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NMS: Ist die Gesamtschule nun tot?

THEMENBILD: NEUE MITTELSCHULE
(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)
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Die schlechten Ergebnisse in der Evaluierung der NMS brachten einen kräftigen Dämpfer für das Prestigeprojekt der SPÖ. Platzt damit auch deren Traum von der Einführung der Gesamtschule?

Wien. Der Neuen Mittelschule (NMS) wurde ein ernüchterndes Zeugnis ausgestellt: Obwohl viel Geld in den neuen Schultyp gesteckt wurde, ist er nicht besser als die Hauptschule. Für schwache Schüler brachte die Neue Mittelschule sogar Verschlechterungen: Sie sind häufiger überfordert und frustriert. Ein kräftiger Dämpfer für das rote Prestigeprojekt. Und womöglich gar ein schwerer Rückschlag für die SPÖ und ihren jahrzehntelangen Kampf um die Einführung einer Gesamtschule. „Die Presse“ hat sich angesehen, ob dieser bildungspolitische Traum nun geplatzt ist.

1. Haben die Ergebnisse überhaupt Aussagekraft für die Sinnhaftigkeit einer Gesamtschule?

Nein. Prinzipiell nicht. Die Neue Mittelschule ist keine Gesamtschule. Dafür müssten nämlich alle Zehn- bis 14-Jährigen diesen Schultyp besuchen. Das ist nicht der Fall. Durch die Beibehaltung des Gymnasiums blieb der größte Konkurrent bestehen. Es drängen immer mehr Kinder in die AHS. Daran änderten auch die Bemühungen, die Neue Mittelschule attraktiver als die Hauptschule zu gestalten, nichts. „Solange es sich bei der NMS um ein Parallelangebot handelt, zieht die AHS-Unterstufe jene ,Zugpferde‘ ab, von denen schwächere Schülerinnen und Schüler sich etwas abschauen können“, sagte Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) in einer ersten Reaktion. Sie bleibt weiter auf Gesamtschulkurs und meint: „Von gemeinsamem Unterricht würden alle profitieren.“

2. Lassen sich also gar keine Rückschlüsse auf eine mögliche Gesamtschule ziehen?

Doch. Die durchwachsenen Ergebnisse werden die Diskussion mit Sicherheit beeinflussen. Gesamtschulgegnern werden sie als Munition dienen. Und das nicht ganz zu Unrecht. Denn obwohl die NMS keine Gesamtschule ist, ähnelt sie dieser in einigen Punkten. In der Neuen Mittelschule wurden Unterrichtsprinzipien ausgetestet, die es so auch in einer Gesamtschule geben könnte: zuerst die sogenannte innere Differenzierung. Dafür wurden die Leistungsgruppen aufgelöst und alle Kinder einer Klasse gemeinsam unterrichtet. Sie sollen voneinander lernen. Immer wieder kehrte außerdem das Schlagwort Individualisierung. Der Unterricht sollte sich auf die Stärken und Schwächen des Einzelnen konzentrieren. Das hieß weg vom Frontalunterricht; dazu wurden neue Unterrichtsmethoden wie Projektunterricht forciert. Auch das Teamteaching, der gemeinsame Unterricht von zwei Lehrern in einer Unterrichtsstunde, zählt zu den Elementen, die in der NMS ausgetestet wurden und in einer potenziellen Gesamtschule eingesetzt werden sollten. Die SPÖ wird weiter um die Gesamtschule kämpfen. Angesichts der Ergebnisse wird sie sich aber schwerer tun.3. Haben all diese Konzepte – wie Individualisierung und Teamteaching – versagt?

Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Zwar konnten die Experten, die die NMS evaluierten, keine positiven Auswirkungen einzelner Maßnahmen feststellen. Das allein sagt aber wenig. Denn eines der größten Probleme der NMS ist, dass sie nicht überall wie gewünscht umgesetzt wurde. In mehr als der Hälfte der untersuchten Schulklassen ist das NMS-Konzept nicht wirklich angekommen. In fast jeder dritten der 446 untersuchten Klassen erfolgte nur eine „durchschnittliche“ Umstellung. Und fast jede vierte Klasse arbeitete ohnehin einfach mit dem bisherigen pädagogischen Konzept weiter.

4. Weshalb haben sich so viele Lehrer nicht auf das neue Konzept eingelassen?

Den Unterricht adaptierten laut Studie vor allem die Schulen, an denen es zuvor viele Probleme gegeben hatte. Sie hatten Reformdruck. Und dann gab es noch die innovativen Schulen, deren Lehrer vom Konzept überzeugt waren und schon zuvor versucht hatten, den Unterricht zu verändern. Die meisten anderen blieben beim Gewohnten. Große Umstellungen in Bereichen wie dem Bildungssystem dauern außerdem einfach ihre Zeit: Es sei „eine furchtbar naive Annahme“, dass sich mit der Einführung eines neuen Schultyps schnell Verbesserungen im Bildungssystem erzielen lassen, sagt etwa Bildungsforscher Stefan Hopmann von der Uni Wien. Das weiß mittlerweile auch die Politik: „Eine Schulreform ist wie eine Operation am offenen Herzen. Man muss aufpassen, dass der Patient nicht stirbt“, sagt Wissenschaftsstaatssekretär Harald Mahrer (ÖVP).

5. Welche Schlüsse werden aus den Ergebnissen für die Neue Mittelschule gezogen?

Laut Ministerin Heinisch-Hosek wird an der NMS definitiv nicht gerüttelt. Diese müsse nur besser umgesetzt werden. Die NMS sollen die gewährten sechs Zusatzstunden nicht nur für Deutsch, Mathematik oder Englisch verwenden dürfen, sondern auch für Schwerpunktfächer. Zudem sollen Länder oder Schulen entscheiden können, ob sie mit dem zusätzlichen Geld Pflichtschul- oder AHS-Lehrer anstellen möchten. Anstelle des Teamteachings soll es künftig zumindest teilweise ein Schülercoaching geben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2015)