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Radsport: Das Doping-Nest, von dem alle wussten

(c) Gepa (Heiko Mandl)
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Während Rudy Pevenage schwere Vorwürfe gegen das Wiener Doping-Netzwerk erhebt, präsentiert der Radsport-Verband eine Maßnahme gegen schwarze Schafe.

WIEN (mhk/ag.). Mit dem Osterfrieden war auch Ruhe in Österreichs, von Doping-Machenschaften gebeutelte Sportlandschaft gekommen. Doch kaum hatte man sich darauf verständigt, dass der Doping-Hauptschauplatz irgendwo im Freizeit(kraft)sportlager zu finden sei, kommt der nächste Zuruf von außen: Rudy Pevenage, erst selbst Radprofi, danach als Sportlicher Leiter maßgeblich an den Erfolgen Jan Ullrichs beteiligt, meldet sich in einem Interview der „Neuen Zürcher Zeitung“ lautstark zu Wort: „Betrug lässt sich nie ausschließen“, meinte er. Ob er damit auf die Humanplasma-Affäre in Österreich anspiele, wird Pevenage gefragt: „Im Radsport wussten viele schon vor drei Jahren, dass da in Wien ein Nest ist. Es wurde niemals darüber gesprochen, es war – wie sagt man? – ein offenes Geheimnis. Ich hatte auch davon gehört. Als ich von der Tour de France ausgeschlossen wurde, wusste ich, dass Fuentes nicht als Einziger in Spanien ein Netz gesponnen hatte. Es gibt solche Netze in Süditalien, es gibt sie in Österreich. Das wusste damals die Hälfte der Sportlichen Leiter, nur geredet wurde nicht darüber.“

Ein Nachhaken erspart der Schweizer Kollege dem 54-jährigen Belgier, der knapp drei Jahre nach seiner Suspendierung vom Team T-Mobile wegen der mutmaßlichen Verwicklung in die spanische Fuentes-Affäre vor Kurzem als Sportlicher Leiter des Rock Racing Teams in die Szene zurückgekehrt ist. Unter seinen Fittichen strampeln nun die in Doping-Affären verwickelten Hamilton, Mencebo, Sevilla oder Gutierrez. Pevenages Vorwurf ist kein neuer, doch gerne hätte man mehr erfahren...

Publiziert wurde das Interview wenige Stunden bevor Österreichs Radsportverband (ÖRV) ein neues Projekt präsentierte: Austrian Cycling Against Doping (ACAD) nennt sich die neue Initiative für einen sauberen Radsport.

Auf freiwilliger Basis können sich jene 130 heimischen Radprofis, die schon bislang in den Testpools der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) erfasst sind, einem noch genaueren Testregime unterwerfen. Die Freiwilligen unterziehen sich alle 16, spätestens alle 31 Tage einer Blutanalyse, publizieren die Ergebnisse unter www.against-doping.at und stellen sie der NADA und Austria Research Seibersdorf zur Verfügung.

Christiane Soeder, Olympia-Vierte und WM-Zweite 2008 und selbst Medizinerin, ist die bislang einzige Freiwillige. „Wir Sportler haben das Gefühl, dass wir jede Spitzenleistung rechtfertigen müssen“, meint sie, Spitzensport sei auch ohne Doping möglich.

Insgesamt gehe es darum, die Testintensität und -qualität zu verstärken, um Bewusstseinsbildung und um ein Signal an den Nachwuchs und dessen Eltern: „Sonst setzen wir mittel- bis langfristig die Zukunft des Radsports aufs Spiel“, meinte ÖRV-Generalsekretär Rudi Massak, der hofft, möglichst viele Profis für die Aktion zu gewinnen. Zudem soll die Botschaft die Sponsoren erreichen.

Mit 80.000 bis 100.000Euro ist ACAD dotiert. Die Mittel kommen vom Bundeskanzleramt, vom ÖRV und Sponsoren. Viel Geld. In Relation aber wenig. Das Vorarlberg-Corratec-Team gibt für den vom Internationalen Radverband (UCI) verlangten biologischen Pass für seine 19 Aktiven jährlich 100.000 Euro aus, um in der Top-Rennserie der UCI starten zu dürfen.

Andere Verbände lädt der ÖRV ein, bei ACAD mitzumachen. Aus dem Leichtathletik-Lager hieß es hinter vorgehaltener Hand, man werde mitziehen, aber ein noch besseres Modell vorlegen...

www.against-doping.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2009)