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Clintons lautes Pfeifen im Walde

Democratic presidential candidate Clinton speaks at a Service Employees International Union roundtable on Home Care at Los Angeles Trade-Technical College in Los Angeles
Hillary ClintonREUTERS
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Lang sah es aus, als sei Hillary Clintons Weg ins Weiße Haus vorgezeichnet. Doch ihre Nonchalance im Umgang mit Kritik lässt parteiinterne Konkurrenten erstarken.

Wer in den Vereinigten Staaten heutzutage als Politiker etwas gelten will, der scheint um ein Foto mit Kim Kardashian und Kayne West, dem Kaiserpaar der Klatschpresse und Hollywoodgesellschaft, nicht herumzukommen. Und so zwängte sich auch Hillary Clinton, die vermutliche Kandidatin der demokratischen Partei für die Präsidentenwahl im kommenden Jahr, vor den Bildsucher von Frau Kardashians Mobiltelefon, um sich mit den beiden in Form eines Selfies zu verewigen. Noch während tausende Kilometer weiter östlich, in einer Sporthalle in Cleveland, die 17 republikanischen Anwärter vor den Fernsehkameras von Fox News um die Kandidatur ihrer Partei ritterten, schickte die zeigefreudige Kardashian das Bild mit einer Wahlempfehlung für Clinton in die Welt: „Ich habe es wirklich geliebt, ihre Ziele für unser Land zu hören!“, frohlockte sie.

Welche Ziele das genau sind, wird – sofern sie sich nicht von Clintons bisherigen allgemeinen Slogans abheben – der breiteren Öffentlichkeit verborgen bleiben. Denn die Begegnung zwischen der ehemaligen First Lady, Senatorin und Außenministerin mit dem prominenten Glitzerpaar fand in Hollywood im Rahmen eines privaten Dinners vor rund 250 handverlesenen Parteiförderern statt. Mehr als 600.000 Dollar (550.000 Euro) brachte ihr das an Spenden ein. Nicht, dass Clinton dieses Geld unbedingt benötigt. Sie hat bisher bereits mehr als 19 Millionen Dollar für ihre Kampagne ausgegeben, doch selbst diese angesichts des frühen Zeitpunkts mehr als ein Jahr vor der Wahl hohe Summe stellt laut einer Analyse der „New York Times“ nur 40 Prozent von Clintons jetzt schon vorhandenen Finanzreserven dar. Der Strom an Spenden für ihre Kampagne sowie ihr „Super Political Action Committee“, also jenes Vehikel, das formal unabhängig von ihr Wahlwerbung betreiben wird, dürfte mit Beginn des Herbstes rasant anschwellen.

 

Kompetent, aber abgehoben

Die 67-jährige Kandidatin kann derzeit noch sowohl ihre physischen als auch ihre finanziellen Kräfte schonen. Doch allzu siegessicher darf Clinton sich nicht fühlen. Denn ihr seit Monaten in Meinungsumfragen abgebildeter klarer Vorsprung vor jedem auch nur theoretisch denkbaren parteiinternen Herausforderer schmilzt. In einigen neueren Umfragen liegt sie in den umkämpften Teilstaaten Iowa, South Carolina und New Hampshire knapp hinter verschiedenen republikanischen Kandidaten. Eine deutliche Mehrheit spricht Clinton große fachliche Kompetenz zu. Doch eine ebenso klare Mehrheit der Befragten findet sie auf der persönlichen Ebene unsympathisch und nicht vertrauenswürdig.

Clinton tut wenig, um dieses Meinungsbild zu ändern. Ihre bisherigen öffentlichen Auftritte waren detailliert durchchoreografiert, oft traf sie nur mit handverlesenen Anhängern zusammen, Bäder in der Menge wurden von ihrem Stab dadurch unterbunden, dass das Publikum recht rüde mit Absperrseilen auf Distanz gehalten wurde.

 

Gespanntes Warten auf Joe Biden

Der Eindruck, dass Clinton die Präsidentschaft als Anspruch und nicht als Verdienst betrachtet, wird durch ihren Umgang mit der Affäre um ihre privaten E-Mails verstärkt. Während ihrer Zeit als Außenministerin von 2009 bis Anfang 2013 benutzte sie auch für dienstliche Zwecke fast ausschließlich einen privaten, in ihrem Landhaus in New York platzierten E-Mail-Server. Das wurde erst vor einigen Monaten bekannt, ebenso wie der bemerkenswerte Umstand, dass Clinton einen Gutteil der elektronischen Nachrichten löschen ließ und nicht besonders eifrig mit dem Außenministerium bei der Aufarbeitung der Frage zusammenarbeitet, ob ihre private Korrespondenz auch vertrauliche Amtsgeheimnisse enthielt. Das ist Gegenstand von Ermittlungen des State Departments und der Bundespolizei FBI, ein strafrechtlicher Verdacht gegen Clinton liegt zwar nicht vor, einen schönen Eindruck macht es allerdings auch nicht.

Das stärkt die Sehnsucht nach zumindest ein bisschen parteiinterner Konkurrenz. Der Senator Bernie Sanders aus Vermont entzückt bereits seit Wochen den linken Parteiflügel, doch wirklich ernst würde es für Clinton erst, wenn der einzige Demokrat seine Kandidatur erklärten sollte, der ihr gefährlich werden kann: Vizepräsident Joe Biden. Noch hält er sich bedeckt. Doch aus seinem Umfeld drang vergangene Woche die Kunde in die Welt, Bidens neulich verstorbener Sohn habe ihm auf dem Sterbebett das Versprechen abgerungen, für das Präsidentenamt zu kandidieren.

AUF EINEN BLICK

Hillary Clinton. Die 67-jährige Kandidatin hat bisher in den Meinungsumfragen gegen jeden auch nur theoretisch denkbaren parteiinternen Herausforderer klar geführt. Mittlerweile schmelzen aber die Vorsprünge, denn Clinton hat nicht zuletzt den Ruf als unsympathische und nicht vertrauenswürdige Politikerin. Kritisiert wird auch, dass sie als nicht bürgernah wahrgenommen wird. Bisher hat Clinton während des Wahlkampfs mehr als 19Millionen Dollar ausgegeben, aber das Gros der vorhandenen Mittel ist noch unberührt. Zuletzt geriet Clinton in die Schlagzeilen, weil sie während ihrer Zeit als Außenministerin für dienstliche Zwecke ihre private Mailadresse benutzte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2015)