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"Der Gang ins Spital darf kein Todesurteil sein"

Amina J. Mohammed
Amina J. Mohammed(c) Katharina Roßboth
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Ende September will die Staatengemeinschaft das Nachfolgeprogramm der UN-Millenniumsziele beschließen. UN-Sonderberaterin Mohammed sieht in den Nachhaltigkeitszielen die erste wirkliche Antwort auf globale Entwicklung.

Die Presse: Wenn Sie in Ihrer Heimat Nigeria sind und gefragt werden, was die Nachhaltigen Entwicklungsziele sind – wie erklären Sie das den Menschen dort in aller Kürze?

Amina Mohammed: Viele kennen die Millenniumsziele. Ich erkläre ihnen, dass die Nachhaltigkeitsziele eine Reihe von Zielen sind, die Regierungen helfen können, besser zu investieren. Damit wir Armut beenden. Damit wir Jobs haben. Damit jeder von den Leistungen der Regierung profitiert.

Das klingt immer noch sehr abstrakt.

Man muss noch etwas weiter ausholen, weil es natürlich keine ausreichende Erklärung für die Nachhaltigkeitsziele ist zu sagen: Sie werden Euch ein besseres Leben verschaffen. Ich sage dann: Es ist der Weg, wie wir unsere Ressourcen auf eine andere Art und Weise verwenden werden. Und wenn die Wirtschaft wächst und die Dinge besser werden, dann werden die Menschen in der Hauptstadt dafür sorgen, dass es Euch in den Dörfern besser geht. Damit Ihr besseres Wasser bekommt, damit Ihr Zugang zur Gesundheitsversorgung erhaltet. Damit Ihr Eure Rechte wahrnehmen könnt.


Welche Veränderungen haben die Millenniumsziele den Menschen in Nigeria gebracht?

Die Menschen kannten sie nicht, bis wir einen Schuldenerlass bekommen haben. Dann haben wir eine Milliarde Dollar pro Jahr dafür verwendet, um ganz bestimmte Maßnahmen zu setzen. Ab diesem Zeitpunkt haben die Menschen die Millenniumsziele wahrgenommen, weil wir Gesundheitszentren gebaut haben, um die Müttersterblichkeit zu reduzieren. Wir haben mehr Grundschulen und mehr Klassenräume für überfüllte Schulen zur Verfügung gestellt. Und vor allem für mehr als 40 Millionen Menschen Zugang zu Wasser geschaffen – das war das Wichtigste. Wir haben auch das Ziel erreicht, den Hunger zu bekämpfen. Anders ist es bei der Verminderung der Armut. Da haben sie letztlich keine Verbesserung wahrgenommen.


Warum?

Das hat viel mit der Wahrnehmung zu tun. Wir messen die Verringerung von Armut oft nach Indikatoren, die ziemlich akademisch sind. Aber die Menschen in Nigeria wollen sehen, dass sie drei Mahlzeiten am Tag bekommen und nicht nur eine. Sie wollen sicher sein, dass sie ein Dach über dem Kopf haben und einen Job. Und dass sie in ein Krankenhaus gehen können, ohne fürchten zu müssen, dass das ein Todesurteil ist. Viele bleiben lieber zu Hause mit Gebeten und bei den Menschen, die ihnen vertraut sind, um beispielsweise eine Geburt zu überstehen. Sie gehen nicht ins Spital, weil sie wissen, dass viele andere von dort nicht wieder zurückgekommen sind. Die neue Agenda geht die Probleme nun auf tieferer Ebene an.


... und auf breiterer Ebene. Im Gegensatz zu den acht Millenniumszielen soll es zukünftig 17 Nachhaltigkeitsziele mit 169 Unterzielen geben. Ist das nicht etwas überambitioniert?

Es geht nicht um die Anzahl der Ziele, sondern um den richtigen Kontext. Was ist das Bestreben? Ist es überambitioniert, das Leben von jedem einzelnen retten zu wollen? Jedem Menschen Zugang zu Wasser verschaffen zu wollen? Wirtschaftswachstum anzustreben? Den Klimawandel zu bekämpfen? Wir versuchen, auf komplexe Zusammenhänge eine Antwort zu finden. Es geht darum, nicht länger die Symptome zu bekämpfen, sondern die Wurzeln anzugehen. Nachhaltige Entwicklung mit den 17 Zielen ist zum ersten Mal eine wirkliche Antwort.


Schätzen Sie einige Ziele wichtiger ein als andere? Die Abschaffung von Armut ist auf der Liste ebenso zu finden wie nachhaltige Industrialisierung und die Förderung von Innovation.

Nein, aber es gibt Prioritäten. Aber das hängt vom Land ab. Österreich wird sich andere Prioritäten setzen als Nigeria. Diese Agenda zeigt, dass wir untrennbar miteinander verbunden sind. Was auch immer an Konflikten, Unsicherheit, Migration, Arbeitslosigkeit passiert, hat auch hier Auswirkungen. Das ist nicht mehr nur ein Problem der Entwicklungsländer, diese Probleme kommen über die Grenzen.


Wie soll die Umsetzung dieser Ziele denn gemessen werden?

Das ist eine politische Vereinbarung, sie ist nicht verbindlich. Aber die Tatsache, dass alle sich dazu bekennen, ist außergewöhnlich. Vor drei Jahren haben wir gedacht, dass wir uns mit 193 UN-Mitgliedstaaten nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen könnten. Es haben sich so viele beteiligt, Wissenschaftler, Parlamentarier, Geschäftsleute – viel mehr, als wir es uns je erträumt hätten. Es gibt also viele Menschen, die den Willen haben, das Programm umzusetzen. Und das ist manchmal besser als jedes Gesetz.


Wie wollen Sie sicherstellen, dass das nicht Lippenbekenntnisse bleiben? Immerhin gibt es eine ganze Anzahl von Krisen, die derzeit dringlicher erscheinen.

Man darf ihnen nicht gleich alles auf einmal vorsetzen. Wir werden eine Übergangszeit brauchen, um die Umsetzung vorzubereiten, ich schätze zwei Jahre. Dafür haben wir global noch nicht die notwendigen Strukturen und Fähigkeiten. Das muss man Schritt für Schritt zusammensetzen. Deshalb ist es aber auch so wichtig, Indikatoren für die Umsetzung zu entwickeln.


Die Millenniumsziele der UNO werden als Erfolg betrachtet, obwohl nicht alle Ziele in allen Staaten erreicht wurden. Was ist denn der Schwellenwert für die Nachhaltigkeitsziele, um sie später als erfolgreich bezeichnen zu können?

Wenn wir verstehen, dass es um das Ganze geht und nicht um einzelne Teile, dass wir die Ursachen angehen und nicht die Symptome, dass es um Partnerschaft geht. Und dass wir Armut beenden. Denn das können wir erreichen. Nichts hält uns davon ab, das zu schaffen.