Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Spital Nord: Das nächste Problem

Krankenhaus Nord
Krankenhaus NordStanislav Jenis
  • Drucken

Die Schwierigkeiten bei dem Milliardenprojekt reißen nicht ab. Während am Donnerstag Dachgleiche gefeiert wird, gibt es nun wieder eine Verzögerung. Ein Prozess steht im Raum.

Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely, Wohnbaustadtrat Michael Ludwig als Floridsdorfer und die Spitze des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV) werden am Donnerstag in die Kameras lächeln. Immerhin wird im 21. Bezirk (Brünner Straße 68) die Dachgleiche des Krankenhauses Nord gefeiert – des künftig modernsten Spitals Europas, wie das Projekt seitens der Stadt vermarktet wird.

Ob allen Beteiligten das Lächeln am Donnerstag leichtfällt, ist offen. Immerhin ist das Milliardenprojekt schwer ins Trudeln geraten: Das Krankenhaus wird nicht (wie angekündigt) 2016 in Vollbetrieb gehen, es droht eine Kostenexplosion, die Daten des Projektservers wurden auf Antrag von zehn namhaften Baufirmen per Gerichtsbeschluss gesichert, um sich auf einen Prozess vorzubereiten – weil diese Firmen mit einer Kostenexplosion samt Bauverzögerungen rechnen, die Ursache beim KAV orten und sich „das nicht umhängen lassen wollen“ (so ein Betroffener). Diese Klage wird aber frühestens 2017 erfolgen, wenn Bauverzögerungen und Kostenüberschreitungen detailliert feststeht. Also nach der nächsten Wien-Wahl 2015.

Besonders brisant: Nach Informationen der „Presse am Sonntag“ reißen die Probleme nicht ab, im Gegenteil: Es gibt die nächste Bauverzögerung, der KAV hat sich auf eine Klage vorbereitet. Diese rechtliche Auseinandersetzung wird nicht erst 2017 zum Thema, sondern kann jederzeit losbrechen.

Hintergrund ist ein eskalierter Konflikt: Die Statikunternehmen hatten Pläne vorgelegt, die der KAV als mangelhaft bezeichnete hatte – der KAV hat die Arbeit daher nicht bezahlt. Die Statikfirmen (Arbeitsgemeinschaft Arup/Fröhlich & Locher) wiesen die Vorwürfe zurück, hatten als Reaktion auf die ausbleibenden Bezahlung Informationen zurückgehalten, auf die andere Firmen bei Wien-Nord angewiesen waren (und sind), um überhaupt beginnen zu können. Womit verschiedene Arbeiten blockiert waren. Für den Rohbau hatte das Folgen, die vom KAV mit großer Anstrengung noch unter Kontrolle gebracht werden konnten.

Doch die Probleme sind nicht zu Ende. Sie betreffen ebenso den äußerst komplexen Innenausbau, der bereits zum Start Bauverzögerungen einfährt, wie der KAV bestätigt: Diese Situation (die Auseinandersetzung mit den Statikfirmen, Anm.) habe Folgen und sorge nun beim Innenausbau für Verzögerungen. Man werde versuchen, das aufzuholen. Und: Wegen der „mangelhaften Pläne“ hat der KAV die sich abzeichnende Rechtsstreitigkeit bereits vor längerer Zeit seiner Versicherung gemeldet. Gutachter prüfen die Unterlagen der Statiker, der KAV möchte sich wegen der „mangelhaften Pläne“ (und der dadurch entstandenen Folgen) an den Statikfirmen schadlos halten, wie dort bestätigt wird. Direkt formuliert: Der KAV will die Statikfirmen klagen.


Klage und Gegenklage?
Bevor das passiert, könnte der KAV aber selbst geklagt werden. Zwar gibt Arup ebenso wie Fröhlich/Locher auf Anfrage keinen Kommentar ab. Im Umfeld der Firmen in Wien-Nord ist aber zu hören: Arup sehe sich im Recht. Als international agierendes Unternehmen habe es kein Problem, die Stadt Wien zu klagen – weil es einerseits eine erfahrene Rechtsabteilung besitze, andererseits nicht von Folgeaufträgen der Stadt abhängig sei. Die Fronten sind verfahren, gibt niemand nach, wird dieser Konflikt vor Gericht landen.

Warum das brisant ist? Rechtliche Schritte (Stichwort: gerichtliche Beweissicherung – die jüngste bei einem Großprojekt wurde übrigens bei der völlig entgleisten Sanierung des Wiener Stadthallenbades durchgeführt) waren bisher nur von jenen Firmen bekannt, die für die Gebäudetechnik zuständig sind. Und diese hatten es nur gemeinsam gewagt, wegen des Chaos bei Wien-Nord rechtliche Schritte gegen die Stadt Wien einzuleiten. Wie es aber in den vielen anderen Bereichen des Projekts Wien-Nord aussieht, war bislang unklar. Nun zeigt sich aber, dass die Probleme weitere Kreise ziehen als bisher öffentlich bekannt.


Kritische Phase beginnt. Der Rohbau liegt zwar im Zeitplan. Nur: Dieser ist technisch der einfachste Teil eines derartigen Großprojekts. Kritisch, schwierig und von einer Kostenexplosion bedroht ist dagegen der komplexe Innenausbau, wie es in der Baubranche heißt. Und hier gibt es, wie erwähnt, bereits zum Start Bauverzögerungen.

Gesundheitsstadträtin Wehsely hat kürzlich versichert, dass das Spital Nord ohne Verzögerungen und ohne ungeplante Kostensteigerung in Betrieb gehen wird. Von mehr als 50 Millionen Euro Baukostenreserve seien noch 20 Millionen vorhanden, während 90 Prozent der Gewerke vergeben seien, hat Udo Janßen, Vize-Generaldirektor des KAV dazu erklärt. Was nicht erwähnt wird: Die Aufträge sind zwar vergeben – mit einer entsprechenden Kostenvorgabe. Das sagt aber absolut nichts über die tatsächlichen Kosten in der Praxis aus, die am Ende der Arbeiten anfallen. Beispielsweise wurden beim vergleichsweise einfachen Rohbau wegen unerwarteter Kostensteigerungen bereits mehr als die Hälfte der gesamten Baukostenreserve verbraucht. Und nun wartet der komplizierte, kostenanfällige Innenausbau.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2014)