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Hochwasser: Wenn das Lebenswerk untergeht

SERBIA FLOOD
Hochwasser in Serbien(c) APA/EPA/TANJUG (TANJUG)
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Während an Save und Donau noch gegen das Hochwasser gekämpft wird, haben im serbischen und bosnischen Hinterland die Aufräumarbeiten begonnen. Ein Lokalaugenschein.

Der eingetrocknete Schlamm überzieht Weiden, Felder, entwurzelte Baumstümpfe und verloren wirkende Häuserruinen. Kopfschüttelnd blickt Aksana Pavlović in der westserbischen Stadt Krupanj auf die grau-braunen Fluten, die durch ihren einstigen Garten gurgeln. Eine „Idylle“ sei das Leben in ihrem vor zehn Jahren errichteten Haus gewesen, schwärmt die seit 19 Jahren in der 5000-Seelen-Stadt lebende Russin: „Man saß zwischen den Rosen und hörte das Plätschern des Bachs.“

Doch der mehrtägige Regen-Orkan, der in der letzten Woche über den West-Balkan tobte, ließ den Zmajeva-Bach seine Betonrinne sprengen und verwandelte das harmlose Rinnsal innerhalb weniger Stunden in einen reißenden Strom. Schon am ersten Tag schlugen die Fluten eine breite Schneise in den sieben Ar großen Garten von Aksana. Nach zwei Tagen war der Garten verschwunden und das Fundament des Hauses unterspült. Die 37-jährige Frau eines serbischen Montage-Arbeiters in Moskau schaute vom Ufer zu, wie das Lebenswerk ihrer Familie in die Fluten kippte: „Es war mein Hiroshima. Nicht einmal zum Weinen blieb mir Zeit.“ Erst danach habe sie zwei Tage lang geweint: „Nun habe ich keine Tränen mehr.“

Abgerutschte Hänge. Noch wogt an der Save und Donau der Kampf gegen das Hochwasser. Doch in den verwüsteten Regionen der Zuflüsse im serbischen und bosnischen Hinterland haben die Aufräumarbeiten bereits begonnen. Vorläufig sind die klaffenden Lücken im Asphalt der unterspülten Straßen nur mit Felsbrocken markiert. Aber Bagger schaufeln auf der Zufahrtstraße zu Krupanj die Erdmassen der von den Hügeln herabgerutschten Hänge frei. Anwohner fegen und spritzen von Gehwegen und Autos die Hinterlassenschaften des über das Provinzstädtchen hinweg gefegten Schlamm-Infernos weg.

Der Weg zurück in den Alltag fällt schwer. Betreten staksen Ingenieure der nordserbischen Stadt Novi Sad über die Trümmer am Ufer, geloben baldige Hilfe für die geplagten Schlammopfer. Ein hagerer Anwohner zeigt auf seinem Mobiltelefon die Aufnahmen, wie in wenigen Minuten eine ganze Straßenzeile in den Fluten entschwand. Über 500 Gebäude wurden zerstört, Brücken weggespült, Straßen, Strom- und Telefonleitungen unterbrochen: „Es war wie im Horrorfilm.“

Keine Räumfahrzeuge. Zu sozialistischen Zeiten fanden in Krupanj im örtlichen Sägewerk, dem Bergwerk und in den Fabriken zur Textil-, Karton-, Sehlinsen- und Trockenobst-Fertigung noch über 5000 Menschen aus der ganzen Region Arbeit und Brot. Doch längst haben die einstigen Staatsfirmen ihre Pforten geschlossen. Nur die Landwirtschaft und die hohe Zahl von Arbeitslegionären in Russland, Deutschland, Österreich und der Schweiz halten die strukturschwache Region nahe der bosnischen Grenze über Wasser.

Die Folgen der Katastrophe kann die Kommune nicht alleine stemmen. Baumaterialien und schwere Räumfahrzeuge seien vonnöten, sagt Bürgermeister Rade Grujić: „Wir sind eine kleine, arme Kommune mit 27 Polizisten und zwölf Feuerwehrmännern, verfügen über keinerlei Spezialfahrzeuge.“

Ihr ins Wasser gerutschter Familienstolz ist zerstört. Aber dennoch kommt Aksana Pavlović jeden Morgen in ihren einstigen Garten, um sich neben ihre zwei verbliebenen Rosen zu setzen – und in die brauen Fluten des Zmajeva-Bachs zu schauen. Bei Freunden habe sie mit ihrer Tochter vorläufigen Unterschlupf gefunden. Was kommen werde, wisse sie auch nicht, seufzt die blonde Familienmutter. Ihrem Mann habe sie gesagt, er solle nicht heimkommen, sondern bei seiner Arbeit in Moskau bleiben: „Das Geld werden wir bitter nötig haben. Und es hilft schließlich auch nicht, wenn wir zu zweit ins Wasser schauen.“

Die Stadtverwaltung habe zugesagt, dass alle Opfer ein Ersatzhaus erhalten, berichtet Aksana: „Ich hoffe, sie können ihr Versprechen halten.“ Am erfreulichsten sei für sie jedoch die Hilfe von Nachbarn und Freunden: „Hier wohnen einfach gute Menschen. Alle halten zusammen – und helfen einander in der Not.“ Am Wasser wolle sie jedoch nicht mehr wohnen, sagt Aksana.

Beerdigung des Vaters. Nachdenklich blickt der Mann im schwarzen T-Shirt in die trüben Fluten. Erst vor drei Wochen war Goran Simeunović nach Krupanj auf Heimaturlaub gekommen. Nun ist der 48-Jährige aus seinem Moskauer Arbeitsexil zurückgekehrt, um seinen bei der Flutkatastrophe ums Leben gekommenen Vater zu beerdigen. „Kerngesund“ sei sein 72 Jahre alter Vater Milan gewesen, habe Schafe und Himbeeren gezüchtet, erzählt der Zimmermann. Im Regenorkan habe sich sein Vater bei einem etwas höher wohnenden Verwandten in Sicherheit bringen wollen: „Doch er rutschte aus, fiel ins Wasser und ertrank.“

Kopfschüttelnd weist der stämmige Handwerker auf die Ruine eines ausgebeinten Hauses am gegenüberliegenden Ufer. Sein Freund habe sein Auto, sein Haus „einfach alles, was er hatte“ verloren – und werde nun von Selbstmordgedanken geplagt: „Aber Häuser kann man wieder aufbauen. Leben hat man nur eins. Man muss weiterleben, jetzt erst recht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2014)