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„Mein Penis hatte es eilig“

Dick und sehr ambitioniert: Clemens J. Setz' Roman „Die Frequenzen“. Nach längstens 300 Seiten stellt sich das Buch jedoch als Sammelsurium von Gedanken- und Handlungssplittern heraus. Chronologie einer Verstiegenheit.

Wenn ein Roman über 500 Seiten umfasst, ein neuer, sage ich zunächst mal, er ist schlecht. Bis bewiesen ist, dass er gut ist. Er ist nämlich immer schlecht“ – was Marcel Reich-Ranicki 1990 im „Literarischen Quartett“ gewohnt apodiktisch und ein wenig verquer beschied, braucht man nicht heranzuziehen, um Büchern mit Vorsicht zu begegnen, die unter einer gewissen Inkontinenz zu leiden scheinen. Dass es sehr wohl hoch lesenswerte umfangreiche Romane deutschsprachiger Autoren in den letzten Jahren gegeben hat – Uwe Tellkamps „Der Turm“, Michael Köhlmeiers „Abendland“ oder Rolf Lapperts „Nach Hause schwimmen“ –, täuscht nicht darüber hinweg, dass die Segnungen des Internets eine Tendenz zum ausufernden Großepos fördern, und kein Lektor mehr Einhalt gebietet.

Clemens J. Setz, Jahrgang 1982, legt, nach seinem viel gelobten Erstling „Söhne und Planeten“, einen 700-Seiten-Roman vor, dessen Ambitionen sich in nahezu allen Details niederschlagen. Bereits das erste der – nicht wenigen – Mottos des Romans verweist auf eines der – nicht wenigen – poetologischen Motive. Die Rube-Goldberg-Maschine, die Setz hier beschreibt, ist eine wunderbar sinnlose Apparatur, die auf möglichst komplizierte Weise Kettenreaktionen hervorruft, um zuletzt zu einem recht schlichten Resultat zu kommen. Mit diesem frühen „Zugeständnis an die Selbstreferenzialität, wie sie in allen Romanen vorzukommen hat“, ist die Struktur der „Frequenzen“ beschrieben, in den positiven wie negativen Auswirkungen.

Zwei Erzählstränge sind es vor allem, die Setz miteinander verschränkt und stets von Neuem zusammenzuziehen sucht. Alexander Kerfuchs, das in Graz lebende Ich des Romans, und Walter Zmal heißen die einst eng befreundeten Protagonisten, die sich nach vielerlei Irrungen und Wirrungen wieder über den Weg laufen. Walter kehrt, um sich ein „Zeitpolster“ zu verschaffen, zurück ins Elternhaus, wo sein Vater, ein berühm-ter Architekt, das Regiment führt und gern von seinen bedeutenden Projekten berichtet. Alexander hingegen, dessen Vater, ein Gymnasiallehrer für Französisch und Physik, sich von der Familie abwendet und am Ende des Romans neu verehelicht, beendet seinen Dienst als Pfleger in einem Altenheim und ist dabei, sich von seiner Altfreundin Lydia zu trennen, um sich der Psychotherapeutin Valerie anzuschließen. Dieser Rahmen beschreibt nur grob, was sich im Folgenden alles an Nebenfiguren und Nebenschauplätzen auftut. Als – so der zum Selbstkommentar neigende Autor – „großes Liebeseingeständnis an das nichtlineare Wesen der Zeit“ konzipiert, wechselt der Roman permanent die Zeit- und Erzählebenen. Er erinnert prägende Kindheitsmomente, lässt vergangene Liebesbeziehungen Revue passieren, kreist oft um das alles berührende Chaos familiären Lebens, baut vermeintlich Dokumentarisches (etwa die Maturarede des Vaters) ein und versucht, das nicht leicht zu durchschauende Gespinst durch ein Netz von wiederkehrenden Bildern zusammenzuhalten.

Um diese Konstruktion zu legitimieren, greift Setz häufig auf den philosophischen und literarischen Fundus zurück. Er verweist auf Rimbaud und Jean Paul, spielt auf Thomas Glavinic' Roman „Die Arbeit der Nacht“ an, adaptiert den Fragebogen, den Marcel Proust zweimal beantwortet hat, und zitiert nicht zuletzt Ezra Pound mit bedeutungsvollen Sätzen: „We do not know the past in chronological sequence.“ Je mehr man sich in den „Knäuel von Geschichten“ verstrickt, desto undurchsichtiger wird, was der Autor mit dieser Auffächerung von „Frequenzbereichen“ bezweckt. Anders gesagt: Spätestens nach 300 Seiten wirkt der Roman als Sammelsurium von mal originellen, mal öden Gedanken- und Handlungssplittern und macht aus seinen Figuren Schemen, deren Leid beliebig reproduzierbar scheint.


Verunsicherte Weihnachtsbäume

Zum Verhängnis wird dem Buch, dass Setz die Sprache nicht kontrolliert, seitenweise staubtrockene Dialoge („Nein, sagte ich. Wir kennen uns nur schon sehr lang. – Okay, sagte Franz“) schreibt und Stilblüten aneinanderreiht, die man selbst bei größtem Wohlwollen nicht als ironische Brechungen oder als Gedankenkonfusionen beschränkter Figuren schönreden kann. Warum nur gibt Setz ständig seiner Neigung nach, den Objekten des Alltags Leben einzuhauchen und sie als alberne Personifikationen durch das Geschehen geistern zu lassen? Man begegnet leidenden Handys, vor sich hin weinenden Autos, verunsicherten Weihnachtsbäumen und einem Kühlschrank, der „sich sehr genierte, keine antike Standuhr oder eine geheimnisvolle Ritterrüstung zu sein“. Dass man zudem mit dem Gedankenreichtum einer verängstigten Hündin namens Uljana konfrontiert wird, trägt nicht zur Gemütsaufhellung des Lesers bei.

Und nicht zuletzt: Gewalt, Tod und (Bi-)Sexualität spielen in „Die Frequenzen“ eine zentrale Rolle, eine Verquickung, die ästhetische Herausforderungen stellt, denen Clemens Setz sich freudig hingibt und denen er leider in den wenigsten Fällen gewachsen ist. Wo erotische Szenen mit Sätzen wie „Mein Penis hatte es eilig“ eingeleitet und mit „Ich fickte sie wild in den Mund“ vorangetrieben werden, ist Hopfen und Malz verloren. Wenn dann freilich eine gelungene Fellatio (ein Setzsches Leitmotiv) als „in den Schoß“ gefallener „Gottesbeweis“ gilt, verwischen sich die Grenzen zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komik. 40 Seiten weiter gelten solche Zweifel nicht mehr, wenn eine Passage, die einen Ehrenplatz in der Anthologie „Absurde Sexszenen der Weltliteratur“ verdient hätte, den heftigen Beischlaf zwischen Valerie und Alexander wiederzugeben versucht: „Ich zog mich aus ihr zurück und sah sie an: Sie war herrlich weit geöffnet, ein feuchter Tunneleingang, der mich an den Milchkrug in dem Gemälde von Vermeer denken ließ.“ Schön, wenn beim intensiv praktizierten Sex die niederländische Malerei nicht zu kurz kommt und der Samenerguss dadurch nicht beeinträchtigt wird: „Dann bildeten sich kleine Blasen aus Sperma an ihren Schamlippen und machten dabei ein hell blubberndes Geräusch wie das Knistern von Badeschaum.“

Es hilft kein Drumherumreden: Clemens Setz hat einen viel zu langen, überinstrumentierten, sprachlich über weite Strecken misslungenen Roman vorgelegt. Nassforsch wirbt der Verlag mit der Name-Dropping-Anpreisung: „Für die Leser von Jonathan Franzen, David Foster Wallace und David Mitchell“. Wohl eher nicht. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2009)