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Asyl: Afghanen, die verdrängten Flüchtlinge

Die Familie Moradi in ihrer Unterkunft im Haus Karwan der Caritas Wien(c) Stanislav Jenis
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Alle reden über Flüchtlinge aus Syrien, aber es kommen fast ebenso viele Afghanen nach Österreich. Viele gehören zur Minderheit der Hazara. Die Zahl der unbegleiteten Minderjährigen ist besonders hoch.

Wien. Wer sich in den vergangenen Monaten mit der Flüchtlingsthematik befasst hat, der könnte meinen, nur Syrer wollen in Europa ein neues Leben beginnen. Aber das stimmt nicht. Schon gar nicht für Österreich.

Hier kommen fast so viele Afghanen wie Syrer an. Abgesehen von den über tausenden Flüchtlingen, die derzeit durch Österreich nach Deutschland reisen, haben im ersten Halbjahr 2015 rund 10.000 Syrer und 8490 Afghanen um Asyl angesucht. Mit einem Unterschied: Afghanen zieht es schon deutlich länger hierher. Seit neun Jahren ist Afghanistan immer unter den Top drei jener Herkunftsländer, deren Bewohner besonders häufig in Österreich um Asyl ansuchen. In den Jahren 2012 und 2011 führten sie die Rangliste sogar an. „Man darf nicht vergessen, dass die Syrer erst vor Kurzem die Afghanen als weltweit größte Flüchtlingsgruppe abgelöst haben“, sagt dazu Christoph Pinter, Chef des UNHCR-Büros in Österreich.

 

Täglich Attentate und Luftangriffe

Das Land versinkt seit Ende der 1970er in endlosen Bürgerkriegen. Attentate der Taliban stehen auf der Tagesordnung. Am Dienstag starteten die USA einen Luftangriff auf Kunduz, nachdem die Taliban am Vortag die nordafghanische Stadt zurückerobert hatten. „Entweder du machst bei den Taliban mit oder sie töten dich“, erzählt Mohammad Moradi. Der 34-jährige Afghane ist im August mit seiner Frau Majan und der vierjährigen Tochter Elham nach Österreich geflohen. Die Moradis gehören zur Ethnie der Hazara – ihre Community ist unter den Afghanen in Österreich besonders groß. Die Hazara gehören zur schiitischen Minderheit des Landes und werden von den Taliban stark verfolgt. „Bei uns sind sie eine Minderheit, und hier sieht man sie überall“, sagt der Afghane Tarik (Name geändert).

Die große Hazara-Community in Österreich hat Geschichte. Als die Taliban 1996 die Macht ergriffen, hätten die Hazara prinzipiell Asyl erhalten, erinnert sich Herbert Langthaler von der Asylkoordination Österreich. Dem sei jetzt nicht mehr so, aber die nun etablierte Community trägt ihren Teil bei, dass auch andere Hazara (und Afghanen) nach Österreich kommen. „Wenn jemand schon Bekannte und Verwandte in einem Land hat, dann ist das für Flüchtlinge oft ein großer Beweggrund, auch dorthin zu fliehen“, sagt dazu Pinter von der UNHCR. „Man sieht das eigentlich ganz gut bei Flüchtlingen aus Eritrea. Wir haben von dort kaum Ansuchen, während in der Schweiz die Community sehr groß ist.“ Dass Afghanen Österreich im europäischen Vergleich mögen, zeigt auch Eurostat: Neben Deutschland und Schweden zählt Österreich regelmäßig zu jenen Ländern, in die es asylsuchende Afghanen am meisten hinzieht. Und sie bleiben. Seit 2002 hat sich die Zahl der Afghanen, die in Österreich leben, verachtfacht. Von 2070 auf rund 16.800 Menschen. Die Syrer sind mit 11.300 Personen noch ein gutes Stück abgeschlagen.

 

De facto keine Abschiebungen

Die Moradis wussten wenig von Österreich, bevor sie hier ankamen. Sie wollten nach Schweden oder Deutschland. Landeten aber schließlich in Traiskirchen. Kein Einzelfall. „Österreich ist der Durchgang zum Westen. Viele schauen, wie weit sie kommen“, sagt Tarik. Und: Die Chancen, bleiben zu können, sind nicht schlecht. „Zwangsweise Abschiebungen nach Afghanistan finden eher selten statt, weil es Probleme mit den Heimreisezertifikaten gibt“, sagt Hilbert Karl, Leiter der Asylabteilung im Innenministerium. Der Fokus liege daher auf freiwilligen Rückkehrprogrammen. 200 Afghanen haben das im Vorjahr und heuer in Anspruch genommen.

(C) DiePresse

Der Rest? Rund 50 Prozent der afghanischen Asylwerber bekommen laut Karl Asyl oder subsidiären Schutz, rund ein Drittel sind Dublin-Fälle und rund 20 Prozent gehören zu jenen Asylwerbern, die während eines Verfahrens einfach verschwinden.

Auffallend hoch ist übrigens die Anzahl an unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen: Rund 6000 haben insgesamt im ersten Halbjahr 2015 in Österreich um Asyl angesucht. 4000, also zwei Drittel von ihnen, sind Afghanen. Grund dafür dürften die hohen Anerkennungsquoten sein. „Österreich hat bei den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen relativ hohe Garantien entsprechend dem EU-Recht“, sagt Karl. Auch die Betreuung für Jugendliche hier im Land sei gut. Das dürfte sich herumgesprochen haben.

Nach Abschluss des Verfahrens zieht es viele Afghanen – so wie andere Asylgruppen auch – nach Wien. Das AMS Wien hat derzeit 3200 von ihnen als arbeitssuchend vorgemerkt. Bei den Syrern sind es 3548. Wobei der Bildungsgrad der Afghanen deutlich niedriger ist. Laut AMS-Wien-Statistik haben 50 Prozent der als arbeitsuchend vorgemerkten Afghanen keine Pflichtschule abgeschlossen und nur 30 der 3200 Afghanen eine akademische Ausbildung. Im Vergleich: Bei den syrischen Flüchtlingen haben 27 Prozent keine Pflichtschule besucht, 20 Prozent haben dafür eine hohe bis akademische Ausbildung.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2015)