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Zehn Jahre nach Katrina: Platzangst im schwarzen Herzen New Orleans'

Wenige Monate nach Katrina ist der Jazz in der Stadt zurück und Bewohner finden sich zu einer Parade zusammen, einer „Second Line“.(c) Chin Alan/Eyedea/picturedesk.com
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Tremé, der Geburtsort des Jazz, des Rock 'n' Roll und einst die erste Gemeinde freier Schwarzer in Nordamerika, hat sich nach der Flut von 2005 erholt. Doch steigende Wohnkosten drängen eingesessene Anwohner ab.

Robin Rocque wirft einen kurzen Blick in die Runde: „Nun, da keine Minderjährigen unter uns sind, können wir das Offensichtliche festhalten: Jazz war am Anfang eine schmutzige Angelegenheit, in der es nur um Sex ging.“ Wir stehen an der North Rampart Street in New Orleans, der Grenze zwischen den Stadtteilen French Quarter und Tremé, dem Geburtsort dieses bedeutsamsten amerikanischen Beitrags zum musikalischen Weltkulturerbe.

Tremé, jüngst in der gleichnamigen Fernsehserie von David Simon popularisiert, ist das kulturelle Herz dieser stolzen, mehrheitlich schwarzen Stadt. Die Wassermassen, die der Wirbelsturm Katrina am heutigen Tag vor zehn Jahren durch Schifffahrtskanäle und über marode Flutmauern peitschte, haben diesen Stadtteil und seine Einwohner schwer getroffen. Der Gegensatz war krass: Tremé, im Jahr 2000 zu 92,4 Prozent schwarz, mit einem jährlichen Haushaltseinkommen von 26.960 Dollar zwei Drittel unter dem US-Durchschnitt, war komplett überschwemmt. Das French Quarter, zu 89,7 Prozent weiß und mit damals 80.712 Dollar Einkommen pro Haushalt und Jahr reicher als der Durchschnitt der USA, blieb trocken. Das French Quarter hat heute ziemlich genau so viele Einwohner wie vor Katrina, nämlich rund 4000. Die einst mehr als 8800 Menschen umfassende Bevölkerung von Tremé hingegen hat sich halbiert.

 

Eine Geschichte stetiger Vertreibung

Diese demografischen Tatsachen fassen eine stete Angst der Bürger von Tremé in nüchterne Zahlen: nämlich jene, wieder einmal von den politisch und wirtschaftlich am längeren Hebel sitzenden Weißen verdrängt zu werden. Diese älteste Gemeinde freier Schwarzer in Nordamerika ist heute in einer paradoxen Lage. Seine Nähe zu den touristisch und kulturell reizvollen Stadtteilen Marigny und French Quarter macht Tremé zu einem Anziehungspunkt für junge, akademisch gebildete und mehrheitlich weiße Zuzügler aus dem Rest der Vereinigten Staaten. Das ist gut, weil es die Immobilienpreise und somit das Aufkommen aus der Grundsteuer hebt, die für die Erfüllung kommunaler Dienstleistungen entscheidend ist. Es ist aber auch schlecht, weil die steigende Grundsteuer für viele alteingesessene Bewohner von Tremé das Leben in den eigenen vier Wänden unleistbar macht. Denn nach Katrina sind viele Familien mangels Arbeitsplätzen und angesichts zerstörter Schulen weggezogen. Zurück blieben oft nur die Großeltern. Sie sind zwar Eigentümer ihrer Häuser, beziehen aber nur karge Pensionen. So kann ein Grundsteuerbescheid das Ende eines langjährigen Familienheims bedeuten.

Das lässt viele Schwarze an die beiden großen kommunalpolitischen Vertreibungen denken, mit denen das gesellschaftliche Gefüge von Tremé im 20. Jahrhundert erschüttert wurde. Die erste fand 1917 statt, als das Rotlichtviertel Storyville auf Anordnung der US-Armee, die um die Gesundheit ihrer Truppen besorgt war, abgerissen wurde. Benannt nach seinem Schöpfer, dem Stadtrat Sidney Story, war dieses 1897 gegründete Quadrat von 16 Häuserblöcken ein Versuch zur Lösung des Problems der wuchernden Prostitution. Hier war sie, im Gegensatz zum Rest der Stadt, legal. Die Bordelle folgten alle demselben Konzept, erklärt Rocque: „Eine gut gefüllte Bar samt exzellenter Musikkapelle, um die Freier weichzuspülen und in Stimmung zu bringen.“ Der Bedarf nach Musikern war folglich groß, und so kam auch der junge Louis Armstrong hier im Jahr 1915 zu seinem ersten Gig in einem Bordell, wie er in seinen Memoiren beschrieb: „Du brauchst dir bloß lange Hosen anzuziehen und für die Huren die ganze Nacht lang den Blues zu spielen. Wenn du das machst, werden sie dich mit Kosenamen rufen, dir Drinks spendieren und ein Trinkgeld geben.“

So ließ es sich als Musiker in New Orleans prächtig leben, und das erklärt, wieso es von den alten Jazzmeistern aus dieser Zeit und in den Jahren danach keine Aufnahmen gibt: Es rentierte sich für sie nicht – zumal sie die obszönen Texte ihrer Nummern hätten umschreiben müssen. 1917 war der Spaß zu Ende, eine erste große Generation von Musikern aus New Orleans vertrieben.

 

Planierung historischer Häuser

Eine weitere Vertreibung folgte 1965. Im J&M Recording Studio von Cosimo Matassa an der North Rampart Street wurde der Rock 'n' Roll geboren; Fats Domino, Ray Charles und Little Richard nahmen im winzigen Hinterzimmer der Greißlerei von Matassas Eltern bahnbrechende Platten auf – allen voran Richards „Tutti Frutti“, das in seiner ursprünglichen Fassung eine überschwängliche Ode an den homosexuellen Geschlechtsverkehr war, dessen Text für die Plattenaufnahme entschärft werden musste. Hurrikan Betsy vertrieb die Musiker, viele von ihnen ließen sich in Memphis und Nashville nieder und begründeten die dortigen Musikindustrien.

Dieser Naturkatastrophe folgten Ende der 1960er zwei stadtplanerische: Erst planierte man mehrere Blöcke historischer Häuser, um den Louis-Armstrong-Park anzulegen und das Mahalia-Jackson-Theater zu bauen, einen Klotz, der kaum bespielt wird. Dann zerstörte man die Claiborne Avenue, eine florierende Geschäftsstraße, indem man sie der Länge nach mit einem Autobahnzubringer überdeckte. Dieser soll nun abgerissen werden, um Tremé für die medizinischen Fachkräfte, die in einem nahen, heuer eröffneten Hospital zu arbeiten beginnen, als Wohnort attraktiv zu machen. Robin Rocque, in Tremé geboren, aber schon lange nicht mehr dort ansässig, schüttelt angesichts dieser eigentlich erfreulichen Entscheidung den Kopf: „Das wird noch mehr von den alten Leuten aus dem Viertel vertreiben.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2015)