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Feminismus für Prostituierte? Dann redet doch endlich mit ihnen!

Hinter Frankreichs Verbot des Sexkaufs steht ein feministischer Moralismus, der zu arrogant ist, um mit den betroffenen Frauen selbst zu reden.

Die französische Ministerin für Frauenrechte, Najat Vallaud-Belkacem, hat vor Kurzem einen interessanten Satz gesagt: „Ich ertrage es nicht, wenn man mir erklären will, dass die Prostitution eine Tätigkeit wie jede andere ist.“ Wer könnte gegen einen solchen Satz schon etwas einzuwenden haben? Weiß man doch, dass Prostitution ein Job mit ganz besonderen und ganz besonders heiklen Arbeitsbedingungen ist, oft mit Zwang, auf jeden Fall mit physischen Risken verbunden.

Aber die sozialistische Ministerin und mit ihr viele Feministinnen, in Deutschland allen voran Alice Schwarzer, meinen das nicht so. Prostitution, sagen sie, sei deswegen kein Job wie jeder andere, weil man mit ihm seine Würde verliere. Weil man dabei seinen Körper verkaufe und damit automatisch auch – könnten sie sich das Wort erlauben, würden sie es wahrscheinlich sagen – seine Seele. Die Prostituierte erniedrige sich, und damit „die Frau an sich“, zum bloßen Sexobjekt.

Aber da daran ja immer – zumindest aus dieser feministischen Sicht – die Männer schuld sind, ist ein Prostitutionsgesetz wie das in Frankreich beschlossene, das die Klienten bestraft, die logische Folge. Ganz klar ist dabei aber nicht, was mit diesem Gesetz bezweckt wird: Geht es wirklich um die Rechte und die Würde von (bestimmten) Frauen, oder wird hier ein Stellvertreterkrieg geführt, um die Rechte „der Frau“ und die Bestrafung des „nur“ Sex von Frauen wollenden Mannes?

Wäre nur Ersteres der Fall, dann hätte man vielleicht eher zu einem Bündel verschiedenster Maßnahmen gegriffen, wie es jetzt in Deutschland von Union und SPD angedacht wird. Dort hat sich das Gesetz von 2002, mit dem das Sex- zu einem völlig legalen Gewerbe gemacht wurde, als Bumerang für die Betroffenen erwiesen. Nun plant man unter anderem stärkere Bordellkontrollen, die Bestrafung von Freiern bei „erkennbarer Zwangsprostitution“, Abschaffung des Weisungsrechts für Zuhälter, verpflichtende Gesundheitskontrollen für die Frauen oder das Verbot von Flatrate-Sex (ein Einheitspreis für jede Form von Sex).

Frankreichs Linke verbietet stattdessen den Männern, Sex zu kaufen. Das passt schlecht zu der von ihr proklamierten liberalen Gesellschaft, die den Sex sogar in Paraden feiert. Es passt auch schlecht zu einer Gesellschaft, in der die Menschen täglich gewohnt und auch gedrängt sind, ihre Körper als Handelsware einzusetzen und zu optimieren. Und es passt schlecht zu einer Gesellschaft, in der Sex und Beziehungen immer offener nach Marktgesetzen funktionieren.

Wie kann man ein so drastisches Verbot argumentieren, das in einer liberalen Gesellschaft eigentlich nur letzter Ausweg sein sollte? Die einzige Möglichkeit wäre zu zeigen, dass es außerordentlich effizient ist, wenn es um die Verbesserung der Lage der Prostituierten geht. Aber genau dafür fehlen bisher die Beweise. Schweden hat das Gesetz seit 1999, aber die Aussagen und Studien dazu sind widersprüchlich und zu wenig fundiert. Der Straßenstrich hat zwar abgenommen, wurde dafür aber zum Teil schwieriger für die Betroffenen. Außerdem boomt das Geschäft im Internet, und die Mädchen werden immer jünger.

Doch wozu Fakten, wenn es um Grundsätzlicheres geht: Prostitution ist an sich verwerflich, geht es nach der Ministerin oder ihrer deutschen Unterstützerin Alice Schwarzer, weil er die Frau auf die Sexualität reduziere und ein Machtgefälle zwischen Mann und Frau erzeuge. Immer oder oft oder manchmal? Wie ist es mit den Studentinnen, die im Escort-Service arbeiten, weil sie so in kurzer Zeit recht gut verdienen können? Bis zu welchem Preis ist die Frau das Opfer, und ab welchem der Mann, der für die Befriedigung seiner drängenden sexuellen Bedürfnisse teuer zahlt?

Für Alice Schwarzer ist der Fall klar: Diese jungen Frauen würden sich „jede Unbefangenheit in der Sexualität zerstören“, sie wüssten nicht, was sie tun. Wie die Prostituiertenverbände, die in Frankreich nicht für, sondern gegen die Freierbestrafung sind. Vielleicht sollte man vor einem neuen Gesetz mehr mit ihnen reden, statt sie nur als unmündige Opfer zu sehen. Aber dazu ist man offenbar viel zu arrogant.

anne-catherine.simon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2013)