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Die destruktive Ölstrategie der radikalen Islamisten in Libyen

(c) Reuters
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IS-Gruppierungen griffen zuletzt mehrfach Ölanlagen in Libyen an, um sie zu zerstören. Geiselnahmen waren dabei nie ihr primäres Ziel.

Kairo. Die Verschleppung eines Österreichers und acht weiterer Geiseln von dem al-Ghani-Ölfeld in Libyen könnte ein tragisches Nebenprodukt einer neuen Taktik der radikalen Islamisten sein: Denn den libyschen Jihadisten geht es nicht primär um Geiselnahmen, sondern um die Zerstörung von Ölanlagen.

Anders als ihre IS-Genossen im Irak oder in Syrien wollen sie Öl nicht als Ressource zu nutzen, um ihren Kampf zu finanzieren. Die jihadistischen Gruppierungen sind zu schwach, um die Anlagen langfristig militärisch zu halten. Zudem sind die Ölfelder über ein weites, schwer zugängliches Territorium verteilt. Auch die Vermarktungswege für das Öl nach Süden durch die Sahara oder über das Mittelmeer wären kompliziert bis unmöglich.

Anfang Februar griff eine IS-Gruppe das Mabrouk-Ölfeld an und nahm philippinische Geiseln, zehn Tage später attackierte sie abermals Mabrouk und das Bahi-Ölfeld. Kurz darauf sprengten die Jihadisten eine Pipeline, die das Sarir-Feld mit einem Terminal am Mittelmeer verband. Ziel war immer Zerstörung. Die Angreifer zogen sich stets wieder zurück.

Der Ölsektor macht 80 Prozent des libyschen Bruttosozialproduktes und 95 Prozent der Exporte des nordafrikanischen Landes aus und hat damit ein hohes Erpressungspotenzial. Geoff Porter, Chef der Africa Risk Consulting, unterscheidet zwischen mehreren Phasen seit dem Sturz Gaddafis. Bis 2014 dienten Besetzungen von Ölanlagen als „Kommunikationsmethode“ mit der Zentralregierung in Tripolis. Wenn eine Miliz eine Forderung hatte, beispielsweise den Rücktritt eines Ministers, dann okkupierte sie ein Ölfeld, bis die Regierung darauf einging.

 

Belmokhtars Handbuch

2014 entstanden zwei Machtzentren in Libyen: Die im ostlibyschen Tobruk amtierende Regierung und das in Tripolis regierende Parlament, die sich mit ihren Milizen bekämpfen. Beide Seiten haben versucht, die Ölfelder unter ihre Kontrolle zu bekommen. De facto gibt es seitdem in Libyen zwei staatliche Ölgesellschaften. Doch mit der neuen Taktik der IS-Jihadisten läuft der gesamte Ölsektor in Gefahr, langfristig ruiniert zu werden.

Die Blaupause lieferte laut Porter die Attacke der al-Qaida-Gruppe Mokhtar Belmokhtars auf das algerische Gasfeld Amenas. Dutzende Angreifer hatten es im Jänner 2013 vier Tage lang besetzt und Geiseln genommen, bevor algerische Truppen zum Sturm bliesen. Dabei kamen 39 ausländische Arbeiter und 29 Mitglieder der militanten Gruppe ums Leben, 685 algerische und 107 ausländische Arbeiter konnten befreit werden.

Belmokhtar und seine Gruppe Mourabitoun haben vor vier Monaten ein Handbuch für Angriffe auf Öl- und Gasanlagen als Teil des Jihad veröffentlicht. Empfohlen wird eine Zerstörung per Fernbedienung. Geiselnahmen sollen dazu dienen, den Angreifern Zeit zu verschaffen.

Nach dem Angriff auf das libysche al-Ghani-Ölfeld konnten sich die Jihadisten anders als in Algerien mit ihren Geiseln zurückziehen. Was das für deren weiteres Schicksal bedeutet, darüber kann nur spekuliert werden. Al-Qaida-Gruppen in Nordafrika haben meist Lösegeld für ihre Geiseln verlangt. Die IS-Terrormiliz in Libyen hat indes im Februar 21 entführte koptische Gastarbeiter aus Ägypten geköpft. Was sie mit europäischen und asiatischen Geiseln in Libyen macht, ist noch unklar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2015)