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"Jud Süß": Kurze Drehtage in Wien

(c) APA (Herbert Pfarrhofer)
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In Wien wird derzeit der Film „Jud Süß“ mit Tobias Moretti gedreht. Eine großteils österreichische Produktion, was Grund zur Freude gibt.

Die österreichische Filmbranche atmet auf. Zumindest bekommt man den Eindruck, wenn man beim Filmdreh einer österreichisch-deutschen Produktion zu Besuch ist und für wenige Minuten, zwischen genervten Möbelpackern und Kabelträgern, denen man den Weg verstellt, durch das Set spazieren darf. Mehr war am Donnerstag beim offiziellen „Fotocall“ der Produktion „Jud Süß“ nicht zu erfahren. Nur eben so viel: Der österreichische Film befindet sich im Aufwind.

Das sagt auch Franz Novotny, neben Markus Zimmer Produzent dieses mit 40 Drehtagen in Wien, München, Köln und Venedig insgesamt sehr aufwendig gestalteten Films. Große Hoffnungen setze man in die Ankündigung von Vizekanzler Josef Pröll und VP-Obmann Karlheinz Kopf, bereits ab 1.Jänner 2010 einen österreichischen Filmförderungsfonds mit einem Startkapital von rund 20 Mio. Euro einzurichten. „Die Bereitschaft ist da, es fehlt nur mehr an der Umsetzung.“

Der Film „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ (so der vorläufige Arbeitstitel) erzählt die Geschichte des österreichischen Schauspielers Ferdinand Marian, der 1939 von Joseph Goebbels überredet wurde, in dem antisemitischen NS-Propagandafilm „Jud Süß“ mitzuwirken, der im Jahr darauf bei der deutsch-italienischen Filmwoche in Venedig uraufgeführt wurde. Der durchaus begabte Schauspieler Marian witterte damals die Chance auf einen Karrieresprung und erkannte erst spät, welch fataler Fehler die Mitwirkung an dem Film war. Der verführte Marian wird von Tobias Moretti verkörpert, von Anfang an „Wunschbesetzung“ für Novotny. Moritz Bleibtreu verkörpert Joseph Goebbels als „nachvollziehbaren Bösewicht“.

In „Goebbels Büro“ lud man am Donnerstag Journalisten von Print, Fernsehen und Radio. Das Büro wurde im Gebäude der ehemaligen Landwirtschaftlichen Börse in der Leopoldstadt nachgestellt, bis zur NS-Zeit ein blühender jüdischer Stadtteil Wiens – und auch der Kulturstadtrat schaute vorbei. Nicht ohne Stolz und mit einem Geschenk. Stolz deshalb, weil die Stadt Wien via Filmfonds immerhin 500.000 Euro zur Finanzierung des 5,7Mio. Euro teuren Films beigetragen hat. Und als zuständiger Stadtrat mit Manieren kam Andreas Mailath-Pokorny (SP), um „euch alles Gute zu wünschen“, wie er zu Regisseur Oskar Roehler und Moretti sagte. Und er kam nicht mit leeren Händen. „Wir haben in der Stadt- und Landesbibliothek einige Urkunden gefunden, die für die Aufarbeitung der Geschichte um den Film ,Jud Süß‘ von Interesse sein könnten“, erzählte er.

Drei faksimilierte Dokumente überreichte er Moretti und Roehler, der sich schon jetzt über das große Interesse auch der deutschen Medien freut. Darunter ein Bild von Joseph Süß Oppenheimer, einem jüdischen Finanzberater, der 1738 aus antisemitischen Motiven hingerichtet wurde und wohl als Originalfigur des „Jud Süß“ gilt. Das Bild zeigt ihn in Ketten gefesselt. In der Stadtbibliothek fanden sich auch zwei Briefe aus dem Jahr 1946, in denen sich Schauspieler für ihre Kollegen, die bei „Jud Süß“ mitgewirkt hatten, einsetzten und bestätigten, dass diese keine Nationalsozialisten waren.

„Jud Süß“ soll 2010 ins Kino kommen. Die Produktion ist seit Langem wieder eine mit majoritärem österreichischen Anteil, das Land trägt 60 Prozent.

Trotzdem: Wenn der Film bei einem Festival laufen (ob er bis zur Berlinale fertig wird, konnte Novotny nicht sagen) und Preise kassieren wird, werden die Deutschen und die Österreicher diesen Triumph wieder gleichermaßen für sich beanspruchen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2009)