Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Sieger und Verlierer des Gaza-Krieges

An Israeli soldier from the Nahal Brigade rests after returning to Israel from Gaza
(c) REUTERS (BAZ RATNER)
  • Drucken

Israel ist es offenbar gelungen, das Tunnelsystem der Hamas weitgehend zu zerstören. Doch die militante Palästinenserorganisation wird sich trotzdem als Sieger präsentieren.

Palästinenser und Israelis atmeten Dienstagfrüh um acht Uhr erleichtert auf. Nur Minuten vorher feuerte die islamistische Palästinenserorganisation Hamas noch Raketen nach Israel. Im palästinensischen Beit Sachur bei Bethlehem zerstörte ein Geschoss aus Gaza ein Haus. Doch ab nun sollten die Waffen für 72 Stunden schweigen. Mit ägyptischer Vermittlung hatten sich Israel und die Hamas darauf geeinigt, zunächst für drei Tage die Kämpfe einzustellen. Diese Frist soll reichen, um in Kairo einen längerfristigen Lösungsplan zu erarbeiten. Die israelischen Truppen zogen komplett aus dem Gazastreifen ab.

Dass Ägypten die Schutzherrschaft über die Einigung hat, erhöht die Chancen, dass die Feuerpause diesmal eingehalten wird. Keine drei Stunden hatte die Hamas den Waffenstillstand befolgt, der Ende vergangener Woche auf Druck der USA und der UNO vereinbart worden war. Aus israelischer Sicht könnte der Zeitpunkt für ein Ende des Krieges nicht besser sein. Erst am Vortag zerstörten die Truppen den angeblich letzten Hamas-Tunnel. Die geheimen unterirdischen Gänge, durch die sich Kommandos nach Israel einschleichen könnten, zu zerstören war erklärtes Kriegsziel Israels.

 

Hoher Preis für Armee

Die traurige Bilanz der vierwöchigen Gefechte sind 1865 Tote im Gazastreifen und 9563 Verletzte. Gut 10.000 Häuser sind komplett oder teilweise zerstört. 63 israelische Soldaten sind bei den Kämpfen gefallen, und drei Zivilisten starben bei den Raketenangriffen. Die Hamas schoss rund 3300 Raketen und Mörsergranaten ab. Grund dafür, dass diese verhältnismäßig wenig Schaden anrichteten, ist das israelische Raketenabwehrsystem Eisenkuppel, das neun von zehn Raketen noch in der Luft abfing.

Die Hamas wird sich dennoch als Sieger präsentieren, gelang es ihr doch, einer der weltweit stärksten Armeen so lange Paroli zu bieten. 63 gefallene Soldaten sind ein hoher Preis für Israel. Bei der Offensive „Gegossenes Blei“ vor fünfeinhalb Jahren waren nur zehn Soldaten getötet worden und 1400 Palästinenser. Die Islamisten überraschten diesmal mit ihrem breit angelegten Tunnellabyrinth und moderner Ausrüstung, darunter Panzerabwehrraketen. Die Waffen stammen aus dem Iran, aus Syrien und aus den libyschen Arsenalen, aus denen sich nach dem Sturz Muammar al-Gaddafis auch die militanten Palästinenser bedienten. Die ägyptische Regierung der Muslimbrüder ließ den Schmuggel der Waffen in den Gazastreifen zu.

Das ist jetzt anders. Die Muslimbrüder sind gestürzt. Und die Regierung des einstigen ägyptischen Militärchefs Abdel Fatah al-Sisi hat schon die meisten der Tunnel zwischen Ägypten und dem Gazastreifen zerstört. Was den Palästinensern bleibt, ist die Produktion in den eigenen Waffenwerkstätten. Die Raketen werden zwar immer besser, trotzdem ist die Gefahr für Israel angesichts der Eisenkuppel überschaubar, solange das Weiße Haus die Kosten dafür übernimmt. Mit jeder abgefeuerten Abwehrrakete verpuffen einige zigtausend Dollar in der Luft.

 

Friede nur im Gesamtpaket

Der Krieg zeigt einmal mehr, dass der Gazastreifen vom Westjordanland nicht zu trennen ist. Auch im Westjordanland gingen Menschen auf die Straße. Einige Palästinenser, die aus Solidarität mit den Bewohnern des Gazastreifens Steine auf israelische Soldaten warfen, wurden erschossen.

Die beiden Anschläge in Jerusalem am Montag und der Messerangriff auf einen Wachposten in der Siedlung Maale Adumim sind die direkte Reaktion auf den Ruf aus Gaza, Siedler und Zionisten zu töten. „Wer das nicht tut, gehört nicht zum palästinensischen Volk“, sagte Fausi Barhoum von der Hamas. Ohne Frieden im Gazastreifen ist auch das Westjordanland nicht friedlich und umgekehrt. Die Palästinensergebiete lassen sich nur im Gesamtpaket befrieden.

Ob der Waffenstillstand hält und verlängert wird, hängt nun davon ab, ob es den Ägyptern und Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas von der Fatah gelingt, Lösungsmodelle zu entwickeln, die für die Hamas und Israel akzeptierbar sind. Knackpunkt ist das Grenzregime. Allein für den Wiederaufbau des Gazastreifens müssen die Grenzen durchlässiger werden, vor allem für Baumaterial. Israel wird Garantien verlangen, dass gelieferter Zement nicht für den Bau neuer Hamas-Tunnel verwendet wird. Sechs Milliarden Dollar, so veranschlagt die palästinensische Einheitsregierung, sind für den Wiederaufbau nötig.

Ägypten würde es für eine Grenzöffnung ausreichen, wenn die Fatah-nahe Präsidentengarde auf palästinensischer Seite des Übergangs in Rafah postiert wird. Rein formal ist seit gut zwei Monaten nicht mehr die Hamas, sondern die neue Einheitsregierung für den Gazastreifen zuständig. In der Praxis werden aber bisher nur die Beamten mit Fatah-Parteibuch bezahlt, während die Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes, die die Hamas einstellte, leer ausgingen.

AUF EINEN BLICK

72 Stunden sollen seit Dienstagmorgen die Waffen im Gazastreifen ruhen. Das haben Israel und die Palästinenserorganisation Hamas mit Vermittlung Ägyptens vereinbart. Die Zeit der Waffenruhe soll für die Ausarbeitung eines längerfristigen Friedensplans genutzt werden. Die Gespräche darüber werden in Kairo stattfinden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2014)