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Den Wein einmal Wein sein lassen

Weinlese in Langenlois
Weinlese in LangenloisDie Presse

Langenlois wartet mit einer interessanten Stadtgeschichte auf, die in dem ganzen Trubel um Veltliner & Co. untergeht. Eine kleine Spurensuche.

Natürlich, bei Langenlois fallen sie einem automatisch ein, die Reben und das Loisium, doch damit wird Langenlois schon ein bisschen unrecht getan. Da mag Langenlois noch die größte Weinbau treibende Stadt im ganzen Land sein, aber ihre bemerkenswerte Geschichte hat die Aufmerksamkeit der Besucher ebenfalls verdient.

Eine historische Stadttour also. Und die beginnt am besten gar nicht in Langenlois, sondern in Hadersdorf am Kamp, wo die meisten Zugreisenden ohnehin umsteigen müssen. Da kann man die vier Kilometer bis zum Ziel gleich zu Fuß mitnehmen. Außerdem spazieren hier in einem Garten Alpakas herum. Auch nicht alltäglich.

Der zentrale Park von Hadersdorf begrüßt einen mit einem sehr gut erhaltenen Pranger aus dem 16. Jahrhundert. Hier wurden sie sprichwörtlich an den Pranger gestellt, die Bestraften, und es passt irgendwie dazu, dass das Wappen der Ortschaft zwei Landsknechte zeigt, die aufeinander einprügeln. Hadersdorf eben, der Name kommt nicht von ungefähr. Noch ein Blick auf die Gebäude am Landsknechtplatz gegenüber des Parks. Der runde, spätromanische Karner steht wuchtig auf der einen Seite, daneben die spätbarocke Pfarrkirche mit romanischem Fundament, und gegenüber das erst später barockisierte, schön renovierte Rathaus. Wie drei ruhende alte Herren stehen sie da.

Etwas über eine Stunde dauert der beschauliche Weg in das Zentrum von Langenlois. Den Kaffee gibt es im Ursin-Haus am zentralen Kornplatz, dort wartet auch schon der Stadthistoriker Johann Ennser, der historische Touren anbietet. Dicht besiedelt war Langenlois ja schon im Mittelalter, das Marktrecht wurde im Jahr 1310 verliehen. Das Interessante dabei: Vierzig Häuser bzw. ihre Besitzer erhielten einen Anteil vom umliegenden Wald als Lehen. Und aus diesen Vierzigern wurde gewissermaßen das Patriziat von Langenlois. Man war autonom und wohlhabend, auch dank des Weinbaus. Das Selbstbewusstsein der Vierziger lässt sich an ihren Häusern rund um den zentralen Kornplatz ablesen, sagt Ennser. Da wäre beispielsweise das Ursin-Haus mit den Giebeln in Trapezform oder auch das Sgraffito-Haus ein paar Schritte weiter.

Bei der Renovierung wurden unter dem Verputz große Sgraffiti entdeckt, die, soweit es ging, wiederhergestellt wurden. Eigenwillig sieht das kleine Gebäude aus, doch sehr anders als die anderen Prachthäuser am Kornplatz. Die Fassade zieren vier Frauen, es sind die biblischen Gestalten Batseba, Judith und Jaël sowie Lukretia aus der römischen Frühzeit. Als bürgerliche Oberschicht mochte man nun einmal Sgraffiti, schade, dass nicht mehr erhalten geblieben ist. Ennser erzählt auf dem Weg in die Pfarrkirche, dass es die Vierziger heute noch gibt. Nur sind es mittlerweile doppelt so viele.

Knochenhaufen. Vorbei geht es an der imposanten Dreifaltigkeitssäule. Weil die Pest im Jahr 1713 Langenlois verschont hat, waren es die Bürger selbst, die aus Dankbarkeit die Säule haben errichten lassen. Und dann über den Lois-Bach, den Namensgeber der Stadt. Hinter vielen Häusern, das ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich, erstrecken sich wunderbar idyllische Arkadenhöfe. Vor der Pfarrkirche holt Ennser die Schlüssel hervor und bittet durch die enge Treppe in das Gewölbe. Hier wurde 1982 bei Renovierungsarbeiten ein riesiger Knochenhaufen entdeckt. Es muss der Karner gewesen sein, von dem in den historischen Quellen oft die Rede ist, der aber nie lokalisiert werden konnte. Der damalige Pfarrer hat die Knochen sorgsam aufeinandergestapelt, ganz oben die Schädel. Ein wenig unheimlich ist es schon, hier unten im Halbdunkel. Hauptsächlich die Oberschenkelknochen wurden hier verwahrt, sagt Ennser. Was mit dem Rest passiert ist? Wir wissen es nicht.

Die selbstbewusste Autonomie von Langenlois lässt sich auch anhand der kleinen jüdischen Gemeinde nachzeichnen, die ab 1623 fünf Jahrzehnte lang hier existierte, bis zur großen Vertreibung aus Wien und Niederösterreich. Die jüdischen Händler Abraham und Isak Ries baten Langenlois um Erlaubnis für ihre Niederlassung, und die damalige Marktgemeinde sagte Ja. Es ist der einzige Fall, der uns bekannt ist, in der eine Kommune auf dem Land der Niederlassung von Juden und ihrer freien Religionsausübung zustimmte. Man fürchtete offenbar nicht, wie andernorts, die Konkurrenz, schließlich waren man die Langenloiser Weinbauern und die Juden vornehmlich Händler. Viel ist vom jüdischen Langenlois nicht übrig geblieben. Die Rudolfstraße war die alte Judengasse, und im Gasthaus zur Weißen Rose dürfte ein ehemaliges jüdische Bethaus eingerichtet gewesen sein.


Kind des Teufels, wer sich nicht freut. Ennser steht vor dem ehemaligen Gasthof und deutet auf ein Wappen hin, das der Erbauer des Gebäudes, Leopold Tanner, 1548 für sich anbringen ließ. In der Inschrift heißt es sinngemäß, dass jener ein Kind des Teufels sein muss, der sich nicht an Essen und Trinken erfreut. Für den einen oder anderen Bewohner mag es damals ein Fingerzeig Gottes gewesen sein, dass Tanner just in dem Jahr starb, als die Inschrift entstand. Die Anekdote soll die Besucher aber nicht davon abhalten, zum Abschluss der Tour doch ein Glas Wein zu trinken. Man ist ja in Langenlois.

Alte Stadt

Bis ins Mittelalter hinein ist der Weinbau in Langenlois belegt. 1310 erhielt Langenlois Marktrecht und wurde zu einer wohlhabenden Gemeinde. Die Oberschicht bildeten die Vierziger, also 40 Häuser, die mit Land ausgestattet worden sind. Rund um den zentralen Kornplatz sind einige der Vierziger-Häuser gut erhalten.

Der Stadthistoriker Johann Ennser bietet Touren durch Langenlois an. Kontakt über die Tourismusstelle im Ursin-Haus. Tel.: 02734 2000-0 oder
info@ursinhaus.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2016)