeitslosigkeit.

Das Leben in dieser geschützten Werkstätte wurde schwer erschüttert, als Großbritannien der EU beitrat und über Nacht der wichtigste Markt wegbrach. Dazu kam die Ölkrise. Zwar versuchte die Regierung, den Farmern mittels immer höherer Förderungen zu helfen, aber dies ließ nur die Staatsschulden explodieren. Die Kiwis standen vor dem Bankrott.

Just die Labour-Regierung, die 1984 an die Macht kam, verordnete dem Land eine Radikalkur. Es wurde gekürzt, privatisiert und dereguliert, dass kein Stein auf dem anderen blieb. Vor allem die Landwirtschaft, die auch heute mit der Hälfte aller Exporte das Rückgrat des neuseeländischen Wohlstands darstellt, wurde total umgekrempelt. Die Bauern mussten lernen, ohne Subventionen – sieht man von Flut-, Dürre- und Erdbebenhilfen ab – auszukommen. Nur ein Prozent der bäuerlichen Einkommen stammt laut OECD jetzt aus staatlichen Hilfen – in der EU sind es 36 Prozent, in der Schweiz mehr als 60 Prozent. Vor der Reform hingen Neuseelands Bauern zu 40 Prozent am Staatstropf.

Die Wendejahre waren hart – zunächst stiegen die Kosten, während die Preise auf den Weltmärkten fielen. Aber die Krise zwang zum Umdenken: Die Bauern rationalisierten und setzten auf Produkte mit hoher Wertschöpfung. Die Zahl der Schafe sank auf rund 30 Millionen, stattdessen weiden nun gut fünf Millionen Milchkühe und vier Millionen Fleischrinder auf den saftigen Hügeln und Wiesen. Auch Rotwild wird vermehrt gezüchtet. Obst und Gemüse – vor allem die Kiwi, aber auch Avocados und Nüsse – und Wein werden biologisch angebaut.

Größter Abnehmer ist China

Dank des milden Klimas kann das Vieh das ganze Jahr draußen weiden, Ställe, die beheizt werden müssten, sind nicht notwendig. Das Vieh ist auf Ergiebigkeit und Fruchtbarkeit gezüchtet – mehr Fleisch, mehr Milch trotz weniger Tiere. Größter Abnehmer für Milchpulver ist China. Neuseeland stellt rund ein Drittel des Welthandels mit Milchprodukten.

Ganz so heil ist die Welt in Aotearoa, wie die Maoris ihr Eiland nennen, dennoch nicht. Die Wirtschafts- und Finanzkrise ist auch an Neuseeland nicht spurlos vorübergegangen, die Arbeitslosigkeit steigt und die Auslandsverschuldung ist hoch. Sie soll laut Premierminister John Key bis 2016 auf 30 Prozent halbiert werden. Die zwei verheerenden Erdbeben, die die Stadt Christchurch auf der Südinsel zerstörten, bremsten die wirtschaftliche Entwicklung. Tausende Arbeitsplätze verschwanden einfach in den Trümmern. Heuer wird wieder ein Wirtschaftswachstum erwartet, die Staatsverschuldung soll bei 2,9 Prozent liegen.

Auch manche Privatisierung erwies sich als Flop: Die Bahn, vom privaten Betreiber in die Pleite getrieben, wurde vom Staat 2008 zurückgekauft. Auch wächst die Kritik an der Agrarindustrie: Die Wasserqualität leide durch die Milchfarmen, heißt es, die Böden seien überdüngt, die Abholzung (für Weideflächen) fördere die Erosion, die CO2-Belastung steige.

Das Rezept heißt daher Balance halten. Eine Abkehr vom liberalen Kurs dürfte es aber nicht geben, punktet Neuseeland doch in vielen internationalen Rankings mit hoher Lebensqualität, geringer Korruption und einer überaus wirtschaftsfreundlichen Politik. Im Wettbewerbsranking des World Economic Forum ist dem Land immer ein Spitzenplatz sicher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2013)