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Aggression und ihre Ohnmacht

Intervention politische Gespräche
Intervention politische Gespräche(c) Katharina Roßboth
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Eine Provokation zum Auftakt der Politischen Gespräche spaltet das Forum. Sie ist erklärbar.

Die Erregung über die Performance von Anna de Carlo zum Auftakt der Politischen Gespräche könnte mit dem Hinweis auf die Freiheit der Kunst rasch ad acta gelegt werden. Aber so leicht geht das nicht. Ein ganzer Saal stand auf, als es um das Gedenken der Toten ging, die durch das Nichthandeln verstorben sind – eine Anspielung auf die Flüchtlingskrise, die zögerlich-ängstliche Politik und auf ihre anwesenden Repräsentanten. Es war nicht nur eine Provokation, es war auch eine Anklage, an der sich das Publikum beteiligte.

Politische Krisen führen zu Aggression, zu einer Emotionalisierung. Die Finanz- und Schuldenkrise ebenso wie die Flüchtlingskrise spalten die Gesellschaft: Die eine Seite in dumpfer Feindseligkeit, die andere in aufgeregter, humaner Lösungssuche. Das Gefühl der Ohnmacht lässt auf beiden Seiten die Sprache verrohen, nach Schuldigen suchen, diese öffentlich anprangern.

Der Aktionismus von Anna de Carlo vom Zentrum für politische Schönheit hatte deshalb mit Schönheit nichts zu tun. Er hat genau in dieser gesellschaftlichen Wunde angesetzt, der rechtspopulistischen Feindbildpflege ein Gegengewicht mit den direkt angesprochenen Sarrazin, Orbán und Seehofer geboten. Auch das wäre in die Freiheit des künstlerischen Aktionismus einzuordnen gewesen, hätte das Publikum nicht rasend applaudiert. Ja, es geht um ein Aufwachen, ein Aufrütteln – aber um die Sache. Es geht nicht um das Schüren einer traurigen Begleiterscheinung: der Ohnmacht und ihrer unausweichlichen Aggression.

wolfgang.boehm@diepresse.com