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Abschied von Gert Voss: „Tragen ein großes Kind zu Grabe“

Der Sarg von Gert Voss wird um die Burg getragen. Zuvor hielt unter anderem Ex-Direktor Claus Peymann eine Rede aus „Momenten“.(c) APA/HANS PUNZ (HANS PUNZ)
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Das Burgtheater verabschiedete sich von seinem Ehrenmitglied Gert Voss. Mit Claus Peymann, Luc Bondy und einem Umzug um das Haus.

Nach Tagen des Regens schien die Sonne auf die schwarzen Pilaren mit dem offenen Feuer und auf den schwarzen Baldachin, der den Eingang zur volksgartenseitigen Feststiege umrahmte, als das Burgtheater von seinem Star Abschied nahm.

„Es scheint“, hat der „Spiegel“ in einer Reportage über den angehenden Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann 2009 geschrieben, „etwas sehr Österreichisches zu sein“: die Trauerfeier für Ehrenmitglieder des Hauses. Die Toten werden auf der Feststiege aufgebahrt, über die früher nur der Kaiser schritt, und drehen danach eine feierliche Runde um das Haus, bevor es zum Zentralfriedhof geht.

Hartmann stand damals, kurz vor seiner ersten Premiere, im Clinch mit Voss, seinem Star. Und er musste seine erste Trauerfeier absolvieren. Dass er berichtete, er sei dem Sarg nachgelaufen, nahm man dem Deutschen übel. Nun, fünf Jahre später, ist Hartmann nicht mehr Chef, und Gert Voss tot. Nur die Tradition, die gibt es immer noch.
Riesige Kränze säumten den Sarg, der unter schwarzem Samt oben auf der Stiege stand: Bunte Sommerblumen vom Ensemble, cremefarbene Rosen von Voss' Frau Ursula, weiße von der Direktion. Rote Blüten vom Bürgermeister, Sonnenblumen, ein Gruß der Akademie der Künste in Berlin.

Es habe Zeiten gegeben, da habe Wien „diesen Piefke und seinen verrückt gewordenen Direktor nicht haben wollen“, sagte Ex-Burg-Chef Claus Peymann, der „bis auf drei Tage“ 46 Jahre lang mit Voss gearbeitet hat. Davor zitierte er Shakespeares „Sturm“: „Das Fest ist jetzt zu Ende.“ Den ganzen Sommer habe er immer an Voss gedacht: „Jetzt liegt er in diesem Eisblock und wartet auf diesen Tag.“ Auf die letzte Premiere. „Sie wird ihm schon gefallen.“

Abenteuer Wien

Sie hätte ihm wohl wirklich gefallen. Michael Heltau und Klaus Maria Brandauer waren da, Michael Haneke und André Heller, und auch Matthias Hartmann: Ursula Voss hatte ihn eingeladen. Als Erste hat Karin Bergmann gesprochen, die interimistische Direktorin. 35 Jahre lang war sie Wegbegleiterin, gemeinsam hat man überlegt, wie es wohl werden würde in Wien. Es sei ein Abenteuer geworden, in das Voss „mit vollen Segeln“ ging und in dem ihn „nicht nur milde Lüftchen, sondern auch oft Sturmwinde begleiteten“. Keiner hätte gedacht, dass er so lang bleiben würde, „aber das Burgtheater ist eben ein besonderes Theater“. Und Voss nun Teil seiner Geschichte.
Kulturminister Josef Ostermayer sprach den kritischen Teil dieser Geschichte an. Erzählte, wie er Voss in der Affäre Hartmann um Rat gefragt habe, an einem Abend bei Voss zu Hause. Ein weiteres kam nicht mehr zustande. Voss starb am 13. Juli im Alter von 72 Jahren.

Regisseur Luc Bondy erinnerte sich in Form eines Zwiegesprächs. Teil der Voss'schen Genialität sei es gewesen, Details zu erfassen, um „Menschen zu zeigen, die man durch dich wiedererkannte, auch wenn sie nie existiert haben“. Johanna Wokalek schilderte berührend, wie es war, neben Voss zu spielen. Sprach von seiner Souveränität bei der Leseprobe, seinem Verschwinden nach der Vorstellung, seinem Haarschnitt, der sich mit jeder Rolle änderte, und seinen „unglaublichen blauen Augen, von denen ich heute weiß, dass es Kontaktlinsen waren.“ Auch Peymann schilderte Momente mit Voss – und brachte die trauernden Menschen zum Lachen. „Wir tragen ein großes Kind zu Grabe“, schloss er, „ein Genie, einen der größten Schauspieler unserer Zeit.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2014)