Frühe Sprachförderung: Sprich mit mir

Symbolbild Kleinkind
Symbolbild Kleinkind(c) Clemens Fabry

Ideen für Wien. Geht es um Frühförderung, kann die Verantwortung der Eltern nicht hoch genug bewertet werden. Viele wissen das aber nicht – und setzen die Zukunft ihrer Kinder aufs Spiel.

Wie wichtig frühe Sprachförderung bei Kindern aus bildungsfernen Familien mit Migrationshintergrund ist, betonte schon vor Jahren der Wirtschaftsnobelpreisträger James Heckman, als er feststellte: „Für sie verzinst sich jeder ausgegebene Euro um ein Mehrfaches seines Wertes.“ Um die möglichen Defizite der Herkunft aufzuheben, ist tatsächlich keine Phase im Lebenslauf besser geeignet als die ersten fünf Jahre nach der Geburt.

Wartet man hingegen bis zur Einschulung, sind die Bildungsunterschiede oft so gravierend, dass sie kaum noch auszugleichen sind. Die Mängel bei der Sprache kann dann nur noch – wenn überhaupt – eine lange, aufwendige Betreuung wettmachen.

Bewusstsein kaum vorhanden

Das Problem: Erstaunlich wenige Eltern sind sich ihrer Verantwortung bewusst und vernachlässigen daher ihre Pflicht, ihren Kindern eine frühe Förderung der Sprachentwicklung zuteilwerden zu lassen. „Mit der Betonung auf Entwicklung und nicht auf Sprache“, sagt Eva Grabherr, Geschäftsführerin der Projektstelle „Okay.Zusammen leben“ für Zuwanderung und Integration in Dornbirn. „Denn wir müssen deutlich zwischen der Förderung der Sprachentwicklung und jener der Sprache(n) unterscheiden. Und bei beiden kommt auf die Eltern eine wichtige Aufgabe zu. Denn sie bilden und organisieren das Umfeld ihrer Kinder.“

Zur Erklärung: Bei der Sprachentwicklung geht es um die kindliche Entwicklung, die die Basis für das Erlernen jeglicher Sprache ausmacht. Diese Entwicklung kann in jeder Sprache geschehen: Wichtig ist, dass sie überhaupt stattfindet. Bei der Förderung von Sprachen hingegen geht es um die spezifischen Sprachen, die ein Kind braucht, um sich später im Leben zurechtzufinden: Deutsch als Landessprache, eine Herkunftssprache – aber auch für Deutsch als Bildungssprache, die wichtig für den Schulerfolg ist, werden die Grundlagen schon in der Kindheit geschaffen.

Die Sprachentwicklung beginnt unmittelbar nach der Geburt und kann nur durch das konsequente Zuhören und Sprechen mit Erwachsenen – also hauptsächlich Eltern, älteren Geschwistern oder anderen Bezugspersonen – erfolgen. „Kinder lernen die Sprache nicht vor dem Fernseher oder Computer“, so Grabherr. „Das heißt nicht, dass sie dort gar nichts lernen, aber die Sprache ist es jedenfalls in den ersten Lebensjahren nicht. Dafür braucht es direkte Kommunikation, die in den Alltag integriert wird.“ Wie? Indem man Kinder aussprechen lässt, sie nicht korrigiert, sondern ihre fehlerhaften Sätze richtig wiederholt, also moduliert, wie Experten sagen. Und indem man ihnen in die Augen sieht, wenn man sie anspricht. Aber nicht in einer Baby-, sondern einer hochwertigen Sprache, in der man sich selbst auch wohlfühlt.

Wenn man das erst einmal verinnerlicht hat, lässt es sich Grabherr zufolge sehr einfach anwenden. Etwa beim Baden der Kinder, beim Essen oder Spielen. Die Wichtigkeit dieser frühen Sprachförderung wird in Vorarlberg Eltern mit dem Programm „Mehr Sprache. Frühe Sprachförderung und Mehrsprachigkeit – eine Herausforderung für Familien und Institutionen der frühen Bildung“ nähergebracht. Ein Handbuch für Eltern mit dem Titel „Sprich mit mir und hör mir zu“ ist in sieben Sprachen erschienen und wird unter anderem in Beratungsstellen, Bildungsinstitutionen, Bibliotheken, Krankenhäusern, Migrantenvereinen und durch Kommunen in deren Babypaketen für Neugeborene kostenlos verteilt.

Mehrere Schweizer Kantone und die Bundesländer Tirol und Steiermark haben die Textlizenzen bereits erworben. „Wir wissen natürlich, dass schriftliches Material für die Arbeit mit Eltern mit schwächerem Bildungshintergrund nicht ausreicht“, meint Grabherr. „Daher haben wir auch ein Workshop-Angebot in mehreren Sprachen.“

Vorlesen statt sprechen

Was die Förderung der Mehrsprachigkeit von Kindern angeht, ist die Verantwortung der Eltern mindestens genauso groß. Denn auch diese muss vor der Einschulung beginnen – „durch direkten Kontakt mit der Sprache“, wie Grabherr sagt. „Türkischen Eltern, die sich beispielsweise nicht zutrauen, mit ihren Kindern hochwertiges Deutsch zu sprechen, rate ich, ihnen aus einem Buch vorzulesen, denn das können fast alle.“ Je früher ein Kind mit einer Sprache in Berührung komme, desto besser. „Wer Kindern also sprachliche Erfahrungen vorenthält, macht es ihnen grundsätzlich schwerer, später Wörter zu erlernen.“

Verstehen

Deutschprobleme gibt es auch in Schulen in Wien. Jeder fünfte Pflichtschüler mit Migrationshintergrund wird als außerordentlicher Schüler eingestuft, weil er dem Unterricht nicht folgen kann. Die steigende Zahl an Flüchtlingen wird das verstärken.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2015)