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Rektoren: "Keine Regierung ohne Uni-Minister angeloben"

PK NACH TAGUNG DER HOCHSCHULKONFERENZ ZU MEDIZINFAKULT�T LINZ: SCHMIDINGER
PK NACH TAGUNG DER HOCHSCHULKONFERENZ ZU MEDIZINFAKULT�T LINZ: SCHMIDINGER(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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Hilferufe gehen auch an die SPÖ und "unsere Partner und Freunde in der Wirtschaftskammer und in der Industriellenvereinigung".

Die Universitätenkonferenz (uniko) appelliert an Bundespräsident Heinz Fischer, "keine Regierung ohne Wissenschaftsminister anzugeloben". Hilferufe gehen auch an die SPÖ und "unsere Partner und Freunde in der Wirtschaftskammer und in der Industriellenvereinigung", so uniko-Chef Heinrich Schmidinger in einer Aussendung.

"Wenn schon von den ÖVP-Granden, die sich bisher ganz anders geäußert haben, keine Einsicht zu erwarten ist", appelliert Schmidinger an den Koalitionspartner SPÖ, für den Erhalt des Wissenschaftsministeriums einzutreten. Die SPÖ zeige "so viel Entschlossenheit, wenn es um einzelne Reizthemen der Hochschulpolitik geht": "Sie hat jetzt Gelegenheit zu demonstrieren, dass sie dieselbe Entschlossenheit aufbringt, wenn der ganze Hochschulsektor Österreichs ins Abseits gestellt wird."

Von Wirtschaftsseite wandte sich der uniko-Chef explizit an Wirtschaftskammer-Chef Christoph Leitl und Industriellenvereinigungs-Präsident Georg Kapsch und bat sie, "nicht zuzulassen, dass Wissenschaft und Forschung als die entscheidenden Zukunftsbereiche unserer Gesellschaft zur Nebensache degradiert werden".

"International fatales Signal"

Die Einsparung des Wissenschaftsministeriums sei ein "fatales Signal, das international nur auf Unverständnis und Kopfschütteln stoßen wird", betonte Schmidinger. "Es zeigt einmal mehr, wie erschreckend wenig die Bundesregierung von Wissenschaft und Forschung, aber besonders auch von Kunst und Kultur versteht." Er fragt sich, "was die Geistes- und Rechtswissenschaften, aber auch die Kunstuniversitäten, die Philosophie, die Theologie und vieles mehr im Wirtschaftsministerium verloren haben? Welchen Stellenwert behält die Grundlagenforschung, wenn die angewandte Forschung zu dominieren beginnt?"

Auch am Regierungsprogramm lässt Schmidinger kein gutes Haar: "Es geht auf so gut wie keine Forderung ein, die seitens der Universitätenkonferenz mehrmals erhoben wurde. Stattdessen werden Stehsätze wiederholt, die schon in früheren Regierungsprogrammen standen und bekanntlich nicht realisiert und umgesetzt wurden."

Uni Wien: "Bestürzt über Stellenwert"

Nach der Universitätenkonferenz zeigt sich auch die größte Hochschule des Landes "bestürzt über den geringen Stellenwert für Wissenschaft und Unis, der aus der Abschaffung des Wissenschaftsministeriums zum Ausdruck kommt", so die Uni Wien in einer Aussendung. Gleichzeitig begrüßt man das "zum wiederholten Mal" für 2020 gesteckte Ziel, zwei Prozent des BIP in die Hochschulen zu investieren.

"Es ist schon ein gewisser Schock", sagte Markus Müller, Vizerektor der Med-Uni Wien am Freitag am Rande einer Pressekonferenz. Man könne die Entscheidung aber auf zweierlei Arten interpretieren. Einerseits sei es ein weiteres Indiz, dass die Wissenschaft in Österreich nicht den Stellenwert habe, den sie verdient. Österreich definiere sich weiterhin durch Mozart oder die Oper. Andererseits könnte die Anbindung an eine Ministerium mit Geld auch etwas bringen, "Der Link zwischen Wissenschaft und Ressourcen wird dadurch enger." Die Zukunft werde zeigen, wie das gespielt wird. "Wichtig ist, dass für die Wissenschaft etwas Ordentliches herauskommt." Nachsatz: "Die FTI-Strategie wurde auch mit einem Wissenschaftsministerium nicht umgesetzt."

Für Wirtschaftsuni-Chef Christoph Badelt ist Schmidingers Appell „ein politischer Ausdruck der Verzweiflung, die wir alle teilen“. Er übt sich aber in Zweckoptimismus. Die Entscheidung sei gefallen. „Daher beginne ich jetzt, den Spieß umzudrehen und zu hoffen, dass sich das für die Universitäten positiv auswirken könnte“, so Badelt. „Wir haben immer kritisiert, dass die Wissenschaft nicht im Zentrum der Macht steht, die Wirtschaft steht im Zentrum.“ Er fordert Mitterlehner auf, die Unis zu „seinem Thema“ zu machen.

Fachhochschulen sind zufrieden

Anders äußerten sich die Fachhochschulen (FH): Die FH-Konferenz begrüßte ausdrücklich "die so wichtige Erhöhung der Fördersätze und den weiteren Ausbau des Fachhochschul-Sektors" im Regierungsprogramm. Die FH würden sich seit jeher durch ihre enge Verzahnung mit der Wirtschaft auszeichnen, mit den Josef-Ressel-Zentren würden wichtige Projekte bereits jetzt über das Wirtschaftsministerium abgewickelt. "Dem scheidenden Wissenschaftsminister Dr. Töchterle danken wir für sein Engagement. Wir freuen uns auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem nun auch für Wissenschaft zuständigen Bundesminister Dr. Reinhold Mitterlehner", so FHK-Präsident Helmut Holzinger.

Einen "richtigen Schritt in eine innovative Zukunft" sieht auch der Wirtschaftsbund in der Übertragung der Wissenschaftsagenden ins Wirtschaftsressort. "Fakt ist, dass eine erfolgreiche Wirtschaft, nachhaltiges Wachstum und damit auch Arbeitsplätze von fortschrittlichen Technologien und Forschung abhängen. Daher ist es gut und wichtig, dass die Bereiche Wirtschaft und Wissenschaft nun zusammengehören", so Wirtschaftsbund-Generalsekretär Peter Haubner in einer Aussendung. Auch in Deutschland seien die Bereiche Wirtschaft und Technologie in einem Ministerium gebündelt.

ÖH droht mit Demonstrationen

Auch die Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) zeigte sich verärgert über die Übertragung der Wissenschaftsagenden ins Wirtschaftsressort: "Wir sehen uns auf der Straße wieder." Die Studentenvertreter hatten vor den Koalitionsverhandlungen für eine Zusammenlegung von Wissenschafts- und Unterrichtsressort plädiert. Eine Fusion von Wissenschaft und Wirtschaft werde dazu führen, "dass die Ökonomisierung der Bildung auch in den nächsten Jahren weitergehen wird", so ÖH-Chef Florian Kraushofer (Fachschaftslisten/FLÖ) in einer Aussendung.

Scharfe Kritik kommt auch von den NEOS. "Die Zusammenlegung von Wissenschaft und Wirtschaft in einem gemeinsamen Ministerium zeugt entweder von absoluter Unwissenheit, was Wissenschaft braucht und was Wirtschaft ist, oder es herrscht hier in der ÖVP absolute Ignoranz", so Wissenschaftssprecher Niki Scherak in einer Aussendung. Diese Absicht sei nicht nur eine gefährliche Drohung, sondern auch ein "Schuss ins Knie der universitären Zukunft in Österreich": "Ich bin fassungslos - das ist wie wenn man einen Zuchtbullen neben einen Traktor stellt und miteinander vergleicht."

(APA)