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Nachwuchs für "die kinderlose Generation"

Heute: Christina, Barbara, Susanne (von links) und ihre Kinder, zwei weitere sind unterwegs.
Heute: Christina, Barbara, Susanne (von links) und ihre Kinder, zwei weitere sind unterwegs.Die Presse
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"Die Presse am Sonntag" hat vor vier Jahren drei Frauen porträtiert, die sich für die Kinderlosigkeit entschieden haben – damals. Heute ist alles anders, sie sind Mütter und finden das gut.

Das Leben ist eine Momentaufnahme, immer. Besonders deutlich machen das Kinder. Vor allem dann, wenn diese Kinder vor ein paar Jahren noch nicht da waren. Mehr noch: Wenn vor ein paar Jahren die drei Frauen, die heute Mütter dieser Kinder sind, sich viel vorstellen konnten, eines aber nicht – Kinder zu haben.

Vor rund vier Jahren hat „Die Presse am Sonntag“ unter dem Titel „Die kinderlose Generation“ drei 30-jährige Frauen porträtiert, die sich für die Kinderlosigkeit entschieden haben. Zumindest damals. Die Frage nach dem perfekten Zeitpunkt, die Angst, dass nicht nur die Entscheidung zum Kind, sondern auch der ganze Rest an einem selbst hängen bleibt, und all das, was sich unter dem Stichwort Vereinbarkeit– oder besser gesagt Unvereinbarkeit – zusammenfassen lässt, hielt sie davon ab, ein Kind zu bekommen. Heute sieht die Sache anders aus: Alle drei sind verheiratet und haben Kinder.

Barbara (die Frauen wollen ihren Nachnamen lieber für sich behalten) hat mit dem Kinderkriegen begonnen: Felix ist heute drei Jahre alt, Lotta neun Monate. Christina war die Nächste in der Runde: Matthias ist zweieinhalb Jahre alt, im Sommer bekommt er ein Geschwisterchen. Susanne hat eine eineinhalbjährige Tochter namens Klara, im Mai kommt ihr Bruder auf die Welt. Auf die Frage, warum dann doch alles anders kam – immerhin war jedes dieser Kinder geplant –, meinen die drei: Irgendwann war einfach der Kinderwunsch da. „Die Entscheidung war keine große Sache, es war einfach so“, sagt die 33-jährige Christina. Die 34-jährige Barbara meint: „Man könnte eigentlich sagen, die Entscheidung kam aus dem Bauch heraus.“

Ungewöhnlich ist das nicht. Immerhin gibt es zwar Zahlen zum Thema Kinderlosigkeit: Sie liegt aktuell bei rund 18 Prozent, allerdings bei Frauen über 45 Jahren. Bei Frauen unter 45 hängt die Antwort stark vom Zeitpunkt der Befragung ab. Wer mit 25 oder 30Jahren noch Nein zu Kindern sagt, tut das vielleicht ein paar Jahre später eben nicht mehr.


Land der Kinderlosen. Historisch betrachtet ist die Zahl der kinderlosen Frauen in Österreich traditionell hoch. „Sie ist von den 1950ern mit zwölf Prozent auf aktuell knapp über 18 Prozent gestiegen. Das ist eine relativ flache Entwicklung, aber von einem hohen Niveau aus“, sagt der Ökonom Norbert Neuwirth vom Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF).

Dass die Wirtschaftskrise die Zahl der kinderlosen Frauen (zu den Männern gibt es keine Daten) in die Höhe treibt, kann er nicht bestätigen. Viel mehr hemmt sie die Entscheidung zum zweiten Kind. „In den letzten 25 Jahren war die Quote der Frauen, die nur ein Kind haben, relativ konstant. Jetzt steigt sie“, sagt Neuwirth. Im Gegensatz zur Quote der Kinderlosen: „Diese ist bis jetzt immer leicht gestiegen und bleibt jetzt konstant.“

Die gewollte Kinderlosigkeit (bei Frauen zwischen 18 und 45) liegt bei rund zehn Prozent und verändert sich mit dem Alter der Frauen. „Je älter die Frauen sind, desto nachrangiger wird der Kinderwunsch“, so Neuwirth.

Bei den drei Niederösterreicherinnen war offenbar das Gegenteil der Fall. Oder sie waren für den „nachrangig werdenden Kinderwunsch“ noch zu jung. Allerdings liegen sie mit dem Alter knapp über 30 als Erstgebärende über dem Durchschnitt. 2012 waren Erstgebärende im Schnitt 28,8 Jahre alt. Zum Vergleich: 1991 lag diese Zahl bei 25,1. Insgesamt liegt das durchschnittliche Gebäralter bei 30,3 (1991 lag es noch bei 27,2 Jahren).


Befürchtungen bestätigt.
Die Befürchtungen, die sie damals vom Kinderkriegen abhielten, haben die drei übrigens nicht verloren – im Gegenteil. Denn so unterschiedlich die drei Freundinnen auch sind, in einem sind sie sich einig. „Wir haben auch heute keine Ahnung, wie es funktioniert. Es ist wahnsinnig anstrengend, und es gibt nicht die richtige Lösung“, sagt Barbara, die ebenso wie die beiden anderen Teilzeit arbeitet. Im Gegensatz zum Beruf, wo sie einschätzen kann, ob ein Projekt funktioniert oder nicht, wisse man selbst „nie, ob man eine gute Mutter ist“. Christina, die vor Jahren noch meinte, sie habe Angst davor, eine abgehetzte Mutter zu sein, meint heute nur amüsiert: „Die bin ich auch. Man will qualitativ hochwertige Zeit mit dem Kind verbringen, nebenbei die Fenster putzen und ein gesundes Abendessen kochen. Und das alles in vier Stunden.“ Frustriert oder gar verzweifelt ist sie deshalb aber nicht, im Gegenteil. Denn auch wenn sie zwar nicht weiß, wie es funktioniert – sie weiß, dass es funktioniert. „Warum auch nicht? Das haben andere ja auch schon geschafft.“

Was alle drei am meisten erschreckt hat, war der extreme Grad der Fremdbestimmung. „Egal, wie hart der Job war, so fremdbestimmt wie mit einem Kind ist man nie“, sagt Barbara. Wobei sie sich von Anfang an dagegen gewehrt hat, eine „hundertprozentige Mutter“ zu sein. „Ich habe Dinge, die ich vorher gemacht habe, auch danach gemacht, wie im Gemeinderat oder in der Ortsbibliothek zu sein.“ Susanne stört es weniger, dass sie derzeit voll und ganz für ihr Kind da ist. „Im Gegenteil, mir tut mein Mann leid, der ist wirklich nur ein Wochenendpapa, das hätte ich nicht gedacht.“ Dass alle drei nach einem Jahr wieder arbeiten gegangen sind, wenn auch nur Teilzeit, war für sie selbstverständlich. Wobei sie dabei nicht von „Kind und Karriere“ sprechen wollen. „Die große Karriere machen wir eh nicht mehr, aber wir haben einen Job, etwas Eigenes“, meint Barbara.

Normalität ist das heute nicht unbedingt – zumindest nicht für alle. „Ich habe das Gefühl, dass es wieder zurückgeht. Viele jüngere Mütter wollen lieber daheimbleiben. Sie lassen uns oft spüren, dass sie es total egoistisch finden, ein Kind in die Kinderkrippe zu geben“, sagt Christina.


Hauptargument Gehaltsschere.
Auf die Frage, was sich ändern müsste, damit das Leben als junge Mutter leichter ist, meint Barbara: „Frauen müssten endlich gleich viel verdienen wie Männer. Dann wäre mit einem Schlag das Hauptargument, dass der Mann ja mehr verdient, weg.“ Und auch die Betreuungssituation müsste sich verbessern. Als ihr Sohn auf die Welt kam, musste sie die örtlichen Betreuungseinrichtungen darüber informieren, dass Kinder schon mit einem Jahr und nicht mit eineinhalb genommen werden müssen. „Die haben das nicht gewusst und gesagt, komisch, da haben jetzt schon mehrere Mütter danach gefragt. Da gibt es keine offizielle Information vom Staat.“

Christina fällt noch etwas ein, sitzt dabei aber einer weitverbreiteten Fehlinformation auf: „Es sollte Elternteilzeit für beide geben.“ Das Recht auf Elternteilzeit gilt allerdings seit 2004 – für beide. „Das wird oft falsch kommuniziert. Aber es war nie vorgesehen, das wechselseitig zu kontrollieren, das würde ja auch gar nicht gehen. Die einzige Voraussetzung, die es dafür gibt, ist, dass man zwei Jahre im Unternehmen sein und das Unternehmen mehr als 20 Mitarbeiter haben muss“, erklärt Norbert Neuwirth vom ÖIF. Dass sich dieser Irrtum verbreitet hat, liegt wohl auch daran, dass selten Mutter und Vater das Recht auf Elternteilzeit in Anspruch nehmen.

Und noch etwas fällt ihnen ein, was besser laufen könnte: die Arbeitsaufteilung im Haushalt. Denn vor den Kindern lief es in den Partnerschaften relativ gleichberechtigt. „Danach hat sich alles mit einem Schlag geändert, und die Rollen waren plötzlich ganz klar verteilt“, sagt Barbara. Christina pflichtet ihr bei und meint: „Natürlich haben wir das gewusst. Aber es trifft einen schon, dass es wirklich so ist. Eigentlich unfassbar.“

Tauschen möchten sie alle drei nicht. Dass das Leben so, wie es jetzt ist, gut ist, müssen sie gar nicht groß erklären. Es ist für sie selbstverständlich. Ob sich ihr Bild von sich als Frau geändert hat, verneinen sie. „Muttersein gehört nicht zum Frausein, aber zum Familienmenschsein.“

In Zahlen

18

Prozent
der Frauen über 45 Jahre sind heute kinderlos. In den 1950er-Jahren waren es zwölf Prozent.

30,3

Jahre
alt sind Gebärende heute im Durchschnitt (Stand 2012). Im Jahr 1991 lag die Zahl bei 27,2 Jahren. Das Alter der Erstgebärenden hat sich von 25,1 (1991) auf 28,8 Jahre (2012) erhöht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2014)