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Herbert Prohaska: »Marcel Koller vermeidet die Verhaberung«

SOCCER - UEFA EURO 2016 quali, LIE vs AUT
(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Oliver Lerch)
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Herbert Prohaska führte Österreich 1998 als Teamchef zur WM nach Frankreich, das gleiche Ziel verfolgt Marcel Koller in der laufenden EM-Qualifikation. Prohaska über die aktuelle Mannschaft, persönliche Fehleinschätzungen und den Abend des 27. März 1999.

Österreichs Nationalmannschaft führt die Gruppe G zur Halbzeit der EM-Qualifikation an. Auf Schweden hat man vier Punkte Vorsprung, auf Russland gar fünf. Haben Sie schon zu rechnen begonnen?

Herbert Prohaska: Ich bin eigentlich kein Freund von Rechenspielchen, aber wenn wir davon ausgehen, dass Moldau und Liechtenstein zu Hause geschlagen werden, halten wir bei 19 Punkten. Der beste Drittplatzierte qualifiziert sich ebenso, wir hätten also gute Chancen. Aus den drei Spielen in Russland, Schweden und Montenegro könnte schon ein Punkt genügen, um sicherzugehen.

Sie klingen sehr optimistisch.

Ich traue der Mannschaft einfach viel zu, auch heute in Moskau. Aber man sollte etwas nicht vergessen: Wir sind bestimmt nicht der Favorit, das ist immer noch Russland, wobei uns die Ausgangslage entgegenkommt. Russland ist unter Druck, muss schon beinahe jedes Spiel gewinnen. Und von einer Mannschaft, die von einem Italiener trainiert wird, erwarte ich keinen Hauruck-Fußball.

Sie haben bei der WM 1998 als bislang letzter österreichischer Teamchef das Nationalteam auf sportlichem Weg zu einem Großereignis geführt. Sehen Sie Parallelen zwischen Ihrer damaligen Mannschaft und jener von Marcel Koller heute?

Ja, absolut. Schon damals bildeten viele Legionäre das Gerüst der Mannschaft – Herzog, Polster, Feiersinger oder Pfeifenberger. Diese Teams ähneln einander, wenngleich 17 Jahre dazwischenliegen. Der Fußball war 1998 ein anderer, auch das Spielsystem. Wir haben noch mit Libero, zwei Manndeckern und einem Fünfer-Mittelfeld gespielt. Eine andere Welt.

Wann haben Sie auf dem Weg zur WM 1998 gemerkt, dass sich die Mannschaft tatsächlich qualifizieren wird?

In der Qualifikation für die EM 1996 hat es uns noch an Konstanz gefehlt, aber der Stamm an guten Spielern war schon vorhanden. Ich wusste, dass die Mannschaft die WM-Qualifikation schaffen kann, sofern wir keine Übergegner zugelost bekommen. Wäre ich vor der WM-Qualifikation als Teamchef abgelöst worden, hätte voraussichtlich jemand anderer das Team nach Frankreich geführt. Die Mannschaft war einfach bereit.

Bei der Endrunde schied Österreich mit zwei Punkten aus drei Spielen in der Vorrunde aus. War mit der WM-Teilnahme der Zenit erreicht?

Eigentlich nicht. Nach der WM ist es noch sehr gut für uns gelaufen, wir haben in einem Testspiel gegen Weltmeister Frankreich mit Zidane und Henry fünf Minuten vor Schluss erst das 2:2 kassiert. In der EM-Qualifikation wurde Zypern auswärts 3:0 geschlagen, ein Monat davor hatte Zypern noch gegen Spanien 3:2 gewonnen. Und dann ist uns leider dieses 0:9 in Spanien passiert.

Haben Sie jemals eine schlüssige Erklärung dafür gefunden, was am Abend des 27. März 1999 in Valencia passiert ist?

Es mag kurios klingen, aber vielleicht haben wir alle den Fehler gemacht und uns etwas überschätzt.

Orten Sie in der derzeitigen Auswahl Schwachstellen?

In der Vergangenheit hat das Team zu viele Chancen vergeben, das war eine Schwäche, aber in diesem Bereich hat man sich verbessert. Die Mannschaft ist gewachsen, in vielerlei Hinsicht. Ich glaube nicht, dass die Mannschaft wirkliche Schwachstellen hat, im Gegenteil. Fast jede Position ist doppelt besetzt, noch dazu mit Legionären. Das ist fantastisch.

Die Mannschaft vermittelt nach außen einen „Elf Freunde müsst ihr sein“-Charakter. Müssen sie das denn wirklich sein?

Freunde nicht, nein. Ich als Austrianer habe mich mit den Rapidlern im Nationalteam immer auf „normaler“ Ebene verstanden. Dass man echte Freundschaften schließt, ist ganz selten. Wichtig ist die Stimmung innerhalb der Mannschaft, die muss passen. Und die passt automatisch, wenn man Erfolg hat. Das schweißt zusammen.

Die Teilnahme an der EM 2016 könnte der Beginn einer erfolgreichen Ära sein. Der Großteil der Mannschaft ist relativ jung.

In dieser Mannschaft ist kein Spieler, der nach einer möglichen EM aufgrund seines Alters aufhören müsste. Außerdem erlauben es die medizinische Betreuung und der Fortschritt betreffend Ernährung und Training, dass ein Profi heute zwei, drei Jahre länger auf hohem Niveau spielen kann. Man braucht sich nur Luca Toni, Andrea Pirlo oder Miroslav Klose ansehen.

Marko Arnautović, 26, hat gewiss noch viele Jahre vor sich. Der ganz große Klub, der ihm in der Vergangenheit zugetraut wurde, ist es allerdings (noch) nicht geworden.

Am Können scheitert es bei Arnautović bestimmt nicht. Vielleicht hat er bislang nicht immer die richtigen Entscheidungen bei seiner Klubwahl getroffen. Der Sprung von Twente Enschede zu Inter Mailand war gewaltig. Inter war am Höhepunkt, für ihn war es ein verlorenes Jahr. Aber klar, wenn Inter ruft, sagt keiner so schnell Nein. Bei Bremen hat er sich durch seine Eskapaden selbst am meisten geschadet, die scheint er jetzt in England abgelegt zu haben. Für einen großen Klub ist es noch nicht zu spät. Aber: Ein Mann seiner Klasse müsste eigentlich viel mehr Tore schießen.

Wo würden Sie Aleksandar Dragović gern spielen sehen?

Dragović kann überall spielen. Er hat seine Karriere klug geplant, war bei Basel und Dynamo Kiew höchst erfolgreich, hat Titel und Erfahrungen gesammelt und ist mit 24 immer noch ein junger Mann. Ich würde ihm selbst bei Barcelona eine gute Rolle zutrauen.

Dragović wird hoch gehandelt, seine Ablösesumme bewegt sich im zweistelligen Millionenbereich. Sind Fußballer tatsächlich so viel Geld wert?

Die Topspieler auf alle Fälle. Nicht diese verschulden die großen Vereine, sondern die Spieler in der Hierarchie Nummer elf bis 30. Das sind zwar auch noch gute Spieler, aber sie sind nicht mehr zu vermarkten und kosten trotzdem noch verhältnismäßig viel Geld. Von Messi lassen sich abertausende Trikots verkaufen, er lässt sich in die Werbung einbinden. Messi rentiert sich.

Angesichts dessen: Haben Sie zur falschen Zeit Fußball gespielt?

Drei Jahre in Italien würden mir heute schon reichen (lacht).

Wann ist in Ihnen das Feuer erloschen, Trainer sein zu wollen?

Etwa drei, vier Jahren nach meinen letzten Engagement bei der Austria 2000. Ich habe immer wieder noch Angebote bekommen, diese aus verschiedenen Gründen abgelehnt. Irgendwann wollte ich all diese Dinge, die ich mir aufgebaut habe – TV-Analytiker, Kolumnist, Werbeträger – nicht mehr aufgeben. Auch, weil ich bemerkt habe, dass mein Leben so wesentlich angenehmer ist, ich viel besser schlafe und unaufgeregter bin. Manchmal werde ich noch scherzhaft gefragt, was passieren müsste, damit ich auf die Trainerbank zurückkehre. Die Wahrheit ist: Ich müsste ein Angebot von Barcelona, Real Madrid, Bayern oder AS Roma bekommen. Und genau das, da bin ich mir tausendprozentig sicher, passiert nicht. Ich war 28 Jahre Spieler und Trainer, in dieser Zeit musste ich mich ausschließlich nach anderen und meine Familie sich nach mir richten. Jetzt kann ich mir Dinge einteilen und meiner Familie viel zurückgeben. Und das Allerwichtigste ist: Ich bin dem Fußball weiter verbunden. Das ist es, was ich wollte.

Marcel Koller ist seit mittlerweile dreieinhalb Jahren Teamchef. Haben Sie schon einmal eine längere Unterhaltung mit ihm geführt?

Nein. Ich glaube, das ist von ihm so gewollt. Im ÖFB fürchtet man die Verhaberung, die möchte Marcel Koller vermeiden. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass er sich nicht zu viele Freunde in ÖFB-Kreisen machen möchte. Dabei sind diese Verhaberungs-Vorwürfe in Wahrheit ja absurd. Man braucht sich nur den FC Bayern ansehen. Das ist die größte Verhaberung, die es gibt. Dort arbeiten fast ausschließlich ehemalige Bayern-Spieler – und der Klub ist der weltweit am besten geführte.

Bei Kollers Bestellung meinten Sie, „solche Trainer haben wir bei uns genügend“. Haben Sie sich getäuscht?

Ich habe schon nach wenigen Tagen bemerkt, dass es ein Fehler war, sich so zu äußern. So ein Fehler wird mir wahrscheinlich nie mehr passieren. Ich glaube, dass viele Journalisten damals meiner Meinung waren, aber es die viel bessere Geschichte war, dass es der Prohaska sagt. Ich hätte für das Nationalteam eben immer eine österreichische Lösung bevorzugt, das ist meine Einstellung. Ich hatte noch vor Otto Rehhagel ein Angebot, griechischer Teamchef zu werden, aber die griechische Nationalmannschaft zu trainieren, das konnte ich mir nicht vorstellen. Aus heutiger Sicht ist meine Aussage über Koller völlig egal. Der ÖFB hat einen Teamchef verpflichtet, der eine tolle Mannschaft geformt hat. Ich bin froh, dass Marcel Koller in Österreich arbeitet, weil er wirklich gute Arbeit leistet. Er ist ein Glücksfall für den österreichischen Fußball.

Steckbrief

Herbert Prohaska wurde am 8. August 1955 in Wien geboren.

Als Spieler feierte Österreichs Jahrhundertfußballer mit der Wiener Austria, Inter Mailand und AS Roma Erfolge.

Von 1993 bis 1999 war Prohaska Teamchef der österreichischen Nationalmannschaft, die er 1998 zur WM nach Frankreich führte. Selbst trug er das ÖFB-Trikot 84-mal (zwölf Tore). APA

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2015)