Badeunfälle: Schwimmkurse gegen das Ertrinken

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Es gibt immer mehr Nichtschwimmer. Vor allem Migranten sind betroffen, erst jüngst ertranken zwei Flüchtlinge in der Donau. Gratis-Schwimmkurse sollen Abhilfe schaffen.

Wien. Erst am Wochenende ist ein 16-jähriger Pakistani, der von einer Badeinsel auf der Donauinsel ins Wasser gestürzt ist, ertrunken. Seine zwei Begleiter, ebenfalls junge Flüchtlinge, waren offenbar auch Nichtschwimmer. Erst im Juni ist in der Donau bei Klosterneuburg ein 18-jähriger Flüchtling aus Afghanistan ertrunken. Zwei von vielen tödlichen Badeunfällen der vergangenen Sommerwochen, die auf ein wachsendes Problem hinweisen: Die Nichtschwimmer werden mehr. Und vor allem Zuwanderer, oft junge Flüchtlinge, sind davon betroffen.

„Wenn junge Erwachsene ertrinken, sind das fast ausschließlich Nichtschwimmer mit Migrationshintergrund“, sagt Wolfgang Schreiber, Notfallmediziner am Wiener AKH und Chefarzt des Roten Kreuzes. Ein Nichtschwimmer geht, wenn er ins Wasser fällt oder beim Abkühlen den Halt verliert, viel schneller unter als ein Schwimmer. Nach zwei, drei Minuten, schätzt Schreiber, verlassen einen spätestens die Kräfte, sich über Wasser zu halten oder um Hilfe zu rufen.

Schwimmen zu lernen hat in vielen Herkunftsländern keine Tradition. Nicht nur, aber auch deshalb werden in Österreich die Nichtschwimmer mehr, wie die die Österreichische Wasserrettung (ÖWR) warnt: Rund 30 Prozent der Erwachsenen in Österreich, schätzt Gerald Berger, Vizepräsident der ÖWR, können nicht oder kaum schwimmen. Die Zahl steigt. „In vielen Herkunftsländern ist eine Schwimm-Ausbildung nicht üblich. Muslimische Frauen haben oft das Problem, dass sie im Badeanzug nicht und mit langer Badekleidung in Österreich gewöhnlich nicht ins Wasser gehen dürfen.“

Aber auch der Unterricht an Schulen fehlt. Gerade am Land sperren Hallenbäder zu, weil sie nicht rentabel sind. Schwimmunterricht kann, selbst wenn er im Lehrplan stünde, oft nicht mehr abgehalten werden, so Berger. Das Kuratorium für Verkehrssicherheit hat auf die wachsende Zahl von Nichtschwimmern heuer mit einer Gratis-Schwimmkurs-Aktion reagiert. In 30 Kursen in ganz Österreich lernen im Sommer nun, finanziert vom KfV, 400 Kinder im Alter von fünf bis 15 Jahren Schwimmen. Nicht nur Migrantenkinder: Unabhängig von Herkunft und Nationalität richten sich die Kurse an Kinder aus sozial schwachen Familien, die sich privaten Unterricht nicht leisten können. Bei Bedarf – und der sei groß, heißt es – werde die Aktion der Kurse aus etwa zehn Einheiten mit professionellen Schwimmlehrern im Herbst fortgesetzt.

 

Ertrinken geschieht oft lautlos

Üblicherweise lernen Kinder heute mit vier bis fünf Jahren Schwimmen. Mit diesem Alter sind sie körperlich gewöhnlich stark genug, um den (zuvor im Verhältnis zum Körper zu schweren) Kopf über Wasser zu halten, erklärt Christoph Feymann vom KfV. Damit sind Kinder unter fünf Jahren eine der am stärksten gefährdeten Gruppen, wenn es um Ertrinken geht. „Wir warnen immer wieder, Kinder nicht eine Sekunde aus den Augen zu lassen“, warnt Notfallmediziner Schreiber. Trotzdem passieren 90 Prozent der tödlichen Badeunfälle bei Kindern unter fünf Jahren (im Schnitt sind das in Österreich zwei pro Jahr) unter Aufsicht von Erwachsenen in Hör- und Sehweite. Kleinkinder gehen lautlos unter, besonders in Naturgewässern mit schlechter Sicht kann das fatal sein.

Wie es die Fälle der vergangenen Hitzeperiode zeigen, sind daneben besonders auch ältere Menschen gefährdet. Oft stecken dahinter andere körperliche Ursachen, ein Schwächanfall, ein Herzinfarkt oder Kreislaufzusammenbruch auf Grund des abruptes Abkühlens. „Bei Kammerflimmern fällt man um wie ein Stück Holz“, man gehe sofort unter, warnt Schreiber vor der trügerischen Sicherheit, man könne sich im Falle eines Problems schon mit Winken und Schreien bemerkbar machen.

Wird ein Untergehen nicht sofort bemerkt, ist die Prognose schlecht: Vergehen mehr als zehn Minuten bis zur Bergung, ist die Chance, zu Überleben „nahezu Null“, so Schreiber. Rückt die Wasserrettung zur Suche aus, ist es in den meisten Fällen schon zu spät.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2015)