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Der "kürzeste Handelstag der Geschichte" dauerte 20 Minuten

(c) REUTERS (TOBY MELVILLE)
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Zum zweiten Mal in dieser Woche schließt China seine wichtigsten Börsen. Immer mehr Anleger fliegen aus chinesischen Papieren und ziehen ihr Kapital ab. Die Regierung ist nervös.

Peking. Lu Wei hat noch nicht einmal seine Jacke ausgezogen. Andere Händler um ihn herum rennen auf dem Börsenparkett hektisch hin und her. Viele blicken mit entsetzten Gesichtern auf ihre Bildschirme oder die großen elektronischen Kurstafeln in der Mitte der Shanghaier Börse.

Die Kurse zeigen alle tiefrote Minuswerte. Und sie rauschen immer weiter in die Tiefe. Schon ertönt der Gong. Der Handel wird für den Rest des Tages ausgesetzt, heißt es. Nach nicht einmal 20 Minuten. „Das dürfte der kürzeste Handelstag in der Börsengeschichte sein“, sagt Lu hinterher mit erschöpfter Stimme. Aber er ist froh über den Handelsstopp. „Sonst hätte ich diesen Tag nicht überlebt.“ Den vierten Tag in Folge geht es auf den chinesischen Aktienmärkten geradezu panikartig zu. Nachdem der Index CSI 300 mit Chinas wichtigsten börsenotierten Unternehmen am frühen Donnerstag in den ersten 13 Handelsminuten um fünf Prozent in die Tiefe rauschte, wurde der Handel zunächst automatisch für 15 Minuten unterbrochen. Nach Wiederaufnahme der Geschäfte dauerte es nur zwei Minuten, bis der Markt um sieben Prozent im Minus lag. Um nicht noch dramatischere Verluste zu riskieren, beendete die Börsenaufsicht umgehend den Handel.

 

„Anleger müssen sehr vorsichtig sein“

Diese Regel gibt es überhaupt erst seit Anfang des Jahres – prompt musste sie am ersten Handelstag auch schon angewendet werden. Nur drei Tage später kommt dieser Schutzmechanismus zum zweiten Mal zum Tragen. Am Freitag will Peking den Mechanismus aber schon wieder deaktivieren – eine Begründung wurde nicht gegeben.

„Wir erleben derzeit den totalen Ausverkauf“, beschreibt Chefvolkswirt Yu Fengwei von der Agricultural Bank of China (ABC) die derzeitige Lage an den chinesischen Aktienmärkten. Er nennt als Ursache unter anderem die Spannungen zwischen Saudiarabien und dem Iran, Nordkoreas jüngsten Atombombentest, aber auch Chinas allgemein unsichere wirtschaftliche Lage und die damit einhergehende Kapitalflucht. Im Sommer 2015 gab es bereits mehrfach heftige Turbulenzen an den chinesischen Märkten.

Daraufhin untersagte die chinesische Führung allen Anlegern, die an einem Unternehmen mehr als fünf Prozent Anteile besitzen, den Verkauf. Dieses Verbot wurde am Donnerstag aufgehoben. Nun wollen viele ihre Ramschpapiere loswerden. US-Starinvestor George Soros fühlt sich bereits an die große Finanzkrise von 2008 erinnert. „Anleger weltweit müssen jetzt sehr vorsichtig sein.“

Ganz so dramatisch sei die Lage noch nicht, ist hingegen der chinesische Ökonom Yu überzeugt und verweist darauf, dass Chinas Aktienmärkte wegen der ständigen staatlichen Interventionen eigenen Gesetzen folge. Die Kursentwicklung verlaufe nach wie vor weitgehend abgekoppelt von der Realwirtschaft. Ein Großteil der Bevölkerung würde daher die Finger von chinesischen Aktien lassen, und selbst die Anleger, die es wagen würden zu investieren, betrachteten den heimischen Markt nicht so sehr als langfristige Anlagemöglichkeit, sondern als ein Casino. Trotzdem gibt auch Yu zu: „Die allgemeine wirtschaftliche Stimmung in China ist äußerst angespannt.“ Kaum einer glaube, dass es derzeit noch ein Wirtschaftswachstum von sieben Prozent gebe, wie offiziell behauptet wird. Auch die Regierung sei nervös. Denn selbst mit diesem Wert wächst China so langsam wie seit mehr als 25 Jahren nicht.

Vor übertriebener Panik warnen Ökonomen hingegen bei der angeblich allzu drastischen Abwertung des Yuan. Allein in den vergangenen drei Tagen verlor die chinesische Landeswährung zum US-Dollar um 1,5 Prozent an Wert und drückte sie damit auf den tiefsten Stand seit 2010. Schon ist von einem neuen Währungskrieg die Rede. China wolle über eine Abwertung seiner Währung den heimischen Exporteuren auf die Sprünge helfe, lautet der Vorwurf vor allem aus den USA.

Doch Long Chen, Analyst des unabhängigen Wirtschaftsberatungsinstituts Draegonomics, wiegelt ab. Der zum Dollar fallende Yuan spiegle nur die realwirtschaftlichen Verhältnisse zwischen den beiden Volkswirtschaften wider.

Chinas Aussichten seien schlecht, die Wirtschaft der USA hingegen sei derzeit robust. Long verweist zudem auf den Euro. Der hat wegen der Geldpolitik der EZB auch zum Yuan ein Drittel an Wert verloren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2016)