Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Syrien: „Kein Witz, sie schneiden Ihnen den Kopf ab“

Syrien, Krieg, Rebellen
(c) REUTERS (STRINGER/IRAQ)
  • Drucken

Einst hatten sie gemeinsame Ziele. Doch nun ziehen auch islamistische Rebellen gegen die Jihadisten von Isil in den Krieg. Eine Reportage.

Die schwarze al-Qaida-Flagge haben sie am Grenzposten abgenommen. Trotzdem bleiben die Tore von Tel Abyad geschlossen. „Die Türkei lässt niemanden nach Syrien, seit Daisch den Grenzübergang besetzt hat“, sagt Mohammed, der seit zwei Wochen darauf wartet, seine Familie auf der anderen Seite der Grenze zu besuchen. Mit dem Akronym Daisch meint der Syrer die Gruppe „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ (Isil). „Ich hoffe, Sie wollen da nicht rüber, dort ist al-Qaida“, erklärt Mohammed. Ganz so stimmt das nicht mehr. Al-Qaida-Chef al-Zawahiri hat die Isil ausgeschlossen, weil sie seinen Anweisungen nicht gefolgt ist.

Für Mohammed macht das keinen Unterschied. „Seit sie gegen andere Rebellen kämpfen, sind sie besonders aggressiv und als Europäer haben Sie schlechte Karten.“ Ein junger Mann neben ihm fährt mit der Hand quer über seinen Hals. Die Umstehenden lachen. „Das ist kein Witz, sie schneiden Ihnen den Kopf ab.“

Daisch ist bekannt für grenzenlose Brutalität gegen alle, die mit ihrer rigiden Auslegung der Scharia, des islamischen Rechts, nicht konform gehen. Die Gruppe unter der Führung von Abu Bakr al-Bagdadi sieht sich als Ableger von „al-Qaida im Irak“. Sie tauchte in Syrien erstmals im April 2013 auf und kontrollierte bald den größten Teil der Rebellengebiete. Daisch verfügt über die besten Waffen und wird von religiösen Führern aus den Golfstaaten finanziert. Der Großteil der Kämpfer stammt aus dem Ausland. „In ihren Augen sind wir alle Ungläubige“, sagt  Abu Hussein von Ahrar al-Sham. „Sie wollen uns alle töten.“ Ahrar al-Sham ist eine von sieben Rebellengruppen, die sich zur „Islamischen Front“ zusammengeschlossen haben.

Gefechte zwischen Rebellen

Im Jänner war der Krieg mit Daisch ausgebrochen, nachdem sie Kommandanten der Islamischen Front enthauptet hatten. Daisch wurde aus den meisten Stellungen in Aleppo und Umgebung vertrieben. Über 1500 Kämpfer sollen bei dem internen Konflikt getötet worden sein. Daisch ist jetzt nur mehr in der Provinzhauptstadt Raqqa und wenigen Städten in Nordsyrien präsent. Dazu gehört der Grenzort von Tel Abyad. „Ich war unter den letzten vier, die über den Stacheldraht in die Türkei flüchten konnten“, sagt Ahrar-al-Sham-Kämpfer Abu Hussein. „Meine Kameraden hat Daisch kaltblütig exekutiert.“

Die Extremisten von al-Qaida sind auch am Grenzübergang von Bab el-Hawa, knapp 400 Kilometer weiter westlich, Thema Nummer eins. „Ich glaube, Sie sind nicht ganz bei Trost nach Syrien einzureisen“, sagt ein türkischer Grenzbeamter, der ungläubig die Pässe kontrolliert. Seine Überraschung ist verständlich. Seit vier Monaten hat kein westlicher Journalist mehr die Grenze überquert. Daisch hat systematisch Jagd auf Reporter gemacht. Rund 30 Journalisten sollen sich in ihrer Gewalt befinden. „Kein Grund zur Sorge. Wir von der Islamischen Front haben Daisch von hier vertrieben“, versichert Abu Hadi, der für die Sicherheit des Grenzübergangs zur Türkei verantwortlich ist. „Diese Leute haben eine Gehirnwäsche hinter sich. Ihr radikaler Islam hat mit unserer Religion nichts zu tun.“

Mitten ins Gespräch platzt die Ankunft von Scheich Bassam Ayaschi. Der Geistliche will in den gesetzlosen Zeiten der Revolution für Recht und Ordnung sorgen. „Alles genau nach den Prinzipien der Scharia“, sagt der Imam, über dessen Brust eine Pistole, eine Handgranate und Handschellen baumeln. Ayaschi lebte lange in Belgien und genießt dort den Ruf eines „Terroristen mit Verbindungen zu al-Qaida“. In Italien ist er 2008 verhaftet worden, nachdem man in seinem Campingfahrzeug fünf illegale Immigranten und Jihad-Propagandamaterial gefunden hat. Er saß vier Jahre im Gefängnis, bis ein Berufungsgericht das Urteil aufhob. „Daisch sind Terroristen“, sagt der Scheich. „Wir dagegen handeln nach den wahren Prinzipien des Islam.“

Ayaschi erklärt die Pädagogik seiner Scharia-Prinzipien: Einem Vergewaltiger habe man eine Kapuze über den Kopf gezogen und einen Strick um den Hals gelegt. Als man ihn vom Sessel stieß, landete er jedoch auf den eigenen Füßen. „Es war eine Scheinexekution“, erklärt Ayaschi. Zurzeit sei auch ein Dieb bei ihnen im Gefängnis. „Er bekommt täglich zehn Stockschläge.“

In Hassanou, etwa 20 Kilometer hinter der Grenze, sind vergangenes Jahr mehrere Journalisten entführt worden. Hier erzählen Mitglieder des lokalen Rats von ihren Erfahrungen mit Daisch. „Am Anfang waren sie nicht so schlecht“, sagt Hadsch Mahmoud. „Sie haben Lebensmittel und Medizin verteilt.“ Einige Deutsche seien auch unter ihnen gewesen und die seien besonders nett gewesen.

Deutscher Rapper im Krieg

Die Ratsmitglieder wollen auch den deutschen Rapper Desso Dog gesehen haben. Seit er konvertiert ist, heißt er Abu Talha und kämpft bei Daisch. „Er gehört zu etwa 50 Leuten, die von einem Belgier namens Ilias Azaouaj angeführt werden“, mischt sich Scheich Ayaschi ein. „Sie drohen, Bomben in Paris, London und Berlin zu legen.“

Zum Krieg mit Daisch kam es in Hassanou, nachdem die Extremisten ein Attentat auf Scheich Saleh verübt hatten. Der angesehene religiöse Führer überlebte den Anschlag schwer verwundet. Der Scheich soll zu Beginn der Revolution prominente Deserteure versteckt haben – unter ihnen auch Salim Idris, den heutigen Chef der Freien Syrischen Armee (FSA). Für den Geistlichen ist Daisch die Ausgeburt des Teufels: „Ihr Islam hat mit dem Islam nichts zu tun. Und sie werden vom Assad-Regime gesteuert.“ Sie seien nur kreiert worden, um das Image der Revolution zu beschmutzen. Das hört man seit den Kämpfen mit Daisch von Syrien ständig. Dabei wird unterschlagen, dass die radikale Gruppe lange sehr gute Beziehungen zur Islamischen Front hatte.

AUF EINEN BLICK

Die Gruppe „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ (Isil) – auf Arabisch „ad-Dawla al-Islāmiyya fi al-'Irāq wa-sh-Shām“ (Daisch) – tauchte erstmals im April 2013 in Syrien auf. Sie sieht sich selbst als Ableger der al-Qaida im Irak. Mittlerweile hat sich aber al-Qaida-Chef Aiman al-Zawahiri, der offizielle Nachfolger des 2011 getöteten Osama bin Laden, von Isil distanziert. Eine Reihe von Rebellengruppen in Syrien kämpfen gegen Isil.

In Genf startete am Montag der nächste Durchgang der Verhandlungen über die Zukunft Syriens. Daran nehmen Vertreter der Exil-Opposition und des syrischen Regimes teil.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2014)