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Nach Bluttat in US-Kirche: „Nichts außer Traurigkeit“

Gorham rode his bicycle to pay his respects outside the Emanuel African Methodist Episcopal Church in Charleston
(c) REUTERS (BRIAN SNYDER)
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TV-Satiriker Jon Stewart brachte Stimmung nach rassistischem Blutbad in einer Kirche in Charleston auf den Punkt. Als Prediger der Nation hat sich Obama abgenutzt.

Wien/Washington. Als der Präsident im Presseraum des Weißen Hauses ans Rednerpult trat, mischte sich ein resignativer Unterton in seine Beileidsworte. „Ich musste solche Statements viel zu häufig abgeben“, sagte Barack Obama. Wie eine Blutspur markieren Anschläge auf einem Parkplatz in Tucson, ein Kino in Aurora und die Sandy-Hook-Grundschule in Newton seine Ära, und nach dem Massaker in der Methodistenkirche in Charleston ist die Kontroverse über die Waffengewalt in den USA obendrein mit dem Treibstoff des Rassismus verquickt.

Obama sprach über den „dunklen Teil unserer Geschichte“; er klagte, dass in „anderen entwickelten Ländern“ diese Form der massenhaften Gewalt nicht vorkomme, und er zitierte Martin Luther King. Zu oft übernahm Obama solcherart die Rolle als Tröster und Prediger der Nation, sodass seine Wirkung ein wenig schal geworden ist. Seine Initiative zur Verschärfung des Waffenrechts ist am Widerstand der Republikaner und der Waffenlobby NRA zerschellt, und am Status quo wird sich so schnell nichts ändern.

Umso stärker war in der Nacht auf Freitag der Effekt des sonst mit Witzen und sarkastischen Gags gespickten Eröffnungsmonologs der „Daily Show“ des TV-Satirikers Jon Stewart. „Ich habe nichts für Sie – außer Traurigkeit. Wieder einmal starren wir in einen Abgrund der Gewalt und betrachten die klaffende Wunde des Rassismus, die nicht heilen will – und geben vor, sie existiere einfach nicht.“ Stewart hielt seinen Zusehern einen Spiegel über den Zustand des Landes vor. Trotz „bemannter Todesmaschinen“, also Drohnen, trotz Folter werde es im Inneren nicht sicherer, monierte er.

 

Highschool-Abbrecher ohne Job

Der längst angelaufene Vorwahlkampf hielt inne, die Präsidentschaftskandidaten bezeugten ihre Kondolenz, Jeb Bush sagte einen Auftritt in Charleston ab. Die Republikaner wälzten die Schuld indessen bloß auf den Einzeltäter. In der traditionsreichen Stadt in South Carolina, reich geworden durch den Sklavenhandel – wo 1861 die ersten Schüsse des Bürgerkriegs gefallen sind –, erinnern Gedenkmessen und Trauerfeiern an die neun schwarzen Todesopfer. In den Kirchen im ganzen Land ertönt die Bürgerrechtshmyne „We Shall Overcome“, überall finden Solidaritätskundgebungen statt.

Daneben richtet sich der Fokus weiterhin auf den Attentäter, den 21-jährigen Dylann Roof, den die Polizei nach seiner Flucht in schutzsicherer Weste in ein Gefängnis in South Carolina überstellt hat. Der Highschool-Abbrecher, wegen eines Drogendelikts vorbestraft und ohne Job, deklarierte sich offen als Rassist. Auf seiner Facebook-Seite posierte er mit Apartheid-Abzeichen und der Konföderiertenfahne der Südstaaten, die im Übrigen auch über dem Kapitol South Carolinas weht. Das Land rätselt derweil, was den schlaksigen Burschen mit dem Pagenkopf zu seinem Ausbruch motiviert hat, der an die schlimmsten Zeiten des Ku-Klux-Klans gemahnt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2015)