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Viennafair: „Besser Kunst sammeln als Handtaschen kaufen“

Chefetage. Vita Zaman (l.) und Christina Steinbrecher-Pfandt leiten die Viennafair.
Chefetage. Vita Zaman (l.) und Christina Steinbrecher-Pfandt leiten die Viennafair.(c) Christine Pichler
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Vita Zaman und Christina Steinbrecher-Pfandt leiten die Viennafair und wollen junge Leute zum Sammeln ermutigen. Europa sei viel konservativer als die USA.

Als neue künstlerische Leiterinnen krempelten Vita Zaman und Christina Steinbrecher-Pfandt die Viennafair im Vorjahr komplett um. Ab 9. Oktober starten sie zum zweiten Anlauf. Sie wünschen sich keine Kunstmesse ausschließlich für die Kunstszene. Sie hoffen auf aktive Besucher, vor allem junge, die Schwellenängste überwinden, mit den Galeristen reden und Fragen stellen. Zaman und Steinbrecher-Pfandt haben sich in Osteuropa umgesehen, in Albanien, Rumänien, Ungarn, dem Baltikum, und Feldstudien gemacht. Polen und Georgien werden in einem Länderschwerpunkt unter dem Titel „Duet“ vorgestellt.  

Was hat sich für Sie beide seit Ihrer ersten Viennafair getan? 
Vita Zaman: Wir haben die Zeit genützt, um quer durch Österreich zu reisen, Institutionen kennenzulernen, ihnen die Rolle der Viennafair zu vermitteln und sie einzuladen – als Besucher wie als Diskutanten bei verschiedenen Podien und auch als Ko-Veranstalter.
Christina Steinbrecher-Pfandt: Insgesamt, denke ich, haben wir jetzt eine bessere Vorstellung davon, wie Österreich funktioniert.
Zaman: Wir haben einige Länder Osteuropas besucht: Albanien, Polen,  Rumänien, Ungarn, das Baltikum, und Feldstudien gemacht, vor allem in der jungen Kunst- und Galerieszene. Hatte die erste Messe viel mit unserem Background in Moskau und New York zu tun, haben wir uns diesmal die beteiligten Länder sehr genau angesehen, um die Besonderheiten der jeweiligen Szenen zu verstehen.
Steinbrecher-Pfandt: Sehr wichtig ist uns dabei das Zusammenspiel von global und lokal. Das heißt, dass wir den Fokus einerseits mehr auf das Sammeln in Österreich richten, dazu gehören auch die Kunstinstutionen, andererseits eben auch auf die Länder, für die wir uns einsetzen. Wir haben gelernt, Dinge zu sehen, die wir bisher nicht gesehen oder übersehen wurden. Das ist wichtig, um frisch und interessant zu sein.

Wie spiegelt sich das im Programm wider?
Zaman: Wir haben vor allem in Polen und Georgien interessante Entwicklungen entdeckt, die als Länderschwerpunkte im Progamm „Duet“ vorgestellt werden.
Steinbrecher-Pfandt: In Rumänien sind uns einige Künstlerinitiativen aufgefallen, die Teil des „Dyalog“-Programms sein werden. Generell haben wir das Programm ziemlich ausgeweitet. Es wird spezielle Vermittlungsangebote geben, für Studenten, Familien wie auch Senioren: „Vienna Gold“ etwa bietet die Gelegenheit, junge österreichische Künstler zu treffen. Während sich diese Projekte vor allem an das lokale Publikum richten, gibt es auch ein Programm für internationale Galerien, die nach Wien gekommen sind, u. a. eine Gesprächsreihe mit Sammlern, in der diese über ihre Strategien und ihren Zugang zum Sammeln sprechen.
Zaman: Wir wollen die junge Generation ermutigen, Kunst zu sammeln und zeigen, dass es nicht viel braucht, um damit zu beginnen. Bereits mit 500 Euro ist man dabei, das kann sich jeder leisten. Auch die größten Sammler haben so angefangen.

Die Aussage signalisiert Handlungsbedarf. Wie schätzen Sie die Situation des Sammelns in Österreich generell ein?
Zaman: Die letzte Messe hat gezeigt, dass es in Österreich zwar einige etablierte Sammler gibt, sonst aber eher Zurückhaltung herrscht. Das unterscheidet die hiesige Situation von anderen Ländern. Kunst zu sammeln wird hier nicht als Selbstverständlichkeit gesehen. Die junge Generation setzt andere Prioritäten: Familie, Freizeit, Wohnen usw. Wir wollen zeigen, dass sich Dinge nicht ausschließen. Auch Kunstsammeln ist ein nettes Hobby, Teil der Kultur.
Steinbrecher-Pfandt: Das Problem ist ein europäisches. Die Jungen sammeln lieber Poster. Sie kaufen Kunst erst, wenn sie es zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben. Dabei ist das Sammeln nichts Elitäres, Exklusives, und es ist doch viel besser, sein Geld in Kunst zu investieren als in Handtaschen! Und warum dekorieren die Leute ihre Wohnung nicht gleich mit einem einzigartigen Kunstwerk?
Zaman: Die Viennafair ist eine wunderbare Einsteigermesse! Nach diesem Kriterium haben wir ja auch die Galerien ausgewählt. Es gibt zum Beispiel Galerien mit großartiger junger Kunst ab 200 Euro. Aber fürs Erste ist es wichtig, die Leute überhaupt zu gewinnen und an die Messe heranzuholen. Das ist eine der großen Aufgaben.

Die Wiener Galerienlandschaft gilt allgemein als sehr lebendig und aktiv. Warum gelingt es ihr nicht, eine entsprechend lebendige Sammlerszene hervorzubringen?
Steinbrecher-Pfandt: Ein Galeriebesuch ist für viele einschüchternd. Man muss eine Schwelle übertreten, wird beobachtet, angesprochen, ist nicht allein und hat vielleicht auch nicht genug Geld dabei.
Zaman: Eine Kunstmesse zu besuchen, ist wie in einer Zeitung die Überschriften zu lesen: Man erhält einen großen Überblick. Damit erfüllt eine Messe eine wichtige Vermittlungsfunktion. Sie ist wie ein Crashkurs in zeitgenössischer Kunst.
Steinbrecher-Pfandt: Auf einer Messe kann man flanieren, Dinge, die man mag, selbst entdecken und herausfiltern. Sie ist aber auch eine Plattform, wo man Künstler, Galeristen, Museumsleute, Sammler treffen kann – und wenn man möchte, kann man mit all diesen Leuten sprechen. Eine Messe ist auch ein Bildungsangebot. Jeder kann so viel Bildung abholen, wie er mag.

Welche Rolle spielt die Wirtschaftssituation?
Zaman: Der Markt ist in Mitteleuropa viel langsamer, als wir dachten. So gesehen ist die einzige Lösung, eine Generation junger Sammler aufzubauen. Davon hängt die Zukunft des Kunstsammelns ab. Dass wir die Viennafair offen und populär gestalten, hat natürlich auch mit dieser Hoffnung zu tun, neue Leute zu gewinnen, was nicht so einfach ist, weil Europa im Vergleich etwa zu Amerika ein eher konservativer Markt ist.
Steinbrecher-Pfandt: Daher haben wir das Programm maßgeschneidert, um die verschiedenen Gruppierungen mit ihren Interessen präzis abzuholen. Wir haben Studien gemacht, um die jeweiligen Vorlieben, das Verhalten zu verstehen. Es reicht nicht, eine Kunstmesse ausschließlich für die Kunstszene zu machen.
Zaman: Die zweite große Aufgabe ist es, internationale Kunst zu zeigen und internationale Sammler nach Wien zu holen. Wir haben auf unseren Reisen sehr gutes Feedback bekommen, die Leute waren richtig begeistert. Das ist natürlich keine Garantie, dass dann auch alle nach Wien kommen, aber es ist ein Signal.
Steinbrecher-Pfandt: Wir verstehen die Viennafair als einzigartig.  Wir kupfern nichts ab, die Viennafair muss sich von anderen Messen unterscheiden. Sie kann mit keiner anderen Messe verglichen werden – es gibt keine mit einem vergleichbar regionalen Fokus und zugleich so großem Anspruch, das Zielgebiet zu erkunden.